Bundesratswahl

Zuppigers Erbsünde

Zehn Jahre lang benutzte Bruno Zuppiger eine Erbschaft, die er zu verteilen ­gehabt hätte, als Selbstbedienungsladen. Erst unter dem Druck drohender Strafklagen zahlte er aus. Für Zuppiger wurde die Sache «ohne Schaden für Dritte» geregelt.

Von Urs Paul Engeler

Überweisung zu eigenen Gunsten: Auftrag von Zuppiger an die Zürcher Kantonalbank.

Je höher ein Mensch aufsteigt, umso öffentlicher holt die Vergangenheit ihn ein. Der Zürcher SVP-Mann Bruno Zuppiger drängt in den Bundesrat, diesmal als offizieller Kandidat.

Vor elf Jahren, im November 2000, verstarb Frau H. B., eine aus Ostdeutschland stammende Angestellte der Firma Zuppiger & Partner AG, Wirtschafts- und Unternehmensberatung. Die Sekretärin hatte keine erbberechtigten Verwandten und hinterliess ein Vermögen im Umfang von rund 265 000 Franken, angelegt in Aktien, in der dritten Säule und auf Bankkonten.

Gemäss Testament vermachte die ­alleinstehende Frau ihren Nachlass zu gleichen Teilen zwei bekannten und anerkannten schweizerischen gemeinnützigen Organisa­tionen. Kurz vor ihrem Tod setzte Frau B. – auf Briefpapier der Firma übrigens – Bruno ­Zuppiger (respektive dessen Betrieb) als ­Willensvollstrecker ein. (Ursprünglich hatte sie eine andere Person dafür bestimmt gehabt.)

Weil Verwandte fehlten und die Bestimmungen der letztwilligen Verfügung gültig und eindeutig waren, schien die Erledigung dieser Aufgabe eine simple Routineangelegenheit von wenigen Wochen oder Monaten. Nicht so für Bruno Zuppiger.

Als die begünstigten Organisationen vier Jahre nach Eröffnung des Testaments sich nach dem Stand des Geschäfts erkundigten, lieferte Zuppiger ihnen im Jahr 2005 lediglich eine Zwischenabrechnung, allerdings ­eine der überraschenden Art. Er hatte sich einen Arbeitsaufwand von 522,75 Stunden gutgeschrieben, wobei der ehemalige Lehrer ohne juristische Fachausbildung für seine eigenen Bemühungen einen stolzen Stundenansatz von 350 Franken geltend machte, für seinen «projektverantwortlichen Mitarbeiter» einen solchen von 290 Franken und für die Sekretärin den grosszügigen Lohn von 160 Franken, pro Stunde.

In summa hatte die Firma Zuppiger & Partner auf diese Weise bis 2005 in verschiedenen Tranchen ein «Willensvollstreckerhonorar» von nicht weniger als Fr. 150 632.60 abgezweigt – ohne, wie es Pflicht und Usus wäre, die Erbberechtigten zu informieren. Zur Rede gestellt, begründete Zuppiger seine ausufernden Aktivitäten, die bereits mehr als die Hälfte des Erbes (in Zahlen: 57 Prozent) verschlungen hatten, mit einem letzten Wunsch, den die Verstorbene auf dem Sterbebett seinem Mit­arbeiter W. S. gegenüber noch mündlich geäus­sert habe: Er möge in Deutschland nach möglichen Verwandten forschen.

Ganz abgesehen davon, dass die «langwie­rige Suche nach eventuellen Familienangehörigen», so Zuppigers schriftliche Rechtfertigung, ­erwartungsgemäss keinen einzigen Namen zutage fördern konnte, überschritt er damit seine Kompetenzen als Willensvollstrecker, weil er den mündlichen Wunsch nicht belegen konnte. Insbesondere missachtete er die klare Verfügung bei der Testamentseröffnung von 2001, die das Bezirksgericht Zürich erlassen und damit sein Mandat abschliessend definiert hatte. «Die Erblasserin hinterliess weder Pflichtteilserben noch entferntere Angehörige der elterlichen Verwandtschaft und hat in ­einem in formeller Hinsicht offensichtlich gültigen Testament über den ganzen Nachlass verfügt. Unter diesen Umständen wären weitere Abklärungen gesetzlicher Erben aus der grosselterlichen Verwandtschaft – welche zum Teil in Deutschland zu erfolgen hätten – unverhältnismässig. Die Erbenermittlung ist daher einzustellen.» Die Publikation ihres Todes in einer grösseren Zeitung der Herkunfts­­- re­gion in der ehemaligen DDR genüge vollauf.

Während Zuppiger & Co. fieberhaft Phantom­verwandte auffinden wollten, ­stockte die Abwicklung der Erbsache. Zehn Jahre nach dem Hinschied der Frau B. lagen weder eine korrekte Abrechnung noch ein ­Teilungsvorschlag, noch die Überweisung der Restbeträge vor. Zuppiger hatte die Erben mit vagen Auskünften und den Versprechungen, die ausstehenden Summen würden demnächst ausbezahlt, jahrelang hingehalten. Was die beiden Organisationen am 18. Oktober 2010 zu ersten rechtlichen Schritten, zu einer Klage vor dem Bezirks­gericht Zürich gegen Zuppiger & Partner AG, zwang. Sie verlangten in ihrer Eingabe: «Es sei die Beklagte zu verpflichten, den Klägerinnen CHF 158 507.80 (abzüglich eines angemessenen, aber reduzierten Willensvollstrecker­honorars von maximal CHF 5000) zuzüglich Zins zu 5 % seit 1. Januar 2002 zu bezahlen, ­alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beklagten.»

Von der Schlamperei . . .

In einer Aussprache vom 3. November 2010 steuerten Zuppiger und die zwei Klägerinnen auf einen Vergleich zu. Zuppiger, der seine Unschuld beteuerte, den Ahnungslosen ­spielte und seinen subalternen Mitarbeiter W. S. für die unkorrekten Abläufe verantwortlich machte, wollte eine Reduktion der Forderung und grosszügige Fristen erwirken. Fast mit ­Erfolg: Was die beiden Organisationen damals aber noch nicht wussten, war die Tatsache, dass über 100 000 Franken aus der Erbmasse verschwunden waren. Nach genauer Durchsicht der erst bei diesem Termin ausgehändigten Unterlagen mussten die Erben nämlich «leider feststellen, dass sich Herr Zuppiger persönlich in ganz erheblichem Umfange an den Nachlasswerten direkt bedient hat». Sie hatten nicht Fr. 158 507.80 zugut, wie sie glaubten und einforderten, sondern rund 260 000 Franken.

Tatsächlich belegen Dokumente, dass der Firmenchef am 5. April 2007 mit eigenhändiger Unterschrift Herrn B. Kaderli von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) beauftragt hat, das Konto der verstorbenen Frau B. «zu saldieren und den Restbetrag auf das Konto [. . .] bei der Sparkasse Zürcher Oberland, 8340 Hinwil, gemäss beiliegendem Einzahlungsschein, zu überweisen». Inhaber des begünstigten Hinwiler Privatkontos ist Bruno Zuppiger selbst. Der «Restbetrag» der Erbschaft, den er heimlich wegzügeln und sich selbst gutschreiben liess, belief sich auf Fr. 100 850.95.

. . . zur versuchten Veruntreuung

In einem Zusatz zur Klageschrift warfen die Anwälte dem Nationalrat nicht mehr Schlamperei und überrissene Honorarforderungen vor, sondern strafbare Handlungen: «Veruntreuung» sowie «ungetreue Geschäftsbesorgung». Der Ton gegenüber Zuppiger wurde ruppiger; er wurde bezichtigt, «ganz offensichtlich eine tragende Rolle als Täter» gespielt zu haben: «Unter diesen geänderten Voraussetzungen sind unsere Klienten nicht länger bereit, Herrn Zuppiger in quantitativer Hinsicht entgegenzukommen und ihm grosszügige Zahlungserleichterungen bzw. -fristen einzuräumen. In der Beilage finden Sie ­unsere Schadensquantifizierung (samt Einzahlungsschein). Namens und auftrags unserer Klienten fordern wir Herrn Zuppiger auf, im Sinne einer Wiedergutmachung den eingetretenen Schaden [. . .] bis zum 31. Dezember 2010 [. . .] zu begleichen. Andernfalls sind wir befugt, die vorliegende Angelegenheit auch in strafrechtlicher Hinsicht der notwendigen Klärung zuzuführen.»

Diese Drohung wirkte. Um seine Haut, sein Geschäft und seine politische Kar­riere zu retten, beglich Zuppiger umgehend die Summe (samt neun Jahreszinsen von fünf Prozent!) – was als Schuldeingeständnis interpretiert werden darf. (Über die genaue Höhe des Betrags, der schliesslich den Erben ausbezahlt wurde, ist Stillschweigen vereinbart worden.)

Hinter dieser Abmachung versteckt sich heute der Bundesratskandidat. Konfrontiert mit acht detaillierten Fragen (siehe Kasten), antwortet der Angeschossene lakonisch und abschliessend: «In Ihrer nachgefragten Sache kann ich wie folgt antworten: Der Fall ist abgeschlossen. Alles ist geregelt ohne jeden Schaden für Dritte. Eine Stillschweigevereinbarung zwischen den Parteien verbietet mir, näher auf die Sache einzutreten. Mit freundlichen Grüs­sen Bruno Zup­piger, Nationalrat, Präsident Schweizerischer Gewerbeverband SGV.»

Im Raum schwebt allerdings weiterhin die Frage, ob die dem Spitzenpolitiker vorgeworfenen Delikte nicht von Amtes wegen verfolgt werden müssten. Das Strafgesetzbuch (Art. 138 und 158) bestimmt, dass lediglich Vermögensdelikte «zum Nachteil eines Angehörigen oder Familiengenossen» auf Antrag verfolgt würden. Alle andern Vorwürfe müssten also offi­ziell abgeklärt werden.

Kommentare

+ Kommentar schreiben
 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe