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18.06.2009, 10:27, Weltwoche online

Bonum Iter

Lieblingskontinent Europa

Nach vier Wochen Bahnfahrt durch Europa zieht unser Blogger eine persönliche Bilanz: Die Lebensqualität in europäischen Städten, sei es York oder Krakau, gleicht sich immer mehr an. Und Europa ist und bleibt sein Lieblingskontinent.

Von Manfred Messmer

Eine Reiseroute, von Lust und der Laune diktiert. Bild: Manfred Messmer




Wir sind wieder zu Hause, nach vier Wochen Bahnfahrt quer durch Europa. Es war eine spannende, eine abwechslungsreiche Zeit und wie man so schön sagt: Die Reise erweiterte unseren Horizont.

Eines hat sich jedoch bestätigt: Europa ist und bleibt mein Lieblingskontinent. Wo anders kann man in nur zwei, drei Stunden Bahnfahrt von einer Kultur in eine völlig andere wechseln? Auch wenn, zugegeben, die uns allen bekannten Marken das Leben dieser Europäer von West nach Ost von Nord nach Süd entscheidend mitprägt.

Wirtschaftskrise
Überhaupt dieses Europa in der Wirtschaftskrise. Natürlich gibt es die. Und natürlich gibt es Unterschiede in der Lebensqualität. Barcelona, London, Hamburg, München, auch Budapest - die spielen selbstverständlich in einer anderen Liga. Aber für mich erstaunlich: York und Krakau sind vergleichbar, Edinburgh und Wrozlaw auch. Die Lebensverhältnisse haben sich in Europa in den letzten Jahren stark angeglichen, nach oben.

Und wir fragten uns: Was ist landestypisch, beispielsweise beim Essen. Die Auswahl an französischen Käsen ist in London, München und Hamburg, aber selbst in Budapest (fast) genau so reichhaltig wie in Bordeaux. Wobei die regionalen Käsesorten dank der kontinentaleuropäischen Konkurrenzsituation nicht zu verachten sind. Im Gegenteil, die können mit den Franzosen spielend mithalten. Dies ist nur ein Beispiel. Vielleicht nicht so spektakulär, weil für uns so selbstverständlich: In allen Ländern gibt es ein überbordendes Angebot an frischem Gemüse und Früchten, an Bieren und Weinen. Welch reicher Kontinent!

Sandwiches
Wobei man die in Europa im Grunde genommen dominierende kulinarische Sparte nicht ausser Acht lassen darf: Die Sandwiches. Hier hat sich inzwischen eine Qualität etabliert, die so ein Sandwich nicht mehr zu einem Hungerstopfverlegenheitsobjekt deklassiert - man denke etwa an das italienische "Toast" in einer Bar - sondern zu einem hochwertigen, kulinarisch durchaus akzeptablen Genuss für solche Gelegenheiten, wo man halt unkompliziert etwas Essen möchte. Wir des öfteren zum Sandwich gegriffen und dabei leckere lokale Käse- und Schinkensorten entdeckt.

Ich kann eine solche Zugsreise mit einem InterRail-Ticket wärmstens empfehlen. Das Preis-Leistungsverhältnis ist ausgezeichnet. Vier Wochen ist eine gute Zeit. Man muss nicht hetzen und kann doch einiges sehen. Nebenbei: 1. Klasse ist eindeutig bequemer als die 2. Die 1. Klasse ist auch im Gegensatz zur 2. nie überfüllt und man hat einfach mehr Platz für sich und das Gepäck.

Es ist viel unkomplizierter mit dem Zug zu reisen, als wir uns das vorgestellt haben. Die Bahn ist schnell und man kommt immer mitten in der Stadt an. Beispielsweise in München, wo der Bahnhof fünf Minuten von der Fussgängerzone weg liegt. An jedem Bahnhof findet der Reisende mindestens ein Hotel, wir hatten nicht ein einziges Mal das Problem, ein Zimmer zu finden. Mal sind sie top, wie in München, mal sind sie, na ja, wie in Perpignan. Aber genau das macht den Reiz einer solchen Reise aus.

Neue optische Einsichten
Der Zug ist schnell und wenn der Zug, wie in Polen ziemlich langsam durch die Gegend zuckelt, hat auch das seinen Charme. Was der Autofahrer jedoch mit Verblüffung feststellen wird: Der Zug ermöglicht es, von der Reiseroute einen völlig anderen optischen Eindruck zu gewinnen, als mit dem Auto. So sieht man links und rechts der Bahnstrecke zumeist nichts als Wiesen und Felder. Der Autofahrer hingegen sieht vor allem dieses graue Strassenstück vor sich und viele andere Autos. Und wenn der Beifahrer sagt, "schau mal dort drüben", ist man am Überholen und muss auf den Rückspiegel und die Autos vorne achten.

Meine Reisebegleiterin und ich bedanken uns bei allen, die unsere Reise bis hierher mitverfolgt haben und auf Facebook und im Blog Kommentare hinterlassen und Tipps gegeben haben. Wir hoffen, etwas Unterhaltung geboten und auch ein paar interessante Erkenntnisse weitergegeben zu haben.

Und das waren unsere Stationen:
Marseille Perpignan Barcelona
Riba-roja d'Ebre Pamplona Bordeaux
La Rochelle London York Edinburgh Inverness
Brüssel Hamburg Wroclaw Krakau
Tarnów Budapest München

Und das sind die Posts, die mir persönlich am besten gefallen:
Fischers Paradies Juan Mr Sitch Hoffen auf Loch Ness
Edinburgh Kaffeegenuss Geschichte München Basd scho

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Der InterCity bringt uns von München nach Stuttgart, mit freundlicher Zugsbegleitung. In Polen ist so ein Kondukteur noch eine Mischung aus Polizist und Bahnbeamter.

Das bedeutet, dass so ein bahntechnisches Mischwesen sich immer leicht düpiert fühlt, wenn du es gewagt hast, SEINEN Zug zu besteigen. Und wenn er nichts auszusetzen hat, an deinem Billet - wir haben schon wüste Beschimpfungen miterlebt - markiert er völlig unötig UNSER Global Ticket mit seinem Schnörkel.

Ganz anders in den westeuropäischen Ländern. Hier bringt dir der Zugsbegleiter, nachdem er dein Ticket kurz angeschaut hat, das Frühstück an deinen Platz. Ausser in der Schweiz. Diese Bähnler ringen noch mit ihrer neuen Rolle.

In Stuttgart steigen wir um in den Zug nach Basel.



Das ist schon so...

Also die Geschichte läuft so: Nach der Schweinshaxe mit Knödel im Hofbräuhaus wollte ich mir noch kurz die Hände waschen. Da sass da an diesem Tisch dieser Bilderbuchbayer. Er schaute mich an und ich schaute ihn an und mir kam eigentlich nichts anderes in den Sinn als den ziemlich idiotischen Satz zu sagen: "Sind Sie ein original Münchner?" "Nein", sagte er, "ich bin ein Franke."

Und dann gab ein Wort das andere. Ich sei ihm auch aufgefallen, sagte er, "wegen dem Hut und wenn einer einen Hut trägt, dann ist er schon in Ordung, habe er gedacht". Ob mich setzen dürfe, habe ich daraufhin gesagt. Aber ja doch, meinte er, "aber dann machen wir gleich auf Du, ich heisse Manfred". Wahnsinn, dachte ich, und sagte: "Ich auch!" "Wahnsinn", sagte er. Dann bestellte er zwei Bier.

Gleicher Jahrgang, gleicher Vorname:
zwei Hutträger kommen sich näher.

So läuft das in München. Ich habe dann meine Reisebegleiterin aus dem Biergarten des Hofbräuhaus geholt.

Die Sache ist die: Wenn dieses erste Mass Bier vor einem steht - ich bevorzuge dunkles Bier - dann denkt man: diesen Liter schaffst du nie. Schon mit der zweiten Mass stellt sich diese Frage nicht mehr.

Das Hofbräuhaus ist voller Touristen aus aller Herren Länder. Und dazwischen sitzen diese Männer in ihren bayrischen Trachten. Nun könnte man ja auf die Idee kommen, dass die aus Gründen der Folklore hier sitzen, was aber ziemlich falsch ist. Denn die Männer in ihren Lederhosen und unterschiedlichsten Kopfbedeckungen sind Mitglieder von Stammtischen.

Jeder Stammgast hat seinen eigenen Biergkrug.

Wie sich herausstellte, hatten wir das Vergnügen, den Abend mit den Königstreuen, den Anhängern des Hauses Wittelsbach zu verbringen. Die treffen sich jeden Freitag im Hofbräuhaus. Heute waren es nur sechs, ansonsten sind es fünfzehn oder noch mehr. Manfred fährt jeden Freitag gut fünfzig Kilometer mit dem Zug zu seinem Stammtisch und mit dem letzten wieder zurück nach Hause. Wahnsinn.

Für die Anhänger des Hauses Wittelsbach kommt die Bezeichnung "Freistaat Bayern" nur widerwillig über die Lippen. "Für uns ist Bayern das Königreich Bayern, was euch Schweizern wohl etwas seltsam anmutet", sagt der Manfred. "Wir sind halt Royalisten."

Neue Hosenträger für Klausi.
Der Herr mit dem Schnauz ist ein Südtiroler und
gehört zu einem anderen Stammtisch.

Vielleicht muss man deshalb wissen, dass es sich beim Hause Wittelsbach um eines der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands handelt und dieses seit dem Jahr 1000 in Bayern eine Rolle spielt. Nach dem 1. Weltkrieg war dann für die aus dem Hause Wittelsbach fertig lustig. Eine Revolution fegte den letzten vom Thron. Er soll es recht gelassen genommen haben.

Bei Wikipedia findet sich vor dem Hintergrund unserer Reise noch ein interessanter Hinweis: Der derzeitige Chef des Hauses Wittelbach, der Franz von Bayern, ist gleichzeitig auch Chef des Hauses Stuart. Habe ich die Stuarts nicht in Edinburgh gesehen, beim Vorbeimarsch der Clans? Dann müsste also ist dort der Franz mitmarschiert sein. Wahnsinn.

