Die Heilkraft der Radioaktivität

Strahlende Hautcremes, strahlende Unterwäsche, strahlende Kondome – in den 1930er Jahren waren ­radioaktive Produkte ein Verkaufsrenner. Neue Forschungsresultate zeigen, dass das keinesfalls absurd war. Die Hinweise, dass massvolle Strahlung der Gesundheit nützt, verdichten sich.

Von Alex Reichmuth

Zum Wohl: das «radioaktivste Wasser». Bild: Leemage (MaxPPP, Keystone)

Die Gefahren der radioaktiven Belastung rund um das Atomkraftwerk Fukushima würden überschätzt, schrieb vor einigen Wochen die Weltwoche (Nr.  42/11). Es gebe sogar ernstzunehmende Hinweise aus der Wissenschaft, dass die Strahlung gesundheitsfördernd sein könnte. Der Artikel löste heftige Reaktionen aus. Recherche sei auf der Weltwoche-­Redaktion wohl ein Problem, kommentierte ein Leser auf der Website. Ein anderer empfahl dem Autor, «sich in die verseuchte Zone zu begeben und dort ein paar Monate zu leben, anstatt hier solchen inakzeptablen Seich rauszulassen».

Tatsächlich setzten sich in den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts viele Menschen freiwillig radioaktiver Strahlung aus. Sie suchten Kurorte auf, die damit warben, besonders strahlend zu sein. Dort ­badeten sie in radioaktivem Wasser. Sie ­tranken dieses auch, um ihrer Gesundheit zu nützen. Allgemein waren radioaktiv angereicherte Produkte damals ein Verkaufshit: Man ass strahlende Schokolade, benutzte strah­lende Hautcreme und kleidete sich in strahlende Unterwäsche.

Zelluläre Er­regung

Es ging damals oft um die Wirkung von ­Radon, einem radioaktiven Gas, das in uranhaltigem Gestein entsteht. Hohe natürliche Radonwerte werden etwa im Tessin, im Schwarzwald, in den deutschen Mittelge­birgen und in einigen Gebieten Russlands verzeichnet. Das Edelgas ist insgesamt für über die Hälfte der natürlichen radioaktiven ­Strahlung verantwortlich, der man auf der ­Erde ausgesetzt ist. Radon kommt nicht nur in der Atemluft vor, sondern auch in Wasser gelöst. Thermische Quellen in den erwähnten Gebieten sind oft stark mit radioaktivem ­Radon versetzt. Um sie haben sich Kurorte gebildet. Beispiele sind die Insel Ischia bei ­Neapel oder die Orte Lurisia im Piemont, St. Blasien im Schwarzwald, Brambach in Sachsen und Bad Gastein in Österreich. Radon soll Entzündungen hemmen und Schmerzen lindern. Vor dem Zweiten Weltkrieg warben viele Kurorte explizit mit ihrer Radioaktivität. «Lurisia – das radioaktivste Wasser der Welt», pries etwa der gleichnamige italienische Kurort sein Mineral­wasser an.

Daneben galten Produkte, die mit Radium angereichert waren und damit radioaktiv waren, in Europa und Amerika als der letzte Schrei. ­Radium ist die Vorläufersubstanz von Radon. Das Erdalkalimetall und seine chemischen Verbindungen sollten gegen Arthritis, Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs helfen. Angepriesen wurden etwa die radioaktive Seife «Tho-Radia» oder die radioaktive Hautcreme «Radiocremeline». Die Pharmazeuten boten ­Pomaden und Tabletten auf Radium-Basis an. Die Zahnpaste «Doramad» wurde folgendermassen beworben: «Ihre radioaktive Strahlung stärkt die Abwehrkräfte von Zähnen und Zahnfleisch. Die Zellen werden mit einer ­neuen Lebensenergie versehen.»

Beliebt waren auch Geräte, mit denen man selber das Trinkwasser mit Radium anreichern konnte – zum Beispiel das amerikanische Produkt «Revigator». Weiter gab es den radioak­tiven Dünger «Excitor Agral», das radioaktive Tierfutter «Provaradior», das radioaktive Kondom «Radium-Nutex» und die radioak­tive Unterwäsche «Iradia». Auf der Werbung für die Wolle «Oradium» war ein Kleinkind abgebildet. «Eine gesunde und sanfte Wärme, radioaktiv . . . », stand daneben. Und weiter: «Jeder kennt die ausserordentliche Wirkung der Biostimulation und der zellulären Er­regung, die durch Radium übertragen wird.»

