Die willkommene Katastrophe

Die AKW-Gegner wittern Morgenluft. Das tragische Beben in Japan gibt ihnen einen neuen Anlass, ihre alten und falschen Argumente gegen die Atomkraft wiederzubeleben. Tatsache bleibt: Kernenergie ist ­eine vergleichsweise saubere und sichere Stromquelle. Ein Ersatz ist nicht in Sicht. Von Alex Baur

Zum Zeitpunkt, in dem diese Zeilen geschrieben werden, ist noch unsicher, ob sich die ­Havarie in den Atommeilern des japanischen Kernkraftwerkes Fukushima zum GAU ent­wickeln wird, zum ominösen «grössten anzunehmenden Unfall». Die Bilder der Explosionen im Werk, die immer wieder über unsere Bildschirme flimmern, sind gewaltig. Doch sie vermitteln einen falschen Eindruck. Bis Redakionsschluss sind keine gefährlichen Mengen an Radioaktivität ausgetreten, noch ist kein Mensch an Verstrahlung erkrankt. Überhaupt ist bislang noch ­niemand bei einer Katastrophe in einem westlichen AKW gestorben. Hingegen haben Tausende Menschen in diesen Tagen als Folge ­eines verheerenden Erdbebens und vor allem eines Tsunamis ihr Leben verloren.

Trotzdem treten die realen Toten zusehends in den Hintergrund und werden von teilweise völlig irrealen Spekulationen um die Gefahren der Kernenergie verdrängt. Alle Kameras sind auf die AKW gerichtet. Das Schweizer Fernsehen kauft die Bilder nun ein, weil die preisgekrönte SF-Reporterin Barbara Lüthi, von der Panik erfasst, die Flucht ergriff. Krasser könnte das Missverhältnis kaum sein. Es steht sinnbildlich für eine künstlich geschürte Hysterie um ein nukleares Armageddon, die in keinem Verhältnis steht zu den realen Gefahren.

Man mag argumentieren, man könne Naturgewalten nicht beeinflussen, sehr wohl aber auf gefährliche Techniken verzichten. Das Argument ist doppelt falsch. Ein Tsunami ist zwar nur bedingt voraussehbar, aber man könnte eine Katastrophe verhindern, indem man Siedlungen im küstennahen Bereich verbietet, Millionen von Menschen umsiedelt und Häfen mit gigantischen Wällen und Schleusen umgibt. Technisch wäre das machbar. Vernünftigerweise hat das bislang kein Mensch gefordert. Das Leben ist per definitionem lebensgefährlich, sicher ist nur der Tod. ­In­stink­tiv schützt sich der Mensch, doch vernünftigerweise macht er immer eine Abwägung, in der er die Gefahr und die Lebens­qualität gegeneinander aufrechnet. Bei der Energieversorgung ist es nicht anders.

Das renommierte Paul-Scherrer-Institut (PSI) im aargauischen Villigen, ursprünglich auf die Kernphysik und heute vor allem auf ­alternative Energieträger spezialisiert, führt nach präzisen Kriterien Buch über alle grösseren Unfälle, die sich seit 1970 rund um den Globus bei der Gewinnung von Energie zugetragen haben. Die Ensad-Datenbank, die da­-bei entstanden ist, gilt als weltweit grösste ihrer Art. Sie gibt darüber Auskunft – in Franken und Menschenleben – welche Schäden Energieträger gemäss statistischer Wahrscheinlichkeit pro Gigawattjahr verursachen. Die Auswertung zeigt, dass die Ängste vor der Kernenergie rational nicht zu begründen sind.

Zauberwort Tschernobyl

Vorweg unterscheidet die Statistik zwischen den westlichen Industriestaaten (OECD-Mitglieder) und den anderen Ländern. Dabei fällt erst einmal auf, dass die Gefahren in schlechtentwickelten Ländern bei allen Energie­trägern am grössten sind. Am meisten Todesopfer fordert die Kohle – allein in den chinesischen Bergwerken sterben jährlich bis zu 20 000 Kumpel –, danach folgen mit kleinem Abstand Erdöl und Erdgas. Bei der Wasserkraft besteht ein eklatanter Unterschied: In der Dritten Welt, wo es gelegentlich zu Dammbrüchen kommt, ist sie relativ gefährlich, in Industrieländern ziemlich sicher. Am sichersten ist die Kernenergie. Im Westen gab es bislang keine einzige Havarie mit Todesfolgen; die einzige echte Katastrophe ist jene von Tschernobyl. Gemäss Ensad forderte der GAU in der Ukraine direkt 31 Strahlenopfer.

