Mit 500 Staatsmillionen in den Bankrott

Die Fotovoltaikbranche wird von einer Konkurswelle durchgeschüttelt. Wegen Konkurrenz aus China und weltweiter Überkapazitäten verschwinden in Europa und Amerika zahlreiche Arbeitsplätze. Das Jobwunder dank der Förderung von Solarstrom entpuppt sich als Illusion.

Von Alex Reichmuth

Wer nach der Atomkraftwerk-Havarie in Fukushima Aktien des Schweizer Solartechnologie-Zulieferers Meyer Burger kaufte, in der Hoffnung auf einen Boom von Alternativenergie, verlor viel Geld. Die Aktien notierten Ende 2011 bei 15 Franken – halb so viel wie zu Beginn des Jahres. Generell musste schmerzliche Verluste hinnehmen, wer in die Solarbranche investiert hatte. Böse erwischte es die etwa 15 000 Kleinanleger, die ihr Geld dem deutschen Unternehmen Solar Millennium zur Verfügung gestellt hatten: Kurz vor Weihnachten beantragte die Firma, die mit dem Slogan «Wir entwickeln die Zukunft» geworben hatte, die Insolvenz. Die deutsche Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sprach von der schlimmsten Firmenpleite für Privatanleger seit zwei Jahren. Die Pleite war nicht die erste in Deutschlands Solar­branche.

Zwei Wochen zuvor hatte bereits Solon Konkurs angemeldet. Das Unternehmen hatte in den drei ersten Quartalen 2011 einen Verlust von über 200 Millionen Franken angehäuft.

Laut Reuters sollen letztes Jahr fast 5000 deutsche Solarfirmen verschwunden sein. Viele derjenigen, die bisher überlebt haben, stecken in Schwierigkeiten: Q-Cells, einst der Börsenliebling in Deutschlands Solarsparte, schrieb zuletzt hohe Verluste und kündigte im November den Abbau von 250 Arbeitsplätzen an. SMA Solar trennte sich vor Jahresende von tausend Temporärarbeitern. Solarworld musste eine dreissigprozentige Umsatzeinbusse hinnehmen und ebenfalls Jobs abbauen. Gemäss Reuters wurden im letzten Jahr 20 000 deutsche Solar-Arbeitsplätze abgebaut. «Deutschlands Alternativenergie-Fiasko», ­titelte das Wall Street Journal im Dezember.

BP schliesst Solar-Sparte

Auch in anderen westlichen Ländern leiden Solarunternehmen schwer. In den USA gingen viele Firmen pleite. Schlagzeilen machte vor allem die Insolvenz des kalifornischen Unternehmens Solyndra im letzten Herbst. 2009 war Solyndra durch die Regierung Obama mit einem Kredit von über 500 Millionen Dollar gestützt worden, obwohl es laut Zeitungsartikeln Zweifel an der Solvenz gab. Die Warnungen sollen aber mit Blick auf Wahlkampf­spenden an Obama überhört worden sein. Im Dezember gab der britische Energiekonzern BP bekannt, dass er seine Solarsparte schliesse, die vor über dreissig Jahren gegründet worden war. «Wir haben es versucht und gekämpft, Geld damit zu verdienen», sagte ein Sprecher.

Auch Schweizer Solarunternehmen haben Schwierigkeiten. Die erwähnte Meyer Burger verordnete im November ihren Angestellten am Hauptsitz in Thun drei Wochen Zwangsferien, weil die Aufträge stockten. Laut Finanz und Wirtschaft soll Meyer Burger in den nächsten Wochen Kurzarbeit einführen. Bei Oerlikon Solar, der Solarsparte von OC Oerlikon, war der Bestellungseingang im dritten Quartal 2011 enttäuschend. Der Orderbestand hatte um 100 Millionen Franken abgenommen. Es gibt Gerüchte über einen Verkauf von Oerlikon Solar an chinesische Konkurrenten.

Für die Probleme der Solarbranche gibt es zwei Ursachen. Einerseits graben chinesische Produzenten ihren westlichen Konkurrenten mehr und mehr das Wasser ab. Selbst im Pionierland Deutschland stammt mittlerweile mehr als die Hälfte aller montierten Solarpanels aus China. Das Reich der Mitte produziert weitaus billiger – dank tiefer Lohnkosten und staatlicher Zuwendungen, die möglicherweise illegal sind. Auch die Umweltstandards sind nicht gleich hoch wie in Amerika und Europa. Die Basler Zeitung berichtete vor kurzem über gewaltsame Proteste von Anwohnern gegen die Umweltverschmutzung einer chinesischen Solarpanel-Produktionsfirma. Andererseits bestehen in der Solarbranche massive Überkapazitäten, die die Preise für Panels einbrechen liessen. Laut der Bank Sarasin stehen derzeit weltweite Produktionskapazitäten von 50 Gigawatt (GW) pro Jahr einem Absatzpotenzial von lediglich 21 GW gegenüber. Staatliche Subventionen für Solarstrom haben zu den überdimensionierten Produktionskapazitäten geführt. Jetzt, wo zahlreiche europäische Staaten ihre Unterstützung für Sonnenstrom zurückgefahren haben, stehen die Maschinen still.Die Konkurswelle zeigt zwei Dinge:

1 Der rasante Preiszerfall für Solarpanels in den letzten Jahren ist nur zum Teil auf technologischen Fortschritt zurückzuführen. Die weltweiten Überkapazitäten sowie die Dumpingpreise und tieferen Ökostandards in China haben ebenso dazu beigetragen. Es schadet dem Image des hochgelobten Sonnenstroms aber, wenn sich dessen Wirtschaftlichkeit nur dank Billiglöhnen und Umweltverschmutzung verbessert.

2 Das Jobwunder, das im Zusammenhang mit der staatlichen Förderung von Solarstrom versprochen wurde, ist nicht nachhaltig. Die anfängliche Marktführerschaft entglitt dem Westen, als die Produktion von Solarpanels zu einem Massengeschäft wurde. Gerade weil die Branche mit üppigen Subventionen gefüttert wurde, investierte sie zu wenig in Forschung und Entwicklung, was ihr jetzt zum Verhängnis wird.

Kommentare

+ Kommentar schreiben
 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe