Jazz

Der erste Schrei, der letzte Seufzer

Tobi Preisig heisst der Geiger. Der Geiger, der Violinist, der Fiedler. Das sind nur scheinbar Synonyme, in Wahrheit unterschiedliche Manifestationen im Spiel des scheinbar klassischen Instruments. Tobias Preisig wechselt mit wunderbarer Unbekümmertheit von einer in die andere, in steter Verwandlung, vom schnellfingerigen Konzertviolinisten zum vibrierenden Stehgeiger, zum volksmusikalisch-handfesten Vital-Fiddler, zum fetzigen Jazz-Fiedler und darüber hinaus zum Geräusch- Experimentator, der sich im Flüstern auflöst, in gerade noch ahnbaren Kratzern, hingezupften, hingetupften Pianissimi.

Nicht weniger als die ganze Sozialgeschichte der Violine, der Geige, der Fiedel kommt hier zum Klingen. Preisig spielt, sozusagen, mal im Frack, mal im Flickenwams des Jahrmarkt-Unterhalters. Auf dem Cover hält er eine mexikanische Figur in Händen, ein die Geige spielendes Skelett: den Tod, der zu Allerseelen über den Gräbern zum Tanz aufspielt, am letzten Tag von Malcolm Lowrys Konsul oder, als schwarzer Geiger, in Kellers «Romeo und Julia». Eines der Stücke heisst «Totenmarsch», ein anderes «Transforming», wieder ein anderes «In Transit», ein viertes, kurzes, besonders eindrückliches «C’est l’ange qui part».

Die CD beginnt mit einem ansteigenden Crescendo wie dem Starten eines Düsen­motors, der Titel ist «Infinite Inhale»; der zweite «Infinite Exhale». Einatmen, ausatmen, verwandeln: Da geht es, ohne dass uns der Ernst erdrückte, um «transzendentale» Vorgänge: wie auf dem mexikanischen Totenacker unter dem Vulkan, mit ebenso viel ­Humor wie Pathos, Finesse wie Aplomb. Preisigs Band ist ­eine wunderbar integrierte Gruppe, welche ihre Reisen gemeinsam unternimmt (nur gelegentlich lösen sich Soli im traditionellen Sinn aus dem Kollektiv): Stefan Aeby am Piano, André Pousaz am Bass, Michi Stulz am Schlagzeug. Ihnen und Preisig geht es um Dynamik, um die Fallhöhe zwischen mit dickem Pinsel gemalter Expression und feinstgesponnener, behutsam poetischer Melancholie. Verwandlung, «Transition» auch in diesem Sinn. Das ganze Leben eben, vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer.

Tobias Preisig: In Transit. ­Traumton Records 4567

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