Gesellschaft

Steak und Tofu

Essen ist nicht gleich Essen. Selbst ganz ohne Vorurteile.

Von Beatrice Schlag

Ein Freund, dem es an Grips nicht mangelt, sagte kürzlich: «Es ist schon erstaunlich, was die grössten Freuden eines Mannes sind: Frauen, Autos und Fleisch.» Wir hatten gerade für ein Abendessen mit Kollegen eingekauft, Schweinefilet, Büffelmozzarella und Gemüse für die Vegetarier, Reis und Seidentofu für den Veganer.

Essen in der Gruppe ist nicht mehr so einfach wie früher. Aber gegen andere Kompliziertheiten, mit denen wir täglich umgehen, ist das nichts. Schon gar nicht Stoff für Diskussionen; diese sind alle geführt. Es sei denn, es kommt jemand mit einem schlagenden Argument für das Vertilgen von Fleisch daher. ­Ausser Gaumenfreude, Gewohnheit und Sucht gibt es ­bisher keines. Das sind ernährungstechnisch keine Argumente, aber sehr heftig gefühlte ­Bedürfnisse. Wem nie Bratwurstduft in die ­Nase steigt, wenn er Hunger hat, weiss nicht, wie schwer er wegzudrücken ist.

Was mich endlos erstaunt, ist das friedliche Zusammenleben von Vegetariern oder Veganern und Fleischessern. Nicht wegen der Diskussionen; die Liebe verschwindet ja nicht, nur weil man nicht das Gleiche auf dem Teller hat. Aber wenn der eine plötzlich den Veganismus entdeckt, während der andere sich sein Kotelett nicht nehmen lassen will, entstehen zumindest am Tisch verrutschte Sinnlichkeiten.

Eine Freundin, die sich als Mitbringsel immer dicke Steaks wünschte, wenn sie mich einlud, wurde von einem Tag auf den anderen Veganerin. Neulich bat sie um Agavensirup, weil er einen so niedrigen glykämischen Index ­habe. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete. Und so sassen wir am Tisch bei einem Glas Sojamilch, sie mit einem Teller Salat und Gemüsechips, ich mit Salat und einem Steak, nachdem sie mir am Telefon versichert hatte, mit dem Anblick von Fleisch habe sie überhaupt kein Problem. «Ein bisschen eklig ist es schon, wenn dieser blutige Saft heraus tropft», sagte sie, als ich mein halbgares Steak anschnitt. Also doch! Zur Wiedergutmachung wollte ich sie am nächsten Abend ins Restaurant einladen. Sie winkte ab, es gebe in den Landbeizen ringsum noch kein veganisches Essen. Wir müssen dringend neue Rituale finden.

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe