Gesellschaft

Schlitzauge

Der neue Basketball-Star Jeremy Lin ist das Ziel von alten Vorurteilen.

Von Beatrice Schlag

Vor einem Monat kannte niemand seinen Namen. Heute gilt Jeremy Lin, Amerikaner mit taiwa­nesischen Eltern, weltweit als Basketballphänomen. Der nur 1,91 Meter gros­se neue Point-Guard der New York Knicks – ein Zwergenmass für Basketballer – erzielte in den ersten vier NBA-Spielen, in denen er für die Knicks von Anfang an im Einsatz war, die Rekordzahl von 109 Punkten. Basketballfans versetzt die Zahl in eine Art Delirium. Legende Michael Jordan brachte es auf schlappe 99 Punkte.

Ob Jeremy Lin eine sagenhafte Glücks­strähne hat oder auch irgendwann zu den Legenden gehören wird, weiss niemand.

Tat­sache ist, dass ihm trotz seines früh erkannten Talents für Basketball keine Universität ein Sport­stipendium geben wollte, weswegen er in Harvard Wirtschaftswissenschaft studierte. Nach Meinung der Amerikaner sind Asiaten vielleicht gute Volleyballer oder Tischtennisspieler. Aber von Basketball sollten sie besser die Finger lassen. Dass Lin bei den Knicks überhaupt zum Einsatz kam, verdankte er dem Ausfall von Stammspielern.

Noch erstaunlicher als Lins sportliche Leistung ist die Tatsache, wie viel seit seinem Höhenflug in den USA von Rassismus gegen Asia­ten die Rede ist. Es begann mit dem lahmen Witz eines Fox-Reporters auf Twitter über die mutmasslich kärglichen Dimensionen von Lins Penis. Dann kam die TV-Grossaufnahme eines Transparents, das Lins Gesicht über ­einem fortune cookie zeigte. Ist je Käse auf Transparenten für Roger Federer? Als die Knicks mit Lin erstmals ein Spiel verloren, bezeichneten es gleich zwei Moderatoren als «Chink in the Armor». Das heisst wörtlich «Schwachstelle in der Rüstung»; chink ist aber auch das Schimpfwort für Chinesen. Lin, das Schlitzauge. Das war alles nicht böse gemeint, nur launig und gedankenlos – wie Rassismus in jeder Ecke der Welt daherkommt. Die bei Kommentaren über Schwarze und Latinos auf verbale politische Korrektheit achtenden Medien erschraken. «Jeremy Lin hat Amerika in die bisher ­ruhige Ecke beiläufiger Vorurteile und schlampiger Klischees über Asiaten gedribbelt», schrieb die Los Angeles Times.

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