Das Klimakatastrophensterben

Mit Fritz Vahrenholt äussert in Deutschland erstmals ein prominentes Urgestein der Umweltbewegung Zweifel an der offiziellen Klimadoktrin. Sein Buch kommt zu einer Zeit, in der die Akzeptanz der These von der globalen Erwärmung rasant schwindet.

Von Dirk Maxeiner

Debatten, die von der Politik für beendet erklärt werden, tendieren dazu, erst richtig loszugehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Streit ums Klima. Schon Mitte des letzten Jahrzehnts glaubte der damalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan ein definitives Verdikt in dieser Sache aussprechen zu können: «Die wenigen Skeptiker, die immer noch versuchen, Zweifel zu säen, sollten als das gesehen werden, was sie sind: aus dem Tritt, ohne Argumente und von gestern.» Nun ist seitdem einiges geschehen. Oder besser gesagt: Es ist nicht geschehen. Es ist praktisch nicht wärmer geworden. Die Welttemperatur stagniert seit nun weit über zehn Jahren auf dem gleichen (zugegebenermassen hohen) Niveau, das vergangene 2011 eingeschlossen.

«Wir brauchen eine Erklärung», fordert Fritz Vahrenholt, «insbesondere für den Stillstand der Erwärmung.» In Deutschland wagt es damit erstmals ein prominenter Name, Zweifel an der offiziellen Klimadoktrin anzumelden. Vahrenholt zählt zum Urgestein der deutschen Umweltbewegung und ist Autor des chemiekritischen Klassikers «Seveso ist überall». Der promovierte Chemiker war unter anderem SPD-Umweltsenator in Hamburg und zuletzt Vor- stand des RWE-Tochterunternehmens Innogy, das in erneuerbare Energien investiert. Jetzt erscheint von ihm ein neues Buch mit dem eindeutigen Titel «Die kalte Sonne. Warum die Klimakata­strophe nicht stattfindet».

Kein anti­grünes Buch

«Seveso ist überall» war eines der Werke, das der aufstrebenden grünen Bewegung Argumente lieferte. «Die kalte Sonne» lässt sich als Betrachtung darüber lesen, dass man beim Kampf um die vermeintlich gute Sache wahrhaftig bleiben sollte. Es ist kein anti­grünes Buch. Wie die meisten Klimaskeptiker war Vahrenholt über lange Jahre in Sachen Klimakata­strophe ein «Gläubiger». Und wie die meisten ist er erst durch einschlägige Erfahrungen mit Dogmatikern vom Glauben abgefallen.

«Ich habe es nicht mehr ausgehalten», sagt er, «ich musste dieses Buch schreiben.» Als erfolgreicher Politiker und Manager ist der Mann prinzipiell leidensfähig, aber klimatisch muss der Unterschied zwischen Sein und Schein für ihn dann doch zu gross geworden sein. Den Ausschlag gab für ihn vor zwei Jahren die Climategate-Affäre um ­führende Forscher des Uno-Klimarates IPCC. Deren gehackter E-Mail-Verkehr offenbarte, dass die Leitwölfe der Klimaforschung dissidente Forscher systematisch ausgrenzten und die Verbreitung nicht opportuner Ergebnisse behinderten. Sein Vertrauen war vollends erschüttert, als sich herausstellte, dass die sogenannte Hockeyschläger-Kurve manipuliert war. Diese Grafik spielt eine Hauptrolle in Al Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit». Sie soll zeigen, dass die jüngste Erwärmung dramatischer verläuft als alle historischen Warmzeiten.

Im Rahmen der Climategate-Affäre wurde auch ein Schriftverkehr zwischen dem Chef der Klimaabteilung des US-amerikanischen Zentrums für atmosphärische Forschung, ­Kevin Trenberth, und IPCC-Kollegen bekannt. Man frage sich, schrieb Trenberth, wo die globale Erwärmung geblieben sei. «Tat­sache ist, dass wir das momentane Ausbleiben der Erwärmung nicht begründen können.» Während die Granden des Weltklimarates nach aussen die Fassade der bedrohlich steigenden Temperaturen aufrechtzuerhalten versuchten, wuchsen im Inneren längst die Zweifel.

Aktuell zeigt sich nirgends jene dramatische Erwärmung, wie sie von den Klimamodellen des IPCC prognostiziert wurde – egal, welche der verschiedenen Messreihen man nimmt. Und dies trotz weiter munter ansteigender Kohlendioxid-Emissionen. Laut den Daten des britischen meteorologischen Dienstes Met-Office betrug der Temperaturanstieg zwischen 1997 und 2011 beispielsweise 0,051 Grad – das sind 51 Tausendstel, mithin ein Wert, der unterhalb der Messgenauigkeit liegt. Die interessantesten Beiträge zur Klimaforschung liefert somit im Moment das Klima selbst: indem es tut, was es will – und nicht das, was von ihm erwartet wird.

Empörte Hüter des Treibhaus-Grals

Normalerweise wäre dies in der Wissenschaft Anlass, eine einmal gefasste Hypothese noch einmal kritisch zu überprüfen. Nicht so in der Klimaforschung. Erkenntnisgewinn ist hier in erster Linie gefragt, wenn er den politischen Zielen dient. Und das tut die gegenwärtige Entwicklung ganz und gar nicht. Also schlägt die Stunde von Statistiktricks und Ad-hoc-Hypothesen. So lässt sich die gegenwärtige Pause in der Erderwärmung mühelos in einen ungebrochenen Erwärmungstrend verwandeln, man muss den Betrachtungszeitraum nur lange genug in die Vergangenheit ausdehnen – am besten bis zur letzten kleinen Eiszeit, die im 19. Jahrhundert endete. Aus diesem tiefen Temperatur-Tal ergibt sich garantiert ein ungebrochener Erwärmungstrend bis zum heutigen Tage.

