Ausgabe vom 16. April 2014

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Hintergrund

Stil & Kultur

Umfrage Ausgabe 16/14



Andreas Thiel

Freiheit ade

Das ­verlorene Erbe der alten ­68er.

Enkelin: Du, Opa, ich muss für die Schule einen Aufsatz schreiben. Darf ich dir ein paar Fragen stellen?

Opa: Aber gerne, mein Kind. Was willst du wissen?

Enkelin: Du warst doch ein 68er, nicht wahr?

Opa: Und ob. Ich war schon als Student auf der Strasse und habe gekämpft.

Enkelin: Und du hast gekämpft für mehr staatliche Kontrolle, mehr Regulierung, zusätzliche Gesetze und Verbote, weniger Freiheit und mehr Polizei. Ist das richtig?

Opa: Nein, natürlich nicht. Wir haben Gekämpft für mehr Freiheit.

Enkelin: Und habt ihr gewonnen?

Opa: Aber sicher. Wir sind dann in die Politik gegangen und haben alles verändert.

Enkelin: Indem ihr die staatliche Kontrolle ausgebaut und das ganze Leben reguliert habt, Tausende von neuen Gesetzen geschaffen und überall Verbotsschilder aufgestellt und die Überwachung der Bürger durch Polizei und Politessen verschärft habt?

Opa: Aber nicht doch, mein Kind, wir haben eine neue Welt kreiert, die besser ist als die alte.

Enkelin: Eine neue Welt, in der ihr als Politiker alles kontrollieren und euch schamlos bereichern könnt, indem ihr alles, was euch in den Sinn kommt, besteuert und mit Gebühren und Bussen belastet?

Opa: Aber nein, mein Kind, wir haben eine schöne, neue, freie Welt geschaffen, damit ihr es dann einmal besser habt als wir.

Enkelin: Aber ihr hinterlässt uns doch einen hochverschuldeten, überregulierten, ideologisierten und mit Verboten gespickten Staat, der um einiges weniger frei ist als der alte Staat, gegen den ihr gekämpft habt.

Opa: Ach, weisst du, mein Kind, ich bin nicht sicher, ob Politik ein geeignetes Aufsatzthema für eine Gymnasiastin ist.

Enkelin: Opa, ich bin 23 Jahre alt, besuche die Pflegefachschule und schreibe einen Aufsatz über Demenz.

Andreas Thiel, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller und Kabarettist.

 
 

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