Hohe Dosen sind zweifellos schädlich

Waren die Menschen in den 1920er und 1930er Jahren dermassen verblendet von irreführender Werbung, und setzten sie sich darum grossen gesundheitlichen Risiken aus? Nach der Ent­deckung der ionisierenden Strahlen (Röntgenstrahlen, Radioaktivität) wurden deren Gefahren Anfang des 20.  Jahrhunderts zwar erst allmählich erkannt. Viele Menschen, die mit ihnen hantierten, kamen zu Schaden – namentlich auch Wissenschaftler. Bis 1922 sind etwa hundert Todesfälle als Folge der Strahlung verbürgt. Bei solchen gesundheitlichen Schäden ging es aber immer um hohe Dosen an Radioaktivität – in der Höhe von mehreren Sievert. Sievert ist die physikalische Einheit für die biologische Wirkung radioaktiver Strahlung. Die schädliche Wirkung hoch dosierter Strahlung ist wissenschaftlich ein­deutig belegt und klar beschrieben. Allerdings gab es in der Wissenschaft schon früh Hin­weise, dass tiefe Dosen an Radioaktivität der Gesundheit nützen. In den letzten Jahr­zehnten verdichteten sich diese Hinweise: Eine Strahlung von bis zu einer Dosis von mehreren hundert Millisievert (Tausendstel Sievert) ist möglicherweise nicht nur unschädlich, sondern heilsam.

Bemerkenswert sind Beobachtungen bei den Überlebenden der Atombombenabwürfe über Hiroschima und Nagasaki. Während die Überlebenden, die einer hohen Strahlung ausgesetzt waren, im Alter oft an Krebs er­krankten, zeigte sich bei denjenigen mit tiefer Strahlenbelastung das Gegenteil: Sie litten ­etwa seltener an Leukämie als ­Menschen, die nicht von Strahlung betroffen waren. In ­einer Dosis von bis zu 200 Millisievert schien sich die Radioaktivität positiv für die Atombomben-Überlebenden auszuwirken.

Ähnliche Resultate gibt es für Orte, die auf natürliche Weise stark radioaktiv belastet sind. 1980 zeigte eine chinesische Studie, dass Bewohner in solchen Gebieten tendenziell seltener an Krebs leiden als solche in Gebieten mit tiefer Strahlung – wobei der Effekt bei 40- bis 70-Jährigen statistisch signifikant war. Zu einem ähnlichen Schluss kam 1987 eine in­dische Studie. 1982 ergab eine amerikanische Erhebung, dass Menschen, die auf über 900 Meter über Meer leben und damit besonders hoher kosmischer Strahlung ausgesetzt sind, weniger oft an Krebs sterben als Menschen, die unter 300 Meter über Meer wohnen. Allerdings wurden in dieser Studie Unterschiede bei den Rauch- und Ernährungsgewohnheiten nicht berücksichtigt, womit ihre Aussagekraft beschränkt blieb.

1995 kam eine andere amerikanische Studie zum Schluss, dass Lungenkrebs in den Ge­bieten der USA mit hoher Belastung durch radioaktives Radon seltener auftritt. Erwartet worden war das Gegenteil. Das Resultat sorgte für ungläubiges Staunen unter Forschern. Man vermutete methodische Fehler. Doch 2008 bestätigte eine weitere Studie, dass ­Radon in mässiger Dosis das Risiko von Lungenkrebs senkt.

Weiter ergab 1991 eine Studie, dass Arbeiter in amerikanischen Werften, die mit nukle­arem Material zu tun hatten und dabei radioaktiver Strahlung von über fünf Millisievert ausgesetzt waren, eine um 24 Prozent tiefere ­Sterberate hatten als Werftarbeiter ohne Be­lastung. Eine Untersuchung aus Grossbritannien zeigte, dass britische Röntgenärzte ­länger leben als ihre nicht strahlenbelasteten Ärztekollegen. 2004 kam eine Erhebung unter gut 45 000 Mitarbeitern kanadischer Nuklearan­lagen zum Schluss, dass die Häufigkeit einer Krebserkrankung bei denjenigen Mitar­beitern, die einer Strahlung von bis zu 50 Milli­sievert ausgesetzt waren, um 30 Prozent abnahm, verglichen mit denjenigen, deren Belastung unter einem Millisievert blieb.

Auch viele Tierversuche ergeben positive Wirkungen tiefer Strahlendosen. Die «Mega- mouse Study» in den USA, in der ab 1947 radioaktive Strahlung an Millionen von ­Mäusen getestet wurde, zeigte bis zu 40 Prozent weniger Krebs bei bestrahlten ­Mäusen. In anderen Versuchen alterten Mäuse langsamer, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. 2003 hielt eine Übersichtsarbeit fest, dass in 239 von 710 Studien über Tierexperimente mit tiefen Strahlendosen signifikant positive Effekte nachgewiesen ­werden konnten.

Die experimentelle Strahlenbiologie, bei der im Labor an Zellen und biologischem Gewebe geforscht wird, liefert weitere Indizien für gesundheitsfördernde Effekte. Ein typisches Resultat ist hier, dass Zellen bei starker radio- aktiver Bestrahlung widerstandsfähiger sind, wenn sie mit einer tiefen Dosis vorbehandelt wurden. Eine amerikanische Arbeit von 2008 begutachtete etwa 3000 Studien, die von positiven Effekten kleiner Strahlendosen bei Menschen und Tieren zeugten. Das Fazit war, dass die gesundheitsfördernde Wirkung bei 60 Milli­sievert pro Jahr offenbar am grössten ist. Diese Dosis liegt höher als die radioaktive Belastung in den meisten Orten der evakuierten Zone rund um das AKW Fukushima.

Trainingseffekt fürs Immunsystem?

