Affären

Spekulant Hildebrand

Zwei Telefonate brauchte der oberste Währungshüter, um 75 000 Franken zu «verdienen». Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte, belügt die Öffentlichkeit. Und der Bankrat segnet seine unlauteren Währungsspekulationen ab. Jetzt ist die Justiz am Zug.

Von Urs Paul Engeler

Hildebrands Bankkonto: Der Ausriss belegt die wichtigste Transaktion, die er 2011 persönlich vorgenommen hat. Er kaufte am 15. August für 400 000 Franken gut 500 000 US-Dollar. Dieses Paket stiess er am 4. Oktober für 475 000 Franken wieder ab.

Den Dollar-Kauf, den Frau Kashya Hildebrand, Galeristin in Zürich, am 15. August für sich und ihr Töchterchen Natalia, 11, getätigt haben soll, hat in Wirklichkeit ihr Mann Phi­lipp Hildebrand, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), auf einem seiner eigenen Bankkonti vorgenommen, das er bei der Privatbank Sarasin unterhält. Genau 400 000 Franken investierte er per Anruf in dieses risikolose Geschäft. Nach der Frankenabwertung, die er als oberster Währungshüter alsdann beschlossen und am 6. September 2011 verkündet hatte, verkaufte er, wieder über sein eigenes Konto handelnd, ­Anfang Oktober die rund 500 000 Dollar mit einem satten Gewinn von 75 000 Franken.

Diese unstatthafte Transaktion war keineswegs das einzige Insidergeschäft, das der ­allseits applaudierte Star-Banker Hildebrand getätigt hat. Ein Blick in sein Sarasin-Konto belegt: Der Mann, der andern Bankangestellten immer strengere Vorschriften zumutet, der Stabilität garantieren soll, der die Schweiz international repräsentiert und seit kurzem den Titel eines Vizepräsidenten des internationalen Finanzstabilitätsrats (FSB) führt, ist ein Währungsspekulant. Regelmässig kauft und verkauft der Trader, der pro Jahr allein als SNB-Präsident 995 000 Franken verdient, dank seines Insiderwissens Dollars und Euros.

Alles auf dem eigenen Konto

Ein kleiner Angestellter der Bank Sarasin – nennen wir ihn in Anlehnung an den legendären Informanten der Watergate-Affäre «Deep Throat II» – hat diese Praktiken nun publik gemacht. In der Zwischenzeit hat er sich gleich selbst wegen Verletzung des Bankgeheimnisses angezeigt. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte bearbeitet den Fall. Da «Deep Throat II», der bereits vor Weihnachten die (offenbar desinter­essierte oder ängstliche) Blick-Redaktion in­formiert hatte, seinerseits Hildebrand wegen Verletzung des Börsengesetzes angezeigt und als ­Beleg Bankdaten beigebracht hat, interessiert die Zürcher Justiz sich nun nicht nur für «Deep Throat II», sondern auch für die ­Geschäfte des Schweizer Notenbankchefs. So wird möglich bis wahrscheinlich, dass gegen Hildebrand ein Strafverfahren eröffnet wird. Insider-Transaktionen sind Offizialdelikte; sie müssen von Amtes wegen verfolgt werden.

Artikel 161 des Strafgesetzbuchs ist klar: «Wer als Mitglied des Verwaltungsrates, der Geschäftsleitung, der Revisionsstelle oder als Beauftragter einer Aktiengesellschaft oder ­einer sie beherrschenden oder von ihr abhängigen Gesellschaft, als Mitglied einer Behörde oder als Beamter, oder als Hilfsperson einer der vorgenannten Personen, sich oder einem andern einen Vermögensvorteil verschafft, ­indem er die Kenntnis einer vertraulichen Tatsache, deren Bekanntwerden den Kurs von in der Schweiz börslich oder vorbörslich gehandelten Aktien, andern Wertschriften oder entsprechenden Bucheffekten der Gesellschaft oder von Optionen auf solche in vorausseh­barer Weise erheblich beeinflussen wird, ausnützt oder diese Tatsache einem Dritten zur Kenntnis bringt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.»

Diese Strafandrohung gilt ebenso für Insidergeschäfte von Angehörigen: «Wer eine solche Tatsache von einer der in Ziffer 1 genannten Personen unmittelbar oder mittelbar mitgeteilt erhält und sich oder einem andern durch Ausnützen dieser Mitteilung einen Vermögensvorteil verschafft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft.» Die Ausrede mit der Frau als Täterin, die sämtliche Medien brav übernommen ­haben, verschiebt nur das Problem.