Der Super-GAU im Reaktorblock «Wladimir Iljitsch Lenin» bei Tschernobyl vom April 1986 weist allerdings auch auf eine Schwäche der Gefahrenrechnung hin: Sie ist nicht exakt, sie kann nur Grössenordnungen begreiflich machen. Eine Kommission von hundert Wissenschaftlern, die im Auftrag der Vereinten Na­tionen die gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl über die Dauer von zwei Jahrzehnten untersuchte, bezifferte die Zahl der Toten, die eindeutig einer Überdosis an Strahlung zum Opfer gefallen waren, mit 56. Die Differenz zu den 31 Toten, von denen das PSI ausgeht, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Todesursache nicht immer eindeutig ist. Der 600 Seiten dicke Uno-Bericht geht sodann von 4000 mutmasslichen Todesopfern aus, die hauptsächlich einem erhöhten Krebsrisiko zum Opfer gefallen sein dürften.

Mediziner aus der grünen Ecke kritisierten die Uno-Studie. Gemäss ihren Schätzungen verursachte Tschernobyl bis zu 33 000 Krebs­tote in der nördlichen Hemisphäre. Das PSI hat sich auch mit diesen sogenannt «latenten» Opfern der Kernenergie befasst. Wenn man sie mit berücksichtigt, muss man sie in Relation stellen zu 750 Millionen Menschen, die in derselben Weltgegend im gleichen Zeitraum an Krebs starben. Krebs ist auch in Osteuropa die dritthäufigste Todesursache.

Und nicht nur das. Man muss die Zahlen an den 750 000 Chinesen messen, die statistisch gesehen jährlich infolge der Luftverschmutzung durch fossile Energieträger frühzeitig sterben. In Europa soll der Feinstaub jedes Jahr 350 000 Leben fordern, in der Schweiz rund 3500. Und wenn man schon rechnet, müsste man die verlorenen Lebensjahre an der stetig steigenden Lebenserwartung messen, die wir nicht zuletzt dem Wohlstand und dem technologischen Fortschritt verdanken.

Tschernobyl ist nach der Havarie in Japan wieder in aller Munde. Das Zauberwort hat die AKW-Gegner aus dem Winterschlaf ­geweckt. Mit der Ausschlachtung des sowjetischen Super-GAUs hatten sie vor 25 Jahren ­eine propagandistische Kettenreaktion ausge-löst, welche die Entwicklung der Kernenergie in der westlichen Welt praktisch zum Erliegen brachte. Als sich herausstellte, dass die Folgen der Katastrophe krass überschätzt worden waren, war der Ausstieg aus der Kerntechnologie mancherorts längst eingeleitet. Jetzt möchten die AKW-Gegner dieses Husarenstück wieder­holen. Ihre Argumente waren damals schon so falsch, wie sie es heute immer noch sind.

Der Grafit-Reaktor von Tschernobyl diente zugleich der Herstellung von Atombomben und ist schon deshalb mit zivilen westlichen AKW nicht zu vergleichen. Die Radioaktivität im Tschernobyl-Reaktor wurde durch einen Brand freigesetzt, der in einem zivilen Siedewasserreaktor nicht möglich ist, ganz einfach, weil Wasser nicht brennt. Ein vergleichbares Szenarium ist weder in Fukushima noch in Mühleberg möglich. Doch selbst wenn man Tschernobyl zum Massstab nimmt, wird klar, dass ein Super-GAU für die Anwohner eine ­Katastrophe ist und Schäden in Milliardenhöhe verursacht, in seinen Auswirkungen aber doch lokal und zeitlich begrenzt bleibt.

Wohl registrierten hochempfindliche Messgeräte, je nach Wind, damals wie heute noch in Hunderten von Kilometern Entfernung eine erhöhte Strahlung. Doch mit der Distanz und der Zeit geht die Gefährdung exponentiell zurück. Ausserhalb der Kernzone bewegen sich die gemessenen Werte im Rahmen des natür­lichen Streubereichs. Während der überirdischen Atombombentests in den Nachkriegsjahren war die Strahlenbelastung in Europa um ein Vielfaches höher als auf dem Höhepunkt des Super-GAUs. In den unbeschädigten Meilern von Tschernobyl wurde die Stromproduktion wenige Monate nach der Katastrophe wieder aufgenommen.

Auch die Reaktoren im japanischen Fukushima sind nicht explodiert, wie die Bilder ­insinuieren. Das Phänomen war auf eine Verpuffung von Wasserstoff zurückzuführen, der sich infolge der Havarie gebildet hatte und das Mantelgebäude wegsprengte. Was man auf den Bildern sah, war nicht Rauch, sondern in erster Linie Wasserdampf. Vergleichbar ist der Störfall bislang am ehesten mit dem Unfall im amerikanischen Harrisburg aus dem Jahr 1979.

In Harrisburg wie in Fukushima kam es zu einer teilweisen Kernschmelze, weil die Wasserkühlung nach einer Notabschaltung versagte. Dazu muss man ein paar elementare technische Dinge wissen. Die nukleare Kettenreaktion in einem Kernreaktor ist aus physikalischen Gründen nur bei bestimmten Temperaturen und im Wasser möglich. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, wird der Vorgang ­auto­matisch unterbrochen. Die Restwärme ist aber immer noch so gross, dass sie die Brennstäbe zum Schmelzen bringen kann, wenn man sie nicht kühlt. In diesem Fall besteht theo­retisch die Möglichkeit, dass sich die glühende Masse durch das Fundament des Reaktors hindurch in den Untergrund frisst. Was dann geschieht, weiss man nicht genau, weil es noch nie passiert ist. Es würde mutmasslich Wochen dauern, bis die hochradioaktive Masse im Boden abkühlte und erstarrte. Die grösste Gefahr bestünde in der radioaktiven Verseuchung des Grundwassers. Das wäre schlimm für die Region, doch so etwas geschieht erstens nicht von heute auf morgen. Und zweitens kann man auch etwas dagegen unternehmen.

Tsunami-Gefahr in den Alpen eher gering

Bei den neusten AKW der dritten Genera­tion, wie sie in der Schweiz geplant sind und sich in Frankreich und Finnland bereits im Bau befinden, ist ein Durchbrennen des Reaktorbodens praktisch ausgeschlossen. Beim AKW Mühleberg, das im gleichen Zeitraum ­erstellt wurde wie Fukushima, besteht diese Gefahr theoretisch noch. Mehrere unabhängige Kühlsysteme, die notfalls mit Dieselgeneratoren betrieben werden, sollen es gar nicht so weit kommen lassen. Wie sich in Japan nun in der Praxis gezeigt hat, überstand die Anlage ­eines der mächtigsten überhaupt denkbaren Erdbeben an sich unbeschädigt und schaltete sich selber ab. Zur Havarie kam es erst eine ­halbe Stunde später, mit dem Tsunami.

In der Schweiz ist die Tsunami-Gefahr eher gering. Bei einem Erdbeben bergen Staudämme hierzulande das grösste Gefahrenpoten­zial. Indirekt betrifft dies auch die AKW, die alle an Flüssen liegen. Gemäss Dr. Hans-Rudolf Lutz, dem vormaligen Leiter des KKWs Mühleberg, ist der Reaktor darauf ausgelegt, die grösste denkbare Überschwemmung gefahrlos zu überstehen. Für alle Fälle gibt es in Mühleberg ein flutungssicheres, unterirdisches Notpumpwerk und Wasserspeicher.

Wie der Kernwissenschaftler Hans Fuchs auf Anfrage erklärte, deutet einiges darauf hin, dass der Tsunami, der eher aus Schlamm- denn aus Wassermassen bestand, in Fukushima alle Zuflüsse der Kühlung verstopfte. Das würde auch erklären, warum nach einer gewissen Zeit die wassergekühlten Dieselgeneratoren versagten. Gemäss Fuchs kann man im KKW Gösgen, das er früher leitete, deshalb notfalls aufs Grundwasser zurückgreifen.

Lutz und Fuchs kennen die Schweizer Kernanlagen in- und auswendig. Beide sind heute pensioniert und sind damit niemandem mehr verpflichtet. Beide erklärten, dass im KKW Mühleberg, das namentlich über eine weitere Schutzhülle verfügt, der Sicherheitsstandard höher sei als in Fukushima. In der Schweiz ­wäre die Havarie mutmasslich zu vermeiden gewesen. Sie betonen allerdings auch, dass man die Untersuchung abwarten muss, bevor man irgendwelche Konsequenzen zieht.

Jeder Störfall, und mag er noch so unbedeutend sein, wird von der Forschung analysiert. So hat man auch aus der Teilschmelze von Harrisburg Lehren gezogen. Mit Investitionen in Milliardenhöhe werden die Schweizer AKW ständig nachgerüstet und dem Wissensstand angepasst. Diese an sich vorbildliche Fehlerkultur hat zu einer paradoxen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geführt: Weil ein seriöser Wissenschaftler immer an das Worst-Case-Szenario denkt und grundsätzlich keine Eventualität ausschliesst, kann beim Laien schnell einmal der falsche Eindruck entstehen, bei der Kernenergie handle es sich um eine Technologie voller unbekannter Tücken. Jede Meldung eines Störfalls scheint dies zu bestätigen. Tatsächlich ist eher das Gegenteil richtig: Wirklich Sorgen machen muss man sich, wenn ­keine Pannen mehr gemeldet werden.

