Umwelt

«Unnötige Verunsicherung»

Forscher der ETH sprechen sich überraschend gegen radikale Wärmedämmung aus. Die Minergie-Lobby schreit Verrat. Sie sieht ihre Subventionsmillionen in Gefahr.

Von Alex Reichmuth

Forscher der ETH fordern einen «Paradigmenwechsel». Bei der Sanierung von Gebäuden soll nicht mehr striktes Energiesparen oberstes Ziel sein, sondern die Vermeidung des klimaschädigenden CO2. Hansjürg Leibundgut, ETH-Professor für Gebäudetechnik, und seine Kollegen des Departements Architektur propagieren ein Gebäudemodell, bei dem Sonnenenergie, die im Sommer im Überfluss vorhanden ist, über eine Sonde im Erdreich gespeichert wird. Im Winter wird die Wärme wieder ins Gebäude geleitet. Weil auf diese Weise CO2-frei geheizt werden kann, sei es nicht mehr sinnvoll, Gebäude radikal zu isolieren, folgern die ETH-Forscher. Im Gegensatz dazu halten die Verfechter einer strikten Wärmedämmung am Baustandard Minergie fest.

Dank dieses Energiesparlabels, das auch von Bund und Kantonen gefördert wird, werde in den Gebäuden in der Schweiz bereits deutlich weniger Öl verbraucht, argumentieren sie.

Ein ganz normaler Fachstreit, könnte man meinen. Doch beim Verein Minergie, der die Wärmedämmung propagiert, hat man in den letzten Wochen rhetorisch schweres Geschütz gegen die ETH-Professoren aufgefahren. Im November schrieb Vorstandsmitglied Erika Forster, damals noch Ständeratspräsidentin, dem ETH-Rat, die angestrebte 2000-Watt-Gesellschaft also die Idee des strikten Energiesparens sei «in fragwürdiger Art und Weise» kritisiert worden. Es handle sich um eine «Anschwärzung» des Minergie-Standards: Solche «Publizitätssteigerung auf Kosten anderer» schaffe «unnötige Verunsicherung».

Vor einigen Tagen wurde der Fachstreit gar ins nationale Parlament getragen. Minergie-freundliche Politiker lancierten nicht weniger als drei Vorstösse gegen die ETH. Deren Vorschläge unterwanderten die Energiepolitik des Bundes, schrieb der Schwyzer CVP-Nationalrat Reto Wehrli. Es handle sich um «einige ältere ETH-Herren», die wohl «neue Energieschleudern – wie vor der Erdölkrise von 1974 – planen». Beat Jans, SP-Nationalrat aus Basel-Stadt, ortete gar eine «mutwillige Verschlechterung des Wirtschaftsstandorts Schweiz» und suggerierte, die Vorschläge der Forscher seien «verfassungswidrig».

Hansjürg Leibundgut von der ETH reagiert gelassen auf solche Unterstellungen. Fachlich seien die Vorschläge von ihm und seinen Kollegen absolut fundiert, versichert er der Weltwoche. Aber der Standpunkt, dass absolutes Energiesparen nicht in jedem Fall sinnvoll sei, zerstöre auf der Gegenseite offenbar festgefahrene Weltbilder.

Es geht um viel Handfesteres: Im letzten Frühling beschloss der Bund, die energetische Sanierung von Gebäuden mit jährlich 200 Millionen Franken zu subventionieren. Die Isolationsindustrie kann darum in den kommenden Jahren mit fetten Aufträgen rechnen. Der Standpunkt der ETH-Forscher, dass Wärmedämmung um jeden Preis keinen Sinn macht, gefährdet hingegen das Subventions-Manna.

Die Industrie setzt darum alles daran, die ETH-Forscher zu diskreditieren – auch über ihre politischen Vertreter. Reto Wehrli, einer der Interpellanten, ist Präsident der Energiegruppe KMU, vertritt also unter anderem die Interessen der Isolationsindustrie. Das Gleiche gilt für den basel-städtischen FDP-Nationalrat Peter Malama, der ebenfalls einen Vorstoss gegen die ETH lanciert hat: Er sitzt nicht nur im Vorstand des Wirtschaftsverbandes Swisscleantech, sondern auch in demjenigen des Vereins Energieallianz. Diesem Verein gehören Unternehmen wie Flumroc oder Pavatex an, die Wärmeisolationen produzieren, sowie der Verband Schweizer Gebäudehüllen-Unternehmungen.

Die Minergie-Lobby erhebt das Energie- sparen aus Eigeninteresse zum Dogma und greift unter dem Vorwand, für das Gute zu stehen, sogar die Forschungsfreiheit an.

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