Der erwähnte Kevin Trenberth und einige Kollegen liefern auch ein Beispiel, wie provisorische Stützbalken zur Stabilisierung eines vom Einsturz gefährdeten wissenschaftlichen Gebäudes eingezogen werden. Sie haben die vermisste Hitze angeblich in den Ozeanen gespeichert wiedergefunden. Dank kluger Computersimulationen gehen sie nun davon aus, dass die globale Erwärmung in 300 Metern Meerestiefe gewissermassen zwischengelagert wird. Solche zyklischen Schwankungen könnten durchaus ein Jahrzehnt oder auch mehrere dauern, änderten aber nichts an der grundsätzlichen Erwärmung.

Mal angenommen, Trenberth hat recht, dann stellt sich dennoch eine Grundsatzfrage. Wenn natürliche Einflüsse, etwa der Ozeane oder der Sonne, die menschlichen Einflüsse über Jahrzehnte aussetzen können, sind sie dann nicht erheblich wirksamer, als bisher angenommen? Ist Kohlendioxid tatsächlich der das Klima bestimmende Faktor, oder reitet es nur huckepack auf den natürlichen Kräften, verstärkt also Erwärmungstrends oder mildert Abkühlungstrends? Diese Frage ist weiterhin offen, und die Antwort hält für die von ihrer Wirkungsmacht überzeugten Menschen möglicherweise eine kosmische Kränkung bereit.

«Es kann gut sein, dass die Sonne diese Debatte alleine entscheidet, ohne die Klimaforscher», sagt Henrik Svensmark, Direktor für Sonnen- und Klimaforschung am nationalen dänischen Weltrauminstitut. Er arbeitet seit langem am Nachweis, dass die kosmische Strahlung die Wolkenbildung auf der Erde beeinflusst. Und da die Sonne je nach Aktivität und Stärke ihres Magnetfeldes mehr oder weniger kosmische Strahlung zur Erde dringen lässt, hätte sie damit einen womöglich entscheidenden indirekten Einfluss auf das Erdklima. Am Genfer Forschungszentrum Cern wurde deshalb das Experiment «Cloud» gestartet. Erste Ergebnisse bestätigen den von Svensmark angeführten Mechanismus. Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer empfahl seinem Team allerdings, die Ergebnisse nicht zu interpretieren, weil man sich damit in die «hochpolitische Arena der Klimawandeldiskussion» begebe.

Fritz Vahrenholt vermutet in seinem Buch, dass die Sonne eine wesentlich grössere Rolle spielt, als bisher angenommen. Er hält es sogar für möglich, dass die Erde wegen der derzeit geringen Sonnenaktivität erneut einer «kleinen Eiszeit» entgegengehen könnte. In der Tat gibt es dafür Indizien. Dennoch ist die Prognose gewagt. Das Klima macht nämlich auch nicht unbedingt das, was Skeptiker von ihm erwarten.

Vollkommen erwartbar und geradezu pawlowsch sind hingegen die Reaktionen der Hüter des Treibhaus-Grals. Eine Empörungsmaschinerie treibt den «Störenfritz» (Zeit) und «Klima-Sarrazin» (Taz) durch die Feuilletons. Vahrenholts vergangene Jahre im Sold des deutschen Energiekonzerns RWE dienen als Beleg für ­eine finstere Industrie-Verschwörung. Die Zeit geht sogar noch ein bisschen weiter und rückt den Buchautor in die Nähe von «Rabulisten am rechten Rand der etablierten Politik», er befinde sich dort, «wo auch Islamhasser, deutsche Neocons und andere Verächter liberalen ‹Gutmenschentums› sich tummeln». Doch um Vahrenholt muss man sich keine Sorgen machen, er ist mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet und mit allen politischen Wassern gewaschen. Der Zeitpunkt für sein Buch ist durchaus klug gewählt. Die Akzeptanz der These von der kommenden Klimakatastrophe schwindet in der Bevölkerung rasant, das ­zeigen praktisch alle Umfragen.

Diejenigen, die vom anthropogenen Klimawandel überzeugt sind, werden plötzlich vorsichtiger. Und diejenigen, die bisher ihre Zweifel eher für sich behielten, werden mutiger. In Amerika machte kürzlich Ivar Giaever, Nobelpreisträger für Physik und ­Obama-Unter- stützer, Schlagzeilen, als er aus der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft austrat. Begründung: Deren Aussage, die These von der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung sei «unwiderlegbar», widerspreche dem Prinzip der Wissenschaft. In die gleiche Richtung zielte ein offener Brief prominenter Techniker, Astronauten und Forscher, der in USA für Aufsehen sorgte. Überschrift: «Kein Grund zur Panik wegen der globalen Erwärmung».

Auch in der Politik ist mit dem Thema kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Das Kioto-Protokoll ist tot, die letzte Klimakonferenz in Durban war für die Sache alles andere als zielführend. Selbst die «Klimakanzlerin» ­Merkel ist still geworden, seit Deutschland seine Energiewende mit dem verstärkten Verfeuern von Kohle möglich macht. Es ­könnte deshalb sein, dass die Klimakatastrophe langfristig das gleiche Schicksal wie das Wald­sterben erleidet. Als der Baumbestand Ende der neunziger Jahre entgegen den Prognosen ­weiterhin weite Landesteile bedeckten und sich sogar ausdehnte, verschwand das Thema allmählich aus den Medien. Man redete einfach nicht mehr darüber. Mit jedem Jahr, da es auf der Erde nicht wärmer wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es mit der Klima­katastrophe genauso kommt.

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