Grossangelegter Vertuschungsversuch

Beinahe hätte der grossangelegte und raffiniert eingefädelte Versuch, die Machenschaften Hildebrands zu vertuschen, sein Ziel erreicht. Nur kurz flackerte Staunen und Nervosität durch einige Redaktionsstuben, als am Abend des Freitags, des 23. Dezember, die Schweizerische Nationalbank per Communiqué un­vermutet verbreitete, ihr Präsident Philipp Hildebrand geniesse weiterhin das uneingeschränkte Vertrauen des Bankrats, des elf­köpfigen Aufsichtsgremiums: Die Gerüchte, Hildebrand habe illegale Geschäfte betrieben, seien haltlos. Zeit zur Recherche blieb keine mehr, und die Getränke der Festtage spülten, wie von der SNB beabsichtigt, die ­Erinnerung an das «wohl ungewöhnlichste Communiqué in der jüngeren Geschichte der Nationalbank» (so der erfahrene Wirtschaftsjournalist Balz Bruppacher) weg.

Blocher nur der Briefträger

In einem zweiten Akt lancierten die von Hildebrand auf Bankkosten engagierten PR-Profis am Neujahrstag die grosse Offensive. SVP-­Nationalrat Christoph Blocher, so die von der Sonntagszeitung und der NZZ am Sonntag, den beiden publizistischen Armen des Notenbankchefs, als Hauptstory verbreitete Nachricht, sei es gewesen, der versucht habe, den Notenbankchef anzuschwärzen.

Nun reagieren auch Chefredaktoren von Sonntags-Blättern beim Namen Blocher wie pawlowsche Hunde beim Anblick der Wurst: Hirn aus, Speichel an! Und plötzlich waren nicht mehr die ­illegalen Deals des heiligen Herrn Hildebrand das Thema, sondern die Tatsache, dass Blocher die frühere Bundes­präsidentin Micheline ­Calmy-Rey (SP) davon in Kenntnis gesetzt hat.

Tatsächlich spielte Blocher in diesem Stück nur die Rolle eines Statisten, nämlich die des Briefträgers. Auslöser der Affäre ist «Deep ­Throat II», Hildebrands Kundenberater bei der Bank Sarasin und Cie. AG in Zürich. Der Bankangestellte hatte bereits im Oktober seinen Rechtsanwalt über die rechtswidrigen Transaktionen informiert. Ziel war es, eine Straf­untersuchung gegen Hildebrand zu erreichen. Der später informierte Blocher riet ­davon ab, etwas zu tun, was publik werden könnte; er wollte, dass der Bundesrat als Wahlbehörde der SNB-Spitze die Angelegenheit klärt und (mit einem diskreten, gesund­heitlich motivierten Rücktritt Hildebrands) regelt. So präsentierte der SVP-Nationalrat ­das Papier in ­einer vertraulichen Sitzung ­Calmy-Rey. Dieses Vorgehen hat sich als nicht allzu geschickt erwiesen; der direkte Weg zur Justiz hätte wohl mehr Erfolg und weniger Verschleierung versprochen.

Calmy-Rey allerdings nahm die Informationen offenbar ernst, sehr ernst sogar. Auf jeden Fall bot sie Markus Seiler, den Chef des Nachrichtendienstes, Michael Lüpold, den ­Direktor des Bundesamtes für Justiz, sowie Finanz­experten der Bundespolizei zur ge­heimen Unterredung vom 15. Dezember auf. Noch am gleichen Tag konfrontierte sie Hildebrand und die Nationalbank mit den Vorwürfen. Nach dem Alarm aus dem Bundeshaus liess die SNB die Sache anscheinend unter­suchen, nicht durch eine gänzlich aussenstehende, wirklich unabhängige In­stanz, ­sondern lediglich durch die von der SNB entlöhnte Revisionsgesellschaft Price­water­houseCoopers (PwC). Was die PwC-­Experten gefunden haben und wie sie die ­Fakten bewertet haben, bleibt geheim. Auch auf hartnäckiges Nachfragen über die Zahl der analysierten Konti und Bankverbindungen ­sowie über Millionen-Transaktionen Hildebrands verweigert die SNB jede Auskunft. Wie Recherchen der Weltwoche zutage fördern, entspricht das SNB-Communiqué (siehe Kasten auf Seite 15) nicht der Wahrheit.

Geheimsitzung des Bundesrats

Offenbar traute auch Calmy-Rey diesen SNB-Abklärungen nicht und beauftragte ihrerseits Kurt Grüter, den Direktor der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK), und dessen Stellvertreter mit eigenen Nachforschungen. In ihren letzten Amtstagen nahm sie in diesem politisch und ökonomisch explosiven Fall ihre Führungsverantwortung wahr, zumindest vorerst.

Am 23. Dezember traf der Bundesrat, der am 17. Dezember sein Jahresprogramm bereits als beendet erklärt hatte, sich zu einer ausser­ordentlichen Zusatzsitzung. Einziges Thema der klandestinen Unterredung, die dreieinhalb Stunden (!) dauerte und über die nicht ­informiert wurde: die seltsamen Geschäfte des Herrn Hildebrand. Dem Vernehmen nach zeigten sich die beiden Sozialdemokratinnen Calmy-Rey und Simonetta Sommaruga sowie SVP-Bundesrat Ueli Maurer besorgt über ­die explosiven Informationen.

Doch die von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), als ehemalige Bankrätin eine enge Vertraute Hildebrands, Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP), der ebenfalls eng mit Hildebrand kooperiert, sowie Doris Leuthard (CVP), einer ­dritten Anlaufstelle Hildebrands, angeführte Mehrheit blockte. Sie beschloss, einfach den grossen Deckel über die Affäre zu stülpen. ­Offenbar fühlten sie sich nach dem schriftlichen, aber nicht publizierten Bericht Grüters, der via Sonntag eine Unbedenklichkeitserklärung äusserte, sicher. Der oberste Controller des Bundes selbst brauchte vier Tage, um sieben konkrete Fragen der Weltwoche mit dem ­lapidaren Verweis auf die SNB, die keine Fragen beantwortet, zu beantworten . . .

In einem stundenlangen Hin und Her einigten Bundesrat und SNB-Spitze sich am Freitagnachmittag auf das lügenhafte Communiqué vom 23. Dezember. Da über die Feiertage keine Medien recherchierten und der ­anschliessende Marsch der enttäuschten Informanten zum Blick folgenlos blieb, schien die Affäre per Vertuschung bereinigt.

Detaillierte Fragen, welche die Weltwoche vor dem Jahreswechsel schriftlich stellte, schreckten Hildebrand und die SNB offenbar doch noch auf. Allerdings ­erweist sich der vermeintlich grosse präven­tive Gegenschlag, den sie mit dem Thema ­Blocher führen wollten, nun als fataler Fehler, weil die ersten Lügen mit noch penetranteren Lügen gesteigert werden. So schreibt der von Hildebrand und seinen Helfershelfern fehlinformierte Chefredaktor der NZZ am Sonntag wiederholt, die Dollar-Transaktionen seien über das Konto der Frau Hildebrands, einer US-Bürgerin, gelaufen. Wie der Fak­simile-Auszug, welcher der Weltwoche von einer dritten Seite zur Verfügung gestellt ­wurde, jedoch zweifelsfrei belegt, heisst der berechtigte Inhaber des Kontos Philipp Hildebrand, geboren am 19. ­Juli 1963, wohnhaft an der Scheidegg­strasse 44 in 8002 Zürich, vis-à-vis dem schönen Rieterpark.

Hildebrands Millionen-Käufe«

Deep Throat II» hält sich bedeckt; ein Interview ist nicht möglich. Hin­gegen wurde der Weltwoche von zuverlässiger Seite bestätigt, dass es auch der oberste Währungshüter selbst war, der ihm die Auf­träge ­zu den Devisenspekulationen erteilt hatte. Diese Aussagen sind glaubhaft. Erstens ist das Geschäft vom ­15. August nicht das einzige, sondern nur eines in einer Reihe von Transaktionen, die Hildebrand über die Devisenbörse Foreign ­Exchange (Forex) tätigte. Am 10. März zum Beispiel kaufte er für den stolzen Betrag von 1,1 Millionen Schweizer Franken 1,733 Millionen US-Dollar oder am 14. April 45 000 Euro zum Preis von Fr. 58 467.47. Die rund 500 000 Dollar, die er am 15. August erworben hatte, stiess er am 4. Oktober wieder ab – und aus den investierten 400 000 Franken wurden, nach ­Abwertung des Frankens vom 6. September, 475 000 Franken, ein risikoloser Gewinn von 18,75 Prozent innert sechs Wochen!

Dass nicht Ehefrau Kashya, die als Galeristin über andere geschäftliche und private Bankverbindungen verfügen muss, die lukrativen Deals getätigt hat, legt auch die Tatsache nahe, dass Hildebrand an diesem Montag im August neben den Dollar-Käufen weitere fünf Transaktionen abgewickelt hat: den Kauf von ­Roche-, Nestlé- (zweimal) sowie Weatherford-Aktien (zwei Pakete) im Wert von 96 100 Franken. Letzte Klarheit über den Auftraggeber kann die Kontrolle der Telefondaten liefern.

Sämtliche Bankleute, die den Fall Hildebrand verfolgen, staunen, schütteln die Köpfe und ärgern sich. Die Aufseher über den ­Finanz­- markt (Finma) haben verbindliche ­Reglemente erlassen, die jede ihrer Börsen­aktionen einer detaillierten Kontrolle unterstellen («Marktverhaltensregeln»). Effek­ten­händler werden zum Beispiel auf der «Watchlist» geführt, die alle preissensitiven Infor­mationen speichert; eine «Restricted List» bezeichnet all die Geschäfte, die Angestellte gar nicht tätigen dürfen. 66 Paragrafen umfasst das öffentlich zugängliche Rundschreiben (www.finma.ch). Einer der Treiber für immer härtere Vorschriften ist ausgerechnet Spekulant Hildebrand.

Was hingegen Hildebrand und seine Kollegen im Direktorium sich selbst alles erlauben, bleibt geheim! Zwar existiert ein internes ­Re­glement über Eigengeschäfte der Mitglieder des Erweiterten Direktoriums, das jedoch streng unter Verschluss bleibt. Nicht einmal die Nachfrage der Weltwoche, warum die Richtlinien nicht publiziert würden, wird beantwortet. Anscheinend sind die Regeln locker.

Allerdings hat Hildebrand 2006 in einem ­Interview mit der Bilanz einige Vorschriften erwähnt, was ihn definitiv als üblen Falschspieler entlarvt: «Wir dürfen etwa keine ­in­dividuellen Bank­aktien halten oder Wech­selkurs­operationen vornehmen. Falls wir Firmenaktien halten, ist dies nur über ein Vermögensverwaltungs­mandat möglich. Was also verlangt wird, sind Trans­parenz und bestimmte Richtlinien, die es einzuhalten gilt.» Wie dem Sarasin-Auszug zu entnehmen ist, nimmt Hildebrand regelmässig «Wechselkursoperationen» vor und hält er auch ohne Mandat Aktien mehrerer ­Firmen. Wie die ­anderen Konti und Depots ­bestückt sind, die er auch noch besitzt, kann nur erahnt werden.

Er verstösst gegen eigene Grundsätze

Falls dieses Reglement also noch in Kraft ist – und davon ist auszugehen –, dann ist die ­Causa Hildebrand längst ein Skandal, der weite ­Kreise involviert und unglaubwürdig macht. Obwohl die Sarasin-Unterlagen beweisen, dass der oberste Währungshüter vorschriftswidrig Devisengeschäfte tätigt und mit Aktien handelt, haben alle untersuchenden Behörden ihm einen Persilschein ausgestellt, und dies, ohne ihre Abklärungen öffentlich zu machen. Damit sind die Revisionsfirma PwC, der elfköpfige Bankrat mit alt Nationalrat Hansueli Raggenbass (CVP, TG) als Präsident, Kurt ­Grüter, der Chef der Finanzkontrolle, sowie die Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), Doris Leuthard (CVP) und Bundesrat ­Johann Schneider-Ammann (FDP) Teile einer eigent­lichen Staatsaffäre – und ab sofort nicht mehr tragbar.

Der vielgerühmte und auffällig geschnie­gelte Herr Hildebrand selbst entpuppt sich als Gauner, der sich illegal ­Vorteile erschleicht. Seine Abwehrversuche ­erinnern fatal an die untauglichen Manöver des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff, sich gegen die Wirklichkeit zu stemmen. Und die hohe politische Korona aber, die Hildebrand trotzdem schützt und stützt, besteht offenbar aus einem dichten Geflecht von Lügnern und Ver­tuschern.

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