Wie aber kann eine gesundheitsfördernde Wirkung tiefer Radioaktivität erklärt werden? Im Prinzip schädigt ionisierende Strahlung das Erbgut von Zellen und leistet damit dem Krebs Vorschub. Allerdings sind Erbgut­schäden ein alltägliches Phänomen, das mil­liardenfach auftritt. Der Körper ist bestens geübt darin, solche Schäden zu beheben. Enzyme reparieren DNA-Stränge. Zellen sterben ab, wenn ihr Erbgut defekt ist. Das Immunsystem schaltet potenzielle Krebszellen aus. Tumoren können nur entstehen, wenn die Selbst­heilungskräfte des Körpers geschwächt sind (etwa im hohen Alter) oder zu viele Erbgutveränderungen auftreten. Letzteres passiert zum Beispiel, wenn der Organismus hoher Radioaktivität ausgesetzt war.

Die sogenannte Hormesis-Hypothese («hormesis», deutsch: «Anregung») besagt nun, dass nieder dosierte Strahlung die Selbstheilungskräfte stimuliert. Die Strahlung verursacht zwar zusätzliche Genschäden, diese können aber in Schach gehalten werden. Es ergibt sich eine Art Trainingseffekt: Die körpereigene Abwehr hat mehr Übung darin, Schäden zu beheben. Somit kann sie gefährliche Mutationen ganz allgemein besser bekämpfen. Das Krebsrisiko sinkt auf ein tieferes Niveau als jenes ohne Bestrahlung.

Ob massvolle Strahlung tatsächlich gesundheitsfördernd wirkt, ist umstritten. Während Strahlenbiologen sich weitgehend einig sind, dass bei tiefer Radioaktivität zumindest nicht mit gesundheitlichen Schäden zu rechnen ist, halten die meisten Präventivmediziner an der sogenannten Linear-no-threshold-Annahme (LNT) fest. Diese geht davon aus, dass auch geringste radioaktive Strahlung schädlich ist und die Gefährlichkeit proportional mit der Dosis zunimmt. Bis heute ist LNT aber eine unbestätigte Hypothese. Die französische Akademie der Wissenschaften hat 2005 als ­erstes grosses Forschergremium mit der LNT-Annahme gebrochen und vertritt seither den Standpunkt, dass bei Strahlendosen unter hundert Millisievert keine Risiken erkennbar sind. Haben die Franzosen recht, könnten die meisten evakuierten Menschen um das AKW Fukushima sofort in ihre Häuser zurückkehren.

Sollten sich gesundheitsfördernde Effekte niedriger Strahlung bestätigen, würde sich der Boom radioaktiver Produkte in den 1930er Jahren als berechtigt erweisen. Radioaktivität wäre ein Heilmittel gegen Arteriosklerose, Parkinson, Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme oder Krebs. Don Luckey, ein amerikanischer Wissenschaftler und Vorkämpfer für die ­Hormesis-Hypothese, forderte sogar Freizeitparks mit radioaktiven Skulpturen und Strahlen-Wellnessparks. Auch könnte man dann die ­gültigen Grenzwerte massiv heraufsetzen, wie im Jahr 2003 das Journal of Nuclear Medicine Technology festhielt: «Das würde den Bau von Atomreaktoren einfacher und kostengünstiger ­machen.»

In der Öffentlichkeit sind die vielen wissenschaftlichen Hinweise auf positive Effekte aber völlig unbekannt. Strahlung gilt als des Teufels – egal, wie gering sie ist. Historisch gesehen, war nach den Atombombenabwürfen über Japan 1945 Schluss mit dem Wohlwollen gegenüber der Radioaktivität. Möglicherweise wurde die Angst vor Strahlung bewusst ge­fördert. Dies lässt zumindest eine Aussage des amerikanischen Arztes Crawford F. Sams vermuten. Sams war nach dem Zweiten Weltkrieg für das gesamte Gesundheitswesen in Japan nach der Kapitulation des Landes verantwortlich. US-Präsident Harry Truman habe ihm die Weisung erteilt, «dass die Auswirkungen der Bombe so gravierend wie möglich dargestellt werden müssen», sagte Sams in einem Interview. Radioaktivität galt bald nur noch als schrecklich. Die Umweltbewegung und der Kampf gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie basierten später auf diesem Schrecken.

In den Kurorten baden die Gäste allerdings weiterhin in radonhaltigen Thermen. Deren Radioaktivität wird aber nicht mehr herausgestrichen. Darum ist den Kurgästen in Ischia, Lurisia, Brambach oder Bad Gastein wohl auch nicht bewusst, dass ihr Badewasser min­destens so stark strahlt wie das Kühlwasser im AKW Fukushima, das als unbewältigtes Problem gilt. Zwar stammt die Radioaktivität in den Kurbädern von Radon und nicht, wie in ­Japan, (überwiegend) von Cäsium. Das Radon im Heilwasser zahlreicher Kurorte hat aber ­eine vergleichbare biologische Strahlen­wirkung wie die «radioaktive Brühe» in ­Fukushimas Reaktoren, wenn man in ihr ­baden würde.

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