«Wer gross hinein geht, wird klein heraus kommen.» Selten wurde die politische Faustregel über die Karriere von Bundesräten schöner bestätigt als jetzt, wo Pascal Couchepin (FDP), endlich, zurücktritt. 1998, als er gekürt wurde, war der Walliser der Hoffnungsträger einer Partei, die sich bereits auf dem Abstieg befand. Der damalige FDP-Präsident Franz Steinegger forcierte jahrelang mit ganzer Kraft die Wahl seines Fraktionschefs, um den alt und krank gewordenen Jean-Pascal Delamuraz, der als Hypothek betrachtet wurde, loszuwerden. Peter Bodenmann pries seinen Walliser Landsmann in der Weltwoche als Gestalter einer «fortschrittlichen» Koalition mit der Linken an: «Nur Couchepin hat das Potential, etwas mitzubewegen. Europa formiert sich in der linken Mitte.» Und der Kandidat selbst, daran liess er nie einen Zweifel, hielt sich stets für den Grössten und Besten und Schlauesten.
Geworden ist gar nichts.
Dabei war der Jurist aus Martigny mit vielen Talenten gesegnet: ein fast untrüglicher Instinkt für die Macht, die blitzschnelle Auffassung, gekonnt zelebrierte Bildung, Witz, dominierende Staatlichkeit, Egopflege, überfallsartige bis ätzende Rhetorik. Ein Mann, schien es, geschaffen wie kein zweiter für einen Exekutivposten, ein Chef und kein Verwalter.
Nach knapp zwölf Jahren im hohen Amt zählt Pascal Couchepin vor den Medien seine 27 Erfolge bei Wahlen auf (vom Martinacher Stadtrat bis zu den Wiederwahlen in den Bundesrat). Die restliche Bilanz besteht aus einem Wust aus Papieren, die Highlights wie «zahlreiche Kontakte mit Kulturministerinnen und Kulturministern anlässlich von Auslandreisen» oder Durchbrüche wie «Pilotprojekt im Grenzgebiet Basel/Lörrach zur Erprobung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich» auflistet. Fakten sind, dass er weder als Wirtschaftsminister (1998 bis 2002) noch als Sozialminister (2003 bis 2009) Entscheidendes bewegt hat. Unter seiner Ägide hat sich die Lage der Sozialversicherungen sogar dramatisch verschlechtert. Überdies weigerte er sich beharrlich, die parteipolitischen Veränderungen - Stärkung der Rechten, Stagnation der Linken, Erosion der Mitte - anzuerkennen oder auch nur zu reflektieren.
Gescheitert ist Couchepin nicht an den Umständen, nicht an seinen Kollegen im Bundesrat, die er mit Leidenschaft bekämpft hat, auch nicht an seiner Partei, die sich allmählich selbst auflöst. Er kam in den knapp zwölf Jahren zu keinem Ergebnis, weil er sich selbst im Wege stand. Das grobe Imponiergehabe verdeckte mimosenhaftes Selbstmitleid und die permanente Beschäftigung mit sich selbst. Die immer lauter werdende Kritik an seiner Amtsführung bewirkte keine Änderung, sondern liess nur das Ego zur Selbstüberschätzung anschwellen, zur Grossmannssucht, die sich von den Realitäten entfernte. Immer heftiger wurden die Momente des Aufbrausens, immer häufiger die unkontrollierten verbalen Attacken gegen politische Gegner, immer peinlich die Ausfälligkeiten gegen einzelne Journalisten.
Der zornige Kampf gegen die Um- und Mitwelt zeigte, dass Couchepin, ein Mann der 90er Jahre und Mitarchitekt der gescheiterten «Koalition der Vernunft«, den Wandel der Paradigmen, Prioritäten und Parteien nicht mitgemacht hat. Wie von seinem Mitstreiter Peter Bodenmann anlässlich der Wahl vorgegeben, pflegte er die Kollaboration mit der Linken, hielt er Distanz zur CVP und bekämpfte er die erfolgreiche SVP.
So war Pascal Couchepin nie der Reformer, nie der «Visionär», als den seine Partei ihn darstellt, sondern stets der Mann der Vergangenheit und damit aktiver Mitgestalter des Niedergangs der FDP. Dass die Partei nun bangt und zittert und den zweiten Sitz in der Regierung verlieren könnte, ist das Ergebnis der Ära Couchepin.

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