«Fünf Einbrüche pro Tag»

Der Zürcher Strafrechtler Martin Killias belegt mit einer neuen Studie, dass die Kriminalität in der Schweiz steigt. Beunruhigend sind vor allem rumänische Banden und prügelnde Jugendliche. Der SP-Kandidat für den Nationalrat fordert härtere Strafen.

Von Roger Köppel

«Wer bei einer Straftat gefilmt wird, hat kein Recht auf Schutz seiner ‹Privatsphäre›»: Kriminologe Killias. Bild: Oliver Bartenschlager

Herr Professor Killias, das Fazit Ihrer neuen Studie lautet: Das Niveau der Kriminalität in der Schweiz hat sich weitgehend dem europäischen Niveau angepasst. Noch Ende der achtziger Jahre war die Schweiz eine Insel der Sicherheit. Was lief falsch?

Die Schweiz gleicht sich generell euro­päischen Massstäben an. Zudem wurde hier – radikaler als in Europa – das Freizeitverhalten liberalisiert. Die Leute gehen länger aus und trinken mehr. Die Schweiz hat eine extreme Nachtgesellschaft, wie es sie sonst vielleicht noch in Amsterdam gibt.

Die Folge ist eine Gewaltwelle, draus­sen auf der Strasse, in den Städten.

7,1 Prozent der Bevölkerung wurden in den letzten fünf Jahren Opfer eines Einbruchs. Das ist gegenüber 2004 eine ­Zunahme von 40 Prozent. Wie ist das zu erklären?

Dahinter steckt das Aussterben der Schweizer Einbrecher. Vor dreissig Jahren waren Einbrecher lokale Jugendliche. Heute sind es internationale Banden, oft aus Ost­europa. Es sind nicht unbedingt viele Verbrecher, aber sie sind ausserordentlich «produktiv». Die alten Verbrecher verübten vielleicht pro Monat einen Einbruch. Die neuen Banden begehen oft fünf Einbrüche oder mehr pro Tag.

Als die Schweiz mit dem Schengen-Vertrag ihre Grenzen öffnete, wurde den ­Leuten erzählt, das Land würde sicherer dadurch. Wir beobachten das Gegenteil.

Man sollte die Zeit vor Schengen nicht überschätzen. Vor Schengen wurden die Personenkontrollen an der Grenze sehr ­selektiv durchgeführt, schätzungsweise nur bei etwa 3 Prozent der Übertritte. Die Kontrolle war oberflächlich, verhaftet wurden vor allem Ausreisende, die in ­einem Fahndungsregister standen. Bei der Einreise wirkte dieses System höchstens insofern präventiv, als Leute ohne gültige Papiere zurückgewiesen wurden.

Tatsache ist: Rumänische Banden können dank Schengen viel leichter durch Europa fahren, auch in die Schweiz.

Das ist korrekt. Die erhöhte Mobilität durch die Grenzöffnungen in ganz Europa hat mehr grenzüberschreitende Kriminalität ermöglicht. Es braucht heute keine Papiere mehr. Die Schweiz ist Opfer dieses gesamteuropäischen Trends erhöhter ­Mobilität. Zweitens: Der steigende Goldpreis verschärfte die Nachfrage nach leicht transportierbarem Diebesgut in Form von Schmuck. Eine einzelne Bande kann mehr Einbrüche logistisch bewältigen.

Wie kann man diese Rumänen stoppen?

Die Wiedereinführung der alten Grenzkontrollen würde keine Verbesserung bringen. Man müsste, wenn schon, das Filzen wie seinerzeit an der DDR-Grenze einführen. Die Folge wäre ein totaler Verkehrskollaps, praktisch nicht durchführbar. Offen ge­standen, bin ich etwas ratlos, was diese internationalen Banden angeht.

Der Freiburger Strafrechtler Marcel Niggli hat Ihre Studie kritisiert. Er meint, Sie würden blosse Empfindungen von Unsicherheit zu einem Trend erhöhter Kriminalität fehldeuten. Was entgegnen Sie?

Nigglis These lautet: Sinkt die Kriminalität, werden die Leute umso empfindlicher für die wenigen Delikte, die noch stattfinden. Je objektiv geringer in einem Land die Kriminalität ist, desto höher also die Opferrate in Befragungen, so könnte man Niggli zusammenfassen. Einen solchen Zusammenhang hat man nirgends festgestellt. Will Niggli zudem behaupten, Ende der achtziger Jahre, als die Opferraten tief waren, sei die Kri­minalität in der Schweiz besonders hoch ­gewesen?

Auch der emeritierte Strafrechtler Franz Riklin kritisiert Ihre Befunde: Erstens sei eine Zunahme von Gewaltdelikten und Einbrüchen nicht zu beobachten. Zweitens würden Sie falschliegen mit der Kritik an der zu milden Schweizer Strafjustiz. Es ­gebe keinen Zusammenhang zwischen Kriminalität und der drohenden Strafschwere.

Riklin stützt sich auf die Kriminalstatistik und verkennt wichtige Elemente derselben. Das wurde in Lehrbüchern und einer ­Sonderstudie für die Schweiz eingehend ­erklärt. Leider scheint Herr Riklin die Lite­ratur nicht zu kennen. Das gilt auch für ­seine Aussage, die Höhe der Strafe sei irrelevant. Man darf exzellente Studien doch nicht derart ­ignorieren!

Die Suva-Studie Lanfranconi spricht von ­einer Zunahme der Jugendgewalt um 300 Prozent seit 1995.

Die Kollegen Niggli und Riklin blenden auch diese Befunde aus. Als Bruno Lanfranconi ­seine Studie «Gewalt unter jungen Menschen» 2009 herausbrachte, ­wurde ­diese schlicht totgeschwiegen, auch von den Bundesämtern, die damals den Leuten einreden wollten, es herrschten stabile Ver­hältnisse. Mich ärgert die Intervention von Riklin und Niggli auch deswegen, weil sie die Medien und die Politik im Eindruck bestärkt, es handle sich hier um einen Expertenstreit und letztlich sei alles nicht klar. ­Also müsse man auch nichts tun. Dabei ist an der Zu­nahme der Gewalt doch wirklich nicht zu zweifeln.

Auch in Ihrer Partei, der SP, ist der Anteil der Leute, die nicht über Kriminalität reden wollen, erheblich.

Es stimmt, dass die SP das Thema lange ­tabuisierte. Vielleicht habe ich dazu beigetragen, dies zu ändern. Viele SP-Wähler sind ja von der Kriminalität direkt betroffen in ihren städtischen Wohnquartieren, denn die leben dort erheblich «gefährlicher» als ­Bewohner von FDP- und SVP-Gemeinden. ­Darum gibt es ein grosses Interesse innerhalb der SP an diesen Themen. Mehr Pro­bleme habe ich mit den Grünen, die hier die Augen verschliessen.

In Dunkelfeldstudien haben Sie heraus­gefunden, dass junge Bosnier in ihrer ­Heimat unterdurchschnittlich gewalttätig sind, in der Schweiz aber werden die gleichen Leute überdurchschnittlich gewalt­tätig. Wie kommt es, dass diese Jungen erst in der Schweiz – entschuldigen Sie den Ausdruck – «die Sau rauslassen».

Bosnien ist eine viel stärker regulierte Gesellschaft. Das Nachtleben ist begrenzt, die Alten kontrollieren die Jungen. In der Schweiz wachsen die jungen Bosnier in ­einer Welt voller Gelegenheiten auf, auf die sie von ihren Familien gar nicht richtig vorbereitet werden.

Sie haben ebenfalls festgestellt, dass in der Schweiz die Deliktzahl steigt, aber die Zahl der Anzeigen sinkt. Der junge Bosnier weiss: Es wird ihm vermutlich nichts passieren in der Schweiz.

