Editorial

Trump verstehen

Gegen US-Präsident Donald Trump wüten seit Wochen und Monaten 
Medien, politische Gegner und Krawallprotestler im Alarmbereich der 
Hysterie. Was steckt dahinter? Wie muss man Trump realistisch einschätzen? Eine Standortbestimmung im Zeichen der Vernunft.

Von Roger Köppel

Gab es das schon mal? Noch nie seit Journalistengedenken wurde ein demokratisch gewählter Regierungschef derart angefeindet, geradezu kriminalisiert von seinen Gegnern.

Seit Wochen wüten in den USA Gewaltproteste. Die Krawallschläger, von unseren Medien in Kurzmeldungen zu «Demonstranten» verharmlost, zertrümmern Gebäude und fackeln Autos ab. Die etablierte Linke stachelt die Brandstifter an, anstatt den Terror zu verurteilen. Man solle «auf der Strasse» kämpfen gegen Trump, fordert Hillary Clintons Vizepräsidentschaftskandidat Tim Kaine.

Zum Abschuss freigegeben

Der neugewählte Präsident soll mit allen Mitteln moralisch und politisch diskreditiert, delegitimiert, zum Abschuss freigegeben werden. Sogar ernