Die Mär von der Todeszone

Auf Jahrzehnte hinaus verseucht und unbewohnbar – so stellt man sich hierzulande das Sperrgebiet um das Atomkraftwerk Fukushima vor. Die Risiken von mässiger Radioaktivität werden hochgespielt. Laut heutiger Forschung könnte die Strahlung sogar gesundheitsfördernd sein.

Von Alex Reichmuth

«Grosse Sorgen um die Kinder von Fuku- s­hima», titelte die NZZ vor einigen Tagen. Die Zeitung schilderte, wie eine Mutter in sechzig Kilometer Entfernung vom havarierten japanischen Atomkraftwerk um die Gesundheit ­ihrer drei Kinder bangt. Der Artikel ist typisch für viele Medienberichte der letzten Wochen und Monate. Seit der Zustand der defekten japa­nischen Reaktoren einigermassen stabil ist, konzentrieren sich die hiesigen Journalisten auf die Situation in den evakuierten Gebieten. Tenor ihrer Berichte: Um das AKW sei eine Art Todeszone entstanden. Eine Rückkehr der Evakuierten sei wohl auf Jahrzehnte hinaus unmöglich. Die Bevölkerung trage ein sehr ­hohes Gesundheitsrisiko.

Ist dieses alarmierende Bild zutreffend? In den meisten Gebieten um das AKW liegt die Strahlendosis, die im ersten Jahr im Freien zu erwarten ist, unter den 20 Millisievert (mSv), die als Grenzwert für eine Evakuation gelten (siehe Grafik). In einem Streifen, der sich vom AKW gegen Nordwesten hinzieht, werden jedoch höhere Werte erreicht, die teilweise über 100 mSv liegen, nahe der Reaktoren sogar über 200 mSv. Zusätzlich gibt es einige eher zufällig verteilte hot spots, wo vergleichsweise hohe Werte gemessen wurden.

Kurort im Iran – hoch belastet

Was bedeuten diese Werte? Sievert (Sv) ist die Einheit für die biologische Wirkung radioak­tiver Strahlung. Werden Menschen schlagartig mit einer Dosis von 4,5 Sv bestrahlt, stirbt die Hälfte von ihnen an akuter Strahlenkrankheit. Weniger dramatisch sind die Auswirkungen, wenn eine Strahlendosis nicht sofort, sondern kontinuierlich über mehrere Monate oder ­Jahre aufgenommen wird. Strahlenbiologen schätzen, dass 5 von 100 Personen an Krebs (Leukämie, solide Tumoren) sterben pro zusätzliches Sievert Strahlung, das sie aufnehmen. Diese Spätfolgen sind allerdings nur bei hohen Gesamtdosen im Umfang von mehreren Sievert belegt. Bei kleineren Gesamtdosen hingegen, zum Beispiel bei mehreren hundert Millisievert (Milli . . . = Tausendstel . . .), ist eine erhöhte Krebsrate nicht erwiesen.

Insbesondere nicht nachweisbar sind Spätschäden an den Orten der Erde, die stark durch natürliche Strahlung belastet sind. Diese stammt vor allem aus dem Weltall und aus dem Gestein. Durchschnittlich beträgt die natürliche Strahlendosis weltweit 2,5 mSv pro Jahr. In den Alpen oder im Tessin ist sie aber vielerorts 5 mSv oder sogar 10 mSv pro Jahr, so dass die dortige Bevölkerung während ihres Lebens ­eine Gesamtdosis von mehreren hundert Mil- lisievert abbekommt. Insbesondere liegt die Lebensdosis an vielen Orten über den 350 mSv, die nach dem Unglück von Tschernobyl als Kriterium für die Evakuation galten. «Gemäss diesem Kriterium müssten etwa zehn Prozent des Alpengebietes als Todeszonen gelten, wo die Bevölkerung sofort weggebracht werden müsste», sagt Walter Rüegg, Kernphysiker und ehemaliger Chefphysiker der Schweizer Armee. Auch an vielen Orten in Finnland, Süditalien, Norwegen oder Rumänien liegt die natürliche Radioaktivität über der Evakuationsdosis von Tschernobyl, zum Teil deutlich.

Der weltweit am stärksten belastete Ort ist wohl Ramsar im Iran. Dort herrscht eine natürliche Radioaktivität von etwa 80 mSv, an ­einigen Stellen sogar bis 250 mSv pro Jahr. Dennoch sind keine negativen Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung bekannt. Ramsar ist im Gegenteil ein vielbesuchter Kurort, der als besonders gesundheitsfördernd gilt.

Aus statistischen Gründen können allfällige Spätfolgen bei mässiger radioaktiver Belastung nur schwer nachgewiesen werden. Die zusätzlichen Krebsfälle gehen in der hohen Zahl sonstiger Fälle schlicht unter. Um sich zu behelfen, stützt man sich in der Gesundheitsvorsorge häufig auf die linear-no-threshold- Annahme (LNT) ab. Diese geht davon aus, dass es keine untere Schwelle gibt, unterhalb der Radioaktivität unschädlich ist. Schon beliebig tiefe Dosen wirken negativ. Man rechnet die Effekte, die bei hohen Dosen beobachtet werden, anteilsmässig auf tiefe Dosen herunter.

Auf der Basis der LNT-Annahme schätzt UNSCEAR, das Forschungsgremium der Uno zu den Auswirkungen radioaktiver Strahlung, dass bei einer zusätzlichen Dosis von 100 mSv das Krebstodrisiko um 0,3 bis 0,7 zusätzliche Fälle pro 100 Personen steigt. Das stimmt mit den Schätzungen anderer Forschungsgremien überein. In einer Studie in der Wissenschafts- zeitung BMC Public Health wurde 2007 dieses Risiko mit demjenigen anderer Gesundheits- gefahren verglichen: Passivrauchen führt zu 1,7 Todesfällen pro 100 Einwohner, die Luftverschmutzung in stark verschmutzten Städten gar zu 2,8 Todesfällen pro 100 Einwohner. Die Autoren der Studie ziehen den Schluss, dass viele Menschen, die nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl in der Sperrzone blieben, ein kleineres Gesundheitsrisiko tragen, als wenn sie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit ihrer hohen Luftverschmutzung gewohnt hätten. Auf Japan übertragen, müsste man der Bevölkerung Tokios, die von schlechter Luft betroffen ist, aus gesundheitlichen Gründen empfehlen, in die Nähe des AKW Fukushima umzuziehen.

Äpfel essen kompensiert das Risiko

Drückt man die Schädlichkeit von Radioaktivität aufgrund der LNT-Annahme in reduzierter Lebenserwartung aus, so verliert man pro Millisievert statistisch etwa sechs Stunden. Bei 20 mSv, die in Japan als Kriterium für eine Evakuation gelten, beträgt der Verlust somit fünf Tage. Zum Vergleich: Regelmässiges Rauchen verkürzt das Leben statistisch um zehn Jahre, Fettleibigkeit um ein bis vier Jahre. Der Schaden von 20 mSv kann auch mit dem gesundheitsfördernden Effekt von Äpfeln verglichen werden. Isst man täglich einen (zusätzlichen) Apfel, hat man das Risiko von 20 mSv pro Jahr statistisch bereits mehr als kompensiert.

Falls es bei der Schädlichkeit radioaktiver Strahlung tatsächlich keine untere Schwelle gibt, hat auch die Belastung durch medizinische Untersuchungen Konsequenzen. Wenn sich hundert Menschen im Alter von 45 Jahren je einer Ganzkörper-Computertomografie unterziehen, sterben 0,08 Menschen an Krebs, wie 2007 eine amerikanische Studie schätzte. Rechnet man dieses Risiko mit den 62 Millionen solcher Untersuchungen hoch, die jährlich in den USA durchgeführt werden, ergeben sich 50 000 Tote – pro Jahr. Auch die natürliche Strahlung hat horrende Folgen, sofern man von der LNT-Annahme ausgeht, und wird unter den aktuell sieben Milliarden Menschen der Erde zwischen 70 und 140 Millionen Todesopfer fordern. Man muss diese Relationen im Auge haben, wenn aufgrund der LNT-Annahme von Tausenden Toten nach schweren Atomunfällen wie Tschernobyl oder Fuku­shima die Rede ist.

Vor kurzem haben Japans Behörden die Evakuationsempfehlung für die Zone, die sich im Abstand von 20 bis 30 Kilometer zum AKW Fukushima 1 befindet, aufgehoben, die nach dem Unglück sicherheitshalber verfügt wurde. Umweltaktivisten stellen diesen Schritt als unverantwortlich dar. Doch bei dauerhaften Evakuierungen muss bedacht werden, dass diese die Lebenssituation der Betroffenen massiv verschlechtern. Die negativen Auswirkungen können für die Gesundheit rasch gravierender sein als die (unbelegten) Folgen der Strahlung bei Verbleib am Wohnort. Auch die Folgen der Angst vor Radioaktivität sind nicht zu unterschätzen: Das breitabgestützte Wissenschaftsgremium, das im letzten Jahrzehnt unter Leitung der Uno und der Weltgesundheitsorganisation die Folgen der Atomkata­strophe von Tschernobyl untersuchte, kam zum Schluss, dass nicht die Strahlung, sondern die Beeinträchtigung der Psyche das grösste Gesundheitsproblem war, das dieses Unglück ausgelöst hatte.

Die Annahme, dass es bei Radioaktivität ­keine untere Schwelle der Schädlichkeit gibt, wird von Forschern zudem immer mehr in Frage gestellt. «Die meisten Strahlenbiologen verwerfen heute die LNT-Annahme», meint Kernphysiker Walter Rüegg. Es zeichne sich vielmehr ein wissenschaftlicher Konsens ab, dass Dosen bis zu einigen hundert Millisievert unschädlich sind. Im Gegenteil könnten tiefe Dosen sogar gesundheitsfördernd sein. Beobachtungen im Nachgang zum Atombombenabwurf über Hiroshima deuten auf positive Effekte hin. «Und im Tierversuch ist die Sache klar», sagt Rüegg. «Werden Hunde und Mäuse mässiger radioaktiver Strahlung ausgesetzt, entwickeln sie oft weniger Krebs und Leukämie.» Falls sich solche Beobachtungen bei Menschen bestätigen liessen, wäre es aus gesundheitlichen Gründen begrüssenswert, wenn Atomkraftwerke regelmässig etwas Radioaktivität abgeben würden.

Die radioaktive Belastung der Umgebung des AWK Fukushima 1 wird zudem rasch abnehmen. Zwar hat Cäsium-137, das massgeblich für die Verseuchung verantwortlich ist, ­eine Halbwertszeit von dreissig Jahren. Aber Wind und Wetter wehen die belasteten Sub- stanzen fort und spülen sie weg. Versickert radioaktives Material tiefer als dreissig Zentimeter in den Boden, ist es für Menschen nicht mehr relevant. «Man kann davon ausgehen, dass sich die radioaktive Belastung von selber etwa alle zwei Jahre halbiert, zumindest in den ersten paar Jahren», sagt Walter Rüegg. Die japanischen Behörden setzen aber alles daran, dass es schneller geht.

Umfangreiche Säuberungsarbeiten

Die Regierung Japans hat angekündigt, dass die verstrahlten Zonen bis März 2014 dekontaminiert werden sollen, und will dafür Geld in Milliardenhöhe bereitstellen. In Städten kann dies durch Spülen und Schrubben von Strassen und Gebäuden erfolgen, was die Radioaktivität auf etwa einen Zehntel herabsetzt. Bei unverbautem Gelände ist ein Umpflügen oder – bei hoher Belastung – das Abtragen der obersten fünf Zentimeter Boden nötig, um den gleichen Effekt zu erzielen. Trägt Japan den Boden von mehreren hundert Quadratkilometern ab, wie es zu erwarten ist, fallen einige Millionen Tonnen schwach radioaktiver Abfall an. Das ist zwar viel, muss aber mit den sonstigen Auswirkungen der Tsunami-Katastrophe verglichen werden: Bei der Überschwemmung wurden 500 Quadratkilometer Land verwüstet. Dort wächst wegen Schlamm- und Salzablagerungen auf absehbare Zeit nichts mehr. Auch die Menge an Schutt, die der Tsunami hinterlassen hat, übersteigt wohl die Menge an Erde, die wegen Radioaktivität abgetragen werden muss. Dieser Schutt ist unter anderem durch Blei und Arsen aus den Batterien der etwa 100 000 fortgespülten Autos belastet – und somit toxischer als der wegen Radioaktivität abgetragene Boden.

In Japan zählt wegen der hohen Bevölkerungsdichte jeder Quadratmeter Boden. Das Land wird alles unternehmen, dass die eva­kuierte Bevölkerung bald wieder in ihre Häuser zurückkehren kann.

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