Debatte

Das Blech und sein Trommler

Es lohnt nicht, in die allgemeine Empörung über die Israel-Kritik von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass einzustimmen. Aber an einem Punkt muss man einhaken.

von Charles Lewinsky

Günter Grass hat natürlich recht mit dem, was er schreibt. Nobelpreisträger können nicht irren. Schliesslich erklärt Israel seit Jahren, dass der Iran von der Landkarte getilgt werden müsse. Dass er ein Besatzerstaat sei, der keine Lebensberechtigung habe. Dass es eine gottgegebene Verpflichtung sei, ihn mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Oder, hoppla, war das etwa umgekehrt? Ist es am Ende der iranische Regierungschef, der in einer Rede nach der anderen die Vernichtung Israels propagiert? Spielt keine Rolle. Im verschwurbelten Weltbild des alternden Blechtrommlers können solche kleinen Verwechslungen schon mal vorkommen. Wie die Verwechslung, die ihn dazu bewogen hat, seinen Prosatext als Gedicht zu bezeichnen, nur weil er ihn zeilenweise hat abdrucken lassen. Vielleicht weil man sonst gleich gemerkt hätte, dass er ihn heimlich an einem Stammtisch mitgeschrieben hat.

Nachsicht mit den Heroen von gestern?

Nein, Günter Grass’ Text macht noch nicht mal Lust zu einem satirischen Angriff. Man soll das Gebrabbel alter Herren nicht auf die Goldwaage legen. Sich ernsthaft mit seinen Thesen auseinanderzusetzen, wäre eine Verschwendung von Druckerschwärze. Wer auch nur ab und zu Zeitung liest oder sich die Fernsehnachrichten ansieht, wird selber merken, dass seine Beschreibung des Verhältnisses der beiden Staaten wenig bis nichts mit der Realität zu tun hat.

Es lohnt nicht. In den Chor der allgemeinen Empörung über die schrägen geopolitischen Ansichten eines Nobelpreisträgers muss man nicht auch noch einstimmen. Nur an einem einzigen Punkt scheint es mir nötig, einzuhaken. Günter Grass, das merkt man seinem Text an, ist furchtbar stolz darauf, ein Tabu gebrochen zu haben. Auch wenn dieses Tabu schon lange nicht mehr existiert. Auch wenn der Wind des Zeitgeistes schon lange aus der Gegenrichtung weht.

Israel zu kritisieren, behauptet er, das sei in unserer Gesellschaft verpönt. Das traue sich keiner ausser ihm. Und darum, lässt er durchblicken, sei es auch so furchtbar mutig von ihm, eine solche Kritik zu wagen.

Wahrscheinlich sollte man es den Heroen von gestern nachsehen, wenn sie von aktuellen Strömungen nichts mehr mitbekommen und mit geschwellter Heldenbrust auf ein Schlachtfeld ziehen, auf dem schon lang nur noch Denkmäler stehen. Aber weil mancher Leser geneigt sein könnte, Grass’ intellektuelle Pose ernst zu nehmen, nur weil damals die «Blechtrommel » ein wirklich guter Roman war, muss man wohl festhalten: Ein Tabu, das öffentliche Kritik an Israel und seiner Politik verbieten würde, existiert schon lang nicht mehr.

Natürlich, es gab mal eine Zeit, in der es als politisch unkorrekt galt, den jüdischen Staat zu kritisieren. Nach dem Überraschungsangriff der ägyptischen und syrischen Truppen auf Israel im Oktober 1973 war vorübergehend die ganze Welt zionistisch. Niemand hatte einen Zweifel daran, wer in diesem Kampf der David und wer der Goliath war, wer der Angreifer und wer der Angegriffene.

Der Applaus hielt nicht lange vor.

Heute gehört es nachgerade zum guten Ton, Israel Vorwürfe zu machen. Ein Aufruf zum Boykott seiner Produkte vermag viel mehr zustimmend empörte Leserbriefschreiber zu mobilisieren als etwa der Aufruf, Massnahmen gegen die Grausamkeiten des benachbarten syrischen Regimes zu ergreifen. Heute ist man in, wenn man sich diesem Chor anschliesst.

Protest und modische Attitüde

Damit man mich nicht falsch versteht: Es geht mir hier nicht darum, alles blind zu verteidigen, was der israelische Staat tut. Bei manchen Aussagen seines protofaschistischen Aussenministers Avigdor Lieberman packt mich das kalte Grausen, und ich freue mich darüber, dass auch viele Israelis gegen die staatlich geförderten Fehlentwicklungen in den besetzten Gebieten lautstark protestieren. Aber die Art, wie es in den letzten Jahren zur modischen Attitüde geworden ist, an diesen Staat viel strengere Massstäbe anzulegen als an seine Nachbarn, kann einen gewaltig nerven. Vor allem, wenn sich ein Günter Grass als Spätberufener des Israel-Bashings für einen mutigen Tabubrecher hält, wenn er in diesen vielstimmigen, misstönenden Chor auch noch einstimmt. Das nehme ich ihm übel.

Wie heisst doch gleich wieder der alte lateinische Merkspruch von dem Philosophen, der einer geblieben wäre, wenn er nur das Maul gehalten hätte?

Charles Lewinsky ist Schriftsteller und Drehbuchautor.

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

  • franz batthyany
  • 18.04.2012 | 10:57 Uhr

Grass hat der berechtigten Kritik gegen Israel, das täglich das Völkerrecht bricht, ein Land mit wanderneden Grenzen, das "Raketen" die Hühnerhöfe beschädigen mit schweren Fliegerangriffen beantwortet, ein Land das von seinen vornehmsten Bürgern u Freunden kritisiert wird, einen Bärendienst getan.

  • Rainer Selk
  • 14.04.2012 | 18:41 Uhr

Gute Güte, diese pubertäre Story der Blechtrommel, die mal en vogue war und ansonsten keinen Menschen mehr interessiert.

Da hat G. Grass ein paar Verse geteert. Und jetzt? Aufschrei in Israel? Warum?

Israel hat doch vorgeblich 300 Atombomben. Der Iran bisher angebl. keine. Was also soll das ganze Gezerre. Israel, lehne Dich zurück und mache Ordnung in Dir, statt 'klirren'. Es wird ganz anders kommen. Nur nicht die Ruhe verlieren!

 
|

weitere Ausgaben