In den 1960er Jahren stand die Schweiz vor einem Grundsatzentscheid: Wollte man auf fossile oder auf nukleare Brennstoffe setzen? Eine vernünftige Alternative gab es (und gibt es bis heute) nicht, sofern man nicht alle Täler in den Alpen zumauern will. Den Ausschlag gab schon damals die Sorge um die Umwelt. Es war besser, sehr kleine Mengen von hochgiftigen Abfallstoffen im Kraftwerk zu behalten und kontrolliert zu entsorgen, als riesige Mengen an Giftstoffen in die Atmosphäre zu blasen. Der Entscheid erwies sich als weitsichtig. Dank der genialen Kombination von Atom- und Wasserkraft produziert die Schweiz rund fünfzig Prozent weniger CO2 pro Kopf und Jahr als vergleichbare Industrieländer.

Das grösste Problem der Kernenergie ist psychologischer Natur. Das Atomkraftwerk wird von vielen Laien als eine Art gebändigte Atombombe angesehen, was widersinnig ist. Der Wirkstoff ist zwar ähnlich, die Wirkung aber völlig anders. Radioaktivität ist ein Phänomen, das in der Natur überall vorkommt. Gefährlich ist sie nur in hohen Dosen. Im Gegensatz zu anderen Giftstoffen, mit denen wir uns im Alltag umgeben und die wir sorglos an die Umwelt abgeben, ist die Radioaktivität relativ einfach zu messen und damit auch zu kontrollieren. Trotzdem haftet ihr ­eine Aura des Dämonischen an. Paradoxerweise dürfte das auch damit zu tun haben, dass Unfälle sehr selten sind. Sie bekommen damit ein überproportionales Gewicht.

Altlasten des Kalten Krieges

Die Anti-AKW-Bewegung ist ein Produkt des Kalten Krieges. Sie hat ihre Wurzeln in der Protestbewegung, die sich Ende der 1970er Jahre in Westeuropa und in den USA gegen das nu­kleare Wettrüsten formierte. Es war zugleich die Zeit, in der sich der real existierende Sozialismus definitiv als Auslaufmodell entpuppte. In der sozialen Marktwirtschaft verlor die ­politische Linke ihre Raison d’être. Der Kampf gegen die AKW bot einen willkommenen Ersatz. Rot wurde zu Rot-Grün und bediente damit auch die Bedürfnisse einer zivilisationsmüden Generation, die eine Rückkehr zur Natur forderte. Die schwerverständliche Kernenergie war ein perfektes Symbol.

Die Sonne war von Anfang an das Wahrzeichen der Anti-AKW-Bewegung. Sie sollte zeigen, dass man Alternativen zu bieten hatte. Schon in den 1970er Jahren kam der Wind ­dazu. Als man sich am runden Tisch im Haschnebel basisdemokratisch auf diese vermeintlich sauberen Alternativen einigte, vergass man eines: die Gesetze der Natur. Der Mensch nutzt die Energie von Sonne und Wind seit Urzeiten, das Prinzip der Fotovol­taik wurde bereits im 19. Jahrhundert entdeckt. Trotzdem setzten sich die Technologien bei der Stromversorgung nie durch. Aus einem einfachen Grund: Sonne und Wind sind extrem ineffiziente und unzuverlässige Stromlieferanten. Daran ändert auch die modernste Technologie nichts.

Wollte man nur das kleine AKW Mühleberg durch Windmühlen ersetzen, müsste man 600 Grossanlagen (Mastenhöhe: 100 Meter) in die Landschaft stellen. Zuerst müsste man aber 600 geeignete Plätze findet und dem Wind beibringen, regelmässig zu blasen. Das PSI hat für AKW eine CO2-Bilanz errechnet, die zehnmal besser ist als die eines Solarpanels und immer noch doppelt so gut wie die eines Windreaktors. Des Rätsels Lösung liegt beim gigantischen Verschleiss an Raum und Rohstoffen, die für einen minimalen Ertrag nötig sind. Obwohl vom Gebührenzahler jährlich mit einer Viertelmilliarde Franken subventioniert, steuern die alternativen Energieträger weniger als ein Promille unseres Stromverbrauchs bei. Im freien Markt ist der teure «Ökostrom» faktisch wertlos, weil er nicht fliesst, wenn man ihn braucht (vor allem im Winter), sondern wann er gerade will.

Die schrägen Idealisten, die einst gegen die Atommeiler und Kühltürme anrannten, sind Geschichte. «Öko» ist heute ein Lifestyle und ein boomendes Business. Schon in der Primarschule wird den Kindern eingetrichtert, dass sie täglich gegen die Natur freveln – und dass Busse angezeigt ist. Das schlechte Gewissen liess sich schon immer gewinnbringend bewirtschaften. Im Namen der Umwelt hat sich in den letzten Jahren ein unübersichtliches und verfilztes Netz von staatlichen und privaten Akteuren gebildet, die sich mit ihren Zertifikaten, Labels und Konzepten gegenseitig die Taschen füllen (S. 32). Die Nachhaltigkeit ist ein Milliardengeschäft, an dem die Industrie kräftig verdient. Ob die mit allen Werbe­tricks angepriesenen «grünen» Technologien den Menschen und der Natur etwas bringen, ist zweitrangig. Hauptsache, sie werfen Gewinn ab.

Die Cleantech-Lobby ist längst in allen Gremien und politischen Parteien vertreten. Aus­ser ein paar Öko-Fundis würde in einem freien Markt kein Mensch sein Geld in Solarpanels und Windmühlen investieren, wenn genügend Strom da ist. Also bekämpft man die Kern­energie mit allen Mitteln. Der erste Angriffspunkt war die Sicherheit der Kernreak­toren. Nachdem jahrzehntelang nichts passierte, hiess es, die Kernenergie sei nicht finanzierbar. Die Realität widerlegte auch diesen Einwand. Also verlegte man sich auf die Entsorgung. Ist es möglich, die nuklearen Abfälle über Zehntausende von Jahren sicher zu lagern, bis die Strahlung abgeklungen ist? Es ist möglich. Die AKW-Betreiber haben die dafür nötigen Milliardenbeträge sogar längst beiseitegelegt.

Das Entsorgungsproblem ist gelöst

Den Beweis hat die Nagra bereits vor fünf Jahren erbracht. Im Opalinuston, der wie ein gigantischer Kaugummi am Fuss des Juras liegt, fand man Flüssigkeiten und Fossilien, die seit 180 Millionen Jahren hermetisch im Gestein eingeschlossen sind. Gemäss den Gesetzen der Natur wird sich das in einer Million Jahren nicht ändern. Abgesehen davon hat auch die Nukleartechnologie Fortschritte gemacht und ihre Abfälle reduziert. Die Entsorgung ist damit nur noch ein politisches Problem. Es sah schlecht aus für die AKW-Gegner. Die Havarie von Fukushima traf sie wie ein Geschenk vom Himmel.

Ist das Atomzeitalter damit zu Ende, wie das deutsche Magazin Spiegel bereits verkündet? Die wilden Spekulationen, die derzeit in den Medien herumgeboten werden, erinnern an die Hysterie um Tschernobyl. Die Gerüchte überschlagen sich. Werden sie bestätigt, «müssten» die Behörden «zugeben», dass eine Gefahr besteht; werden die Spekulationen dementiert, steht Aussage gegen Aussage. Die deutsche Regierung hat bereits angekündigt, sieben AKW einzumotten.

Auch in der Schweiz schreien linke Politiker nun nach dem sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie, und zwar subito. SP-Nationalrat Roger Nordmann fordert gar den Rücktritt von Energieministerin Doris Leuthard (CVP), wenn sie sein Kommando nicht befolge. Die Angesprochene legte die Gesuche für neue Kernkraftwerke umgehend auf Eis, weil «Sicherheit und Wohlergehen der Bevölkerung oberste Priorität» hätten. Befürworter der Kernenergie mahnen zur Ruhe und gehen in Deckung. Man fragt sich verwundert, wo die angeblich mächtige Atomlobby geblieben ist.

Wer vor der Atomenergie warnt, steht publizistisch immer auf der sicheren Seite. Wenn die düsteren Voraussagen nicht eintreffen, kann der Prophet immer behaupten: «Wir haben noch einmal Glück gehabt!» Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Bevölkerung, auf die sich die AKW-Gegner gerne berufen, in all den Jahren erstaunlich cool reagierte. Der Souverän hat, allen Unkenrufen zum Trotz, bislang an der Urne noch jeder Kernanlage in der Schweiz sein Plazet erteilt.

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