Ein alter Bierkrug, Klausi will wissen,
ob der auch tatsächlich 200 Euro wert ist.
Ja, sagt Manfred.

Doch zurück zu unserem Stammtisch. Nach und nach kamen auch die anderen, der Rudi, der Alfonso, der Klausi, der Max. Und später noch der Willi. Nun ist es nicht so, dass da jeder Stammtisch eine Insel für sich bildet. Die Stammtische rundherum gehören mit zum erweitereten Bekanntenkreis, man besucht einander und redet miteinander über den neuen Hut oder die Hosenträger oder weiss ich über was.

Das Stichwort, das mir spontan dazu einfällt ist Herzlichkeit. Die mögen sich, die respektieren sich, die freuen sich, einander jeden Freitag zu sehen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, was da einer ausserhalb seiner Lederhosen für eine berufliche Tätigkeit ausübt. Das Motto lautet: "Basd scho". Was soviel bedeutet wie "ist schon in Ordnung." Der Manfred ist Sozialpädagoge.

Die Brotzeit wird selbst
mitgebracht: Köstlichkeiten aus Franken.

Der Stammtisch der „Wittelsbacher“ hält es so, dass es gegen sechs Uhr Brotzeit gibt. Sie haben mit dem Wirt des Hofbräuhauses vereinbart – das Hofbräuhaus gehört dem Freistaat Bayern und wird verpachtet –, dass sie ihre eigene Brotzeit mitbringen dürfen. Jeder ist mal dran, die anderen zu verköstigen. Dieses Mal war die Reihe an Manfred und der hatte Wurstköstlichkeiten aus Franken mitgebracht sowie Oliven aus Kreta „von einem Bekannten“. Alfonso, der Käse verkauft, steuerte einen Camembert bei.

Na ja und nach der Brotzeit und dem nächsten Mass gab es eine Runde Schnupftabak. Und wir redeten über dieses jenes und kamen dann auf Hubert von Goisern zu sprechen, der die Volksmusik revolutionieren wollte und den ich mal an einem Konzert in Basel erlebt habe. Den kennt der Manfred schon seit Jahren persönlich. Die Welt ist klein.

Die Mitglieder eines Stammtisches
kaufen sich spezielle Münzen
zum Bezahlen für ihr Bier. Mit Rabatt.

Mein Lieblingssong von Hubert von Goisern ist „Hörst es net, wie die Zeit vergeht“ und irgendwie passte der Text zu diesem Abend, denn Manfred und ich haben nicht nur den selben Jahrgang sondern sind auch fast am selben Tag zur Welt gekommen. Wahnsinn.

Ich mag München und die Bayern sowieso und selbstverständlich auch die Franken. An irgendeinem Freitag werde ich nach München fahren und mich an den Tisch der "Wittelsbacher" setzen. Sie werden sich freuen und ich mich auch und dann werden wir zufrieden mit uns und der Welt feststellen: "Basd scho."



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Wie entsteht Bonum Iter?

Erschienen auf WELTWOCHE online, 27.08.2009
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Kommentare

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loretta     06.08.09 00:23

Sorry: ich meinte Zöldhàz! ( grünes Haus..)
Und Unikum, trinken, das tut gut, besonders nach dem schweren Essen...:-)

loretta     06.08.09 00:22

PPS: Gehn Sie, falls Sie Wasser mögen auch nach Héviz, der Natur-Thermalsee dort ist herrlich!!
Und tut gut, ausser Sie leiden an Herzproblemen, dann soll man das Hévizsche Wasser nicht zu lange geniessen..:-)
Dort gibt es viele Hotels, oder ein Geheimtip:
In Gyenesdias, das Zödlhàz, Biohaus mit schönen, grossen Betten und einem Super Büfet am morgen!
Ihre Loretta

loretta     06.08.09 00:20

PS: Seien Sie auf Hut vor Dieben, es gibt einige üblen Hänger in Budapest!
Trotzdem, die Stadt ist wunderschön, mit einer fazinierenden Geschichte und herrlichen alten Gebäuden!
Viszlàt!
Loretta

loretta     06.08.09 00:16

Ach Budapest ist eine schöne Stadt, gehn Sie doch mal in eins der Bäder, das Gellert oder auf der Margit Sziget!
Zum Glück sprechen einige Ungaren gut Deutsch, bzw Englisch..
Ich habs mal gelenrt, für einen ungarischen Mann, nicht einfach die Sprache, aber chinesisch ist schwieriger..
Remélem hogy tecik magànak a vàros..
Viszlàt!
Loretta

PS: Gebe nicht auch noch chinesische Kommentare ab..

René Artois     16.07.09 11:16

Das also ist das berühmte "Web 2.0": die Fortsetzung der Mobilfunkdemenz "Ich sitze jetzt im Zug" mit Hilfe von TCP/IP. Weit haben wir's gebracht. Sehr weit.

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