Editorial

Arthur Cohn

Ein Abend mit dem grossartigen Autorenfilmer und gewinnenden Botschafter der Schweiz.


Von Roger Köppel

Hauptdarsteller Cox (Mitte) als grantiger Alter. Bild: zVg

Eigentlich hätte diese Würdigung schon vor einer Woche hier stehen müssen, dann aber drängten sich die unseligen Unternehmenssteuern vor. Politik hat die durchaus ­unangenehme Eigenschaft, sich ungefragt ins Leben einzumischen.

Nun also dieser zauberhafte Abend, der uns wenigstens vorübergehend aus der Prosa der Patentboxen und kalkulatorischen Zinsen auf überschüssigem Eigenkapital herausriss. Eingeladen nach Basel, in die Welthauptstadt des Understatements, hatte Arthur Cohn, der mit sechs gewonnenen Oscars bedeutendste und erfolgreichste Schweizer Filmemacher der ­Geschichte. Auf dem Programm stand sein neues Werk «The Etruscan Smile», ein schöner, trauriger Film über einen Mann, der sterben muss, um die Liebe zum Leben und zu den Menschen zu entdecken.

Cohn, der Maestro mit der gelben Krawatte und der immer leicht zerstreuten Frisur, ist ein internationales Phänomen. Schon mit seinem ersten Dokumentarfilm holte er vor über fünfzig Jahren auf Anhieb einen Oscar. In der Schweiz wird sein gewaltiges Schaffen seither mit einer Mischung aus neidvoll skeptischer Bewunderung gewürdigt, was auch damit ­zusammenhängen mag, dass es dieser Mann beruflich in einer Branche ganz nach oben gebracht hat, die im Land der Bodenständigkeit nicht ganz geheuer sein kann.

Das Vorurteil freilich trifft es nicht, denn in der Glitzerindustrie ist Autorenfilmer Cohn mit seinem stillen und besinnlichen Kino ein erstaunlich erfolgreicher Sonderfall geblieben. Wann merken es die Schweizer?


Ihn faszinieren die Stoffe, die Geschichten, die Schauspieler. Fast schon provozierend wirkt heute sein Verzicht auf Spezialeffekte, auf Sex, Gewalt und Lärm. Als er dem Chef der Fox-Studios «The Etruscan Smile» gezeigt ­habe, erzählte Cohn vor seinen 1300 prominenten Freunden und Gästen, habe der sich begeistert an Filme erinnert gefühlt, «wie man sie früher machte». Dass der Schweizer es ­irgendwie fertigbringt, mit seinem anspruchsvollen Gesamtwerk in der Traumfabrik zu ­bestehen, muss wiederum allen zu denken ­geben, die in Hollywood nur die Chiffre dröhnender Oberflächlichkeit erkennen wollen.


Cohn ist Künstler, aber eben auch ein Genie des Zwischenmenschlichen. Sein Freundeskreis ist echt und weltumspannend. Seine Premieren sind daher keine sterilen Promi-­Paraden, sondern eine Art erweiterte Familientreffen. Von seinen Eltern, sagte er in seiner Ansprache, habe er Wurzeln und Flügel auf den Weg bekommen; Wurzeln, damit man wisse, wer man sei; Flügel, um in die Welt hinauszufliegen.

Cohns Vater war ein berühmter Anwalt in Basel, der auch an der Verfassung Israels mitschrieb. Seine Mutter dichtete Texte fürs ­berühmte Cabaret Cornichon. Der junge Cohn studierte Jus, wurde dann Sportreporter und wagte den Sprung ins Filmgeschäft. Einer ­seiner grossen frühen Förderer war Vittorio De Sica, der italienische Meisterregisseur des Neorealismus, der mit seinem unverschnörkelten Wirklichkeitsstil und der berührenden Art, Menschen darzustellen, seinen Schweizer Schüler unverkennbar prägte.


Bereits vor achtzehn Jahren sicherte sich der zähe Qualitätsschürfer Cohn die Filmrechte am Bestseller «Das etruskische Lächeln» von José Luis Sampedro (1917–2013), einem spanischen Schriftsteller und kapitalismuskritischen Wirtschaftswissenschaftler. Das Buch handelt von einem gealterten italienischen Bauer und Widerstandskämpfer, der aus gesundheitlichen Gründen von Kalabrien zu ­seinem Sohn nach Mailand ziehen muss. Der mürrische Patriarch findet dort, erst dank ­seinem kleinen Enkel, in den letzten Wochen vor dem Tod die Liebe zum Leben und zu seiner Familie.

Es ist ein typischer Cohn-Stoff, mit Menschenliebe und Humor erzählt, extrem sorgfältig gemacht, mit grossartigen Landschaftsaufnahmen und einer zurückhaltenden Regie im Dienst brillanter Schauspieler, unter denen der Hauptdarsteller Brian Cox mit seinem furchigen Bärengesicht in der Rolle des grantigen, todkranken Alten herausragt.

Statt in Italien spielt der Film in Schottland und in San Francisco. Ausserdem mildert Cohn die moralisierende Gesellschaftskritik der Vorlage wohltuend etwas ab, so dass die handelnden Figuren und nicht die politischen Diagnosen ins Zentrum rücken. «Das Schwierigste war, sich von den Emotionen nicht auffressen zu lassen», sagte nach der Aufführung Brian Cox, selber Schotte, der mit seiner Frau eigens aus New York ein­geflogen war, um sich den fertigen Film erstmals anzuschauen.

Das Publikum dankte begeistert. Am Schluss verneigte sich an diesem ausserordentlichen Abend unter Ovationen der ganze Saal vor ­Arthur Cohn, dem grossen Basler, der seit ­Jahrzehnten die Filmwelt erobert und dabei, lokalpatriotisch und weltläufig zugleich, ein geerdeter und liebenswürdiger Botschafter der Schweiz geblieben ist.

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