Es sind nun schon zwei Wochen her, dass im Osten der Krieg durch den Angriff Deutschlands gegen Polen seinen Anfang genommen hat. Wie kaum anders vorauszusehen, haben die Deutschen gewaltige Anfangserfolge zu verzeichnen. In Anbetracht der spärlichen Nachrichtenübermittlung ist es allerdings selbst Fachleuten nicht möglich, sich heute schon über die ganze Tragweite dieser Erfolge auszusprechen. Aber selbst als Laie muss man sich sagen, dass die zum mindesten sehr verfrühte Ankündigung der Eroberung von Warschau durch Generalfeldmarschall Göring zeigt, wie dringend man im Dritten Reich auf Siegesmeldungen angewiesen ist, was bestimmt auf die deutsche Moral keine günstigen Rückschlüsse zulässt.
Aber selbst, wenn es den Deutschen gelingt, in Polen weitere Erfolge zu erzielen – was, wie die Dinge liegen, zum mindesten wahrscheinlich ist –, wird doch bestimmt nicht dort die letzte Entscheidung fallen. Polen spielt in dem Krieg, der jetzt geführt wird – man verzeih uns das grausame Bild –, die Rolle des Pferdes im Stierkampf. Das Pferd muss sich bekanntlich im Stierkampf dem Stier entgegenstellen, nicht um ihn zu besiegen, sondern nur um ihn zu ermüden. Es wird dabei in den meisten Fällen selber geopfert.
So opfert sich heute auch Polen beinahe ohne jede Hoffnung auf einen direkten Sieg. Seine Rolle ist es nur, möglichst grosse deutsche Kräfte zu binden und unschädlich zu machen. Es ist das vielleicht die schwerste und heroischste Rolle, die man einem kämpfenden Lande in einem Kriege zumuten kann. Aber Polen war, wie uns von führenden Polen schon lange vor Ausbruch des Krieges versichert worden ist, von Anfang an bereit und entschlossen, diese Heldenrolle zu übernehmen und durchzuführen. Gewiss werden die Westmächte der Weichselrepublik bei Friedensschluss den gebührenden Dank nicht vorenthalten.
Die entscheidende Garantie für einen solchen Dank ist den Polen übrigens dadurch gegeben worden, dass gerade im Augenblick des polnischen Rückzuges zwischen den Westmächten und Warschau die Protokolle unterzeichnet worden sind, wonach es einem einzelnen der Kriegsführenden verboten ist, einen Sonderfrieden zu schliessen. Damit schwinden auch die letzten Hoffnungen des Führers auf die Möglichkeit, mit einem besiegten Polen einen Sonderfrieden abschliessen zu können. Es wird fortan nicht mehr, wie im Falle der Tschechoslowakei, brutale Angriffshandlungen des Dritten Reiches geben, die nachher von den Westmächten mehr oder weniger zögernd anerkannt werden. [. . .]
Die kältesten, berechnendsten Offiziere
Über die militärischen Operationen an der Westfront zu sprechen dürfte heute noch verfrüht sein. Die Chefs der alliierten Heeresleitung haben ihre Aktionen gegen den Westwall bewusst in ein Dunkel gehüllt, aus dem heraus es schwer ist, ihre Absichten zu erraten. Nur so viel ist sicher: die Männer, die diese Operationen leiten, sind die gewiegtesten, kältesten und berechnendsten Offiziere, die es überhaupt auf der Welt gibt. Es sind alles Männer, die den Weltkrieg mitgemacht haben und die wissen, dass es das Wichtigste ist, in keiner Situation die Nerven zu verlieren und sich nie zu übereilten Aktionen hinreissen zu lassen.
Darauf kann man sich verlassen: solche Männer verstehen ihre Chancen abzuwägen. Wenn sie wirklich im Westen einen Durchbruch versuchen, so wird man sich ruhig sagen können, dass der berühmte Westwall doch nicht ganz so unbezwinglich ist, wie es von deutscher Seite immer wieder behauptet worden ist. Denn das wissen die französischen und englischen Generäle: wenn der Westwall wirklich uneinnehmbar ist, dann genügt für die Niederwerfung Deutschlands auch die Blockade. Deutschland hat seine Reserven schon weitgehend verbraucht, ehe der Krieg auch nur begonnen hat. Selbst wenn ihm der Weg nach Ungarn, Rumänien und Russland offen steht, wird es doch nie genügend Waren einführen können, ganz einfach, weil es sie nicht bezahlen kann. Auch deutet alles, was wir von der Stimmung im Dritten Reich erfahren, daraufhin, dass heute schon der Durchhaltewille dort sehr geschwächt ist.
Natürlich ist der Staatsapparat, vor allem die Polizei, noch stark. Siege im Osten werden vielleicht auf kurze Zeit sogar die Stimmung noch heben können. Aber wir zweifeln, ob das genügen wird, um die Hoffnung aufrecht zu erhalten, wenn die Belastungen des Kriegswinters kommen und mit ihnen der Mangel an allem, was nötig ist, um den kriegerischen und patriotischen Enthusiasmus weiter am Leben zu erhalten.
England und Frankreich haben ihre Hauptfriedensbedingungen schon gestellt: Preisgabe Hitlers. Merkwürdigerweise war es kein geringerer als Göring, der letzten Samstag in einer Ansprache an das deutsche Volk dieser Forderung den weitesten Widerhall gab, indem er von der Möglichkeit eines «Friedens um den Preis unseres Führers» sprach. Natürlich wird eine solche Möglichkeit in gleichem Atemzug von ihm abgelehnt. Aber trotzdem hat Göring mit dieser Gegenüberstellung Hitler sicher keinen Dienst geleistet.
Würde es sich nicht um den treuesten der Paladine handeln, könnte man sogar an bewusste Perfidie denken. Durch Görings Gegenüberstellung ist zum erstenmal von offizieller deutscher Seite allen Deutschen gesagt worden: Ihr könnt wählen zwischen Hitler und dem Frieden. Jeder Deutsche weiss fortan, dass der Grund, warum er kämpfen muss, nur in Hitlers Person liegt. Mit jeder neuen Schwierigkeit wird fortan die Versuchung steigen, sich von einem Führer loszusagen, dessen Person gleichbedeutend ist mit einem sich unendlich verlängernden Krieg.
Der Artikel erschien am 15. September 1939 in der Weltwoche.














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