Kommentar

Alles Professoren und Ingenieure?

Kommen nur noch hochqualifizierte Ausländer in die Schweiz, wie die Bundesämter und die Zeitungen jubeln? Die Wirklichkeit deckt sich nicht mit dieser Behauptung.

Von Pierre Heumann

Die Verwirrung ist komplett. Immer mehr Hochqualifizierte kämen in die Schweiz. Zwei Drittel der Leute, die seit Einführung der Personenfreizügigkeit eingewandert sind, hätten sogar einen Hochschulabschluss. Das sind die Resultate einer Studie des Basler Ökonomen George Sheldon. Der Tages-Anzeiger kommt diese Woche zu einem ähnlichen Schluss. Fast achtzig Prozent der zugezogenen Ausländer seien gut ausgebildet, schreibt er, und stellt keck die Frage: «Ist das gut oder schlecht?»

Andere vermelden andere Ergebnisse. Er habe ein gespaltenes Verhältnis zum freien Personenverkehr, sagt zum Beispiel der Freiburger Ökonomieprofessor Reiner Eichen­berger. Die Wirtschaft sei in den letzten Jahren zwar stark gewachsen, pro Kopf hingegen ­habe die Wirtschaftskraft durch die Zuwan­derung kaum zugenommen. Und die Weltwoche legte in der vergangenen Woche dar, dass nur ein kleiner Teil der Zuwanderer ein nachhaltiger Gewinn für die Wirtschaft sei. Die Mehrheit der Immigranten verfüge über tiefe Qualifika­tionen und bringe der Wirtschaft keinen echten Mehrwert.

Was ist nun richtig: Besitzt die überwie­gende Mehrheit der Einwanderer Diplome, die für die Wirtschaft von Nutzen sind, oder besteht der grösste Teil der Migranten aus Unqualifizierten mit einer geringen Produkti­vität?

Familiennachzug mit tiefer Qualifikation

Es kommt darauf an, worauf man achtet. Stellt man lediglich auf die Migranten ab, die einen Job haben, mag die These von der hohen Qualifikation zutreffen. Doch relevant ist letztlich vor allem die Frage, wie viele Migranten gesamthaft in die Schweiz kommen und welchen Input sie am Arbeitsplatz ­bringen.

Die Statistik des Bundes schafft Klarheit. Von den 134 000 Menschen, die im vergangenen Jahr in die Schweiz gezogen sind, gehen lediglich 63 000 einer Erwerbstätigkeit nach. Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte der Immigranten hat keinen Job. Bei diesen 71 000 Menschen ist die Qualifikation wirtschaftlich irrelevant, weil sie keinen Arbeitsvertrag haben. Sie sind im Rahmen des Familien­nachzugs hergekommen, als Ehefrau, Kind oder Schwiegermutter, als ­Studenten, Religionsschüler oder als Pensionäre.

Bleiben die 63 000 Ausländer, die im vergangenen Jahr in die Schweiz gekommen sind, um eine Stelle anzutreten. Ihre Qualifikation wird von keiner Statistik erfasst. Die kantonalen Ämter haben das bisher abgelehnt, weil sie den Mehraufwand scheuen, der damit verbunden wäre. So einfach die Frage nach der Qualifikation tönt, so schwierig ist sie zu beantworten, weil sich Zeugnisse aus Berlin oder ­Paris nicht ohne weiteres mit solchen aus Sofia oder Rom vergleichen lassen.

Die Zahlen aus dem Bundesamt für Mi­gration lassen dennoch eine Analyse über die berufliche Qualität der Neuen zu. Die Statis­tiker des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes erfassen nämlich die Berufsgruppen der ausländischen Wohnbevölkerung. Dort wird ersichtlich, wie viele im Gastgewerbe, auf dem Bau, als Teil einer Putzequipe, im Handel oder in der Verwaltung untergekommen sind. Zusammen machen sie deutlich mehr als die Hälfte all jener Migranten aus, die im Jahr 2010 in der Schweiz eine neue Stelle angetreten haben – die Angestellten im Gesundheitssektor sind dabei noch nicht einmal mitgezählt.

Aufgrund dieser Zahlen gibt es nur einen Schluss: Die Lobrede von der hohen, überdurchschnittlichen beruflichen Qualifikation der Einwanderer ist falsch. Höchstens bei ­jedem fünften Migranten, der im letzten Jahr zugezogen ist, profitiert die Schweiz wirklich von den mitgebrachten Qualifikationen.

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