Für diese Sichtweise spricht einiges. Wenn ich mit jungen Leuten rede, höre ich oft, die Polizei habe sich für ihren Fall gar nicht ­richtig interessiert. Ich will nicht die Polizei kritisieren, aber z. B. bei Körperverletzungen müssen stundenlange Befragungen stattfinden – für alle ein Riesenaufwand. Deshalb die Tendenz, damit gar nicht erst zu beginnen.

Warum ging der Respekt vor der Schweizer Strafjustiz, vor der Polizei verloren?

Hier muss die Entwicklung des Strafrechts erwähnt werden. Die systematische Gewährung des bedingten Strafvollzugs ­(etwa bei Geldstrafen) untergräbt die Glaubwürdigkeit des Systems. In einer Studie haben wir Jugendliche gefragt, was sie von folgender Aussage halten: «So­lange ich nicht achtzehn bin, kann mir die Polizei sowieso nichts anhaben.» Über 40 Prozent stimmten zu.

Wer ist verantwortlich für das neue Strafrecht?

Das sind viele. Ein harter Kern waren die Strafrechtler der Uni Freiburg, allen voran Franz Riklin und Marcel Niggli, die unsere Studie letzte Woche scharf kritisierten. ­Politisch spielte die CVP eine fragwürdige Rolle, Bundesrat Arnold Koller war treibende Kraft. Meine Partei war leider mehrheitlich auch dafür. Bürgerliche waren für die Abschaffung der kurzen Freiheitsstrafen, weil sie an ihre Klientel dachten, die seither bei Verkehrsdelikten nicht mehr ins Gefängnis muss. Inzwischen hat der Wind gedreht, doch die Freiburger Strafrechtler wollen bis heute nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Deliktzahlen steigen, unter anderem eben deshalb, weil das von ihnen geförderte neue Strafrecht nicht richtig funktioniert.

Viele Polizisten beklagen sich auch über das neue Strafprozessrecht, das Hürden gegen die Untersuchungshaft aufbaue.

Die Polizisten haben recht. Es gilt die Regel, dass niemand länger in Untersuchungshaft bleiben soll als die voraussichtliche Dauer ­einer Gefängnisstrafe. Wenn nun aber die mutmassliche Strafe bei null Freiheitsentzug liegt, wird es schwierig, U-Haft anzuordnen. Der Mann, der kürzlich seine Frau verbrühte, durfte nicht in U-Haft genommen werden. Hier muss man Gegensteuer geben.

Was halten Sie davon, bei jugendlichen ­Delinquenten die Eltern, die Lehrmeister, die Angehörigen zu informieren?

Das ist eine interessante Lösung. Das soziale Umfeld würde in die Verantwortung genommen. Gerade asiatische Gesellschaften verfahren so erfolgreich.

Sind Sie dafür, Bilder von prügelnden ­Jugendlichen und Hooligans auf dem Internet zu veröffentlichen?

Ich bin dafür. Wer bei einer Straftat gefilmt wird, hat kein Recht auf Schutz seiner «Privatsphäre».

Warum sind Sie eigentlich bei der SP? Mit Ihren Law-and-Order-Positionen fallen Sie auf. Bei der SVP oder FDP würden Sie nicht bemerkt.

Ich bin seit Jahrzehnten auf dieser Linie, in sozial- und umweltpolitischen Dingen habe ich mein Herz auf dieser Seite. Das zeigen auch die diversen Ratings, die man heutzutage ausfüllen muss.

Die SP steckt in einer Krise. Stichworte: ­Wählerverluste, merkwürdiges Parteiprogramm der Kapitalismusüberwindung, Liebesentzug durch die meist grünliberalen Mainstream-Medien. Wollen Sie auch deshalb Nationalrat werden, um der Partei neuen Realitätssinn einzuimpfen?

Unbedingt. Elmar Ledergerber meinte, die SP verkomme zu einer Sekte. Mit Daniel ­Jositsch und anderen gehöre ich zu den­jenigen, die das unbedingt verhindern ­wollen. Ohne die SP wäre die Schweiz nicht, was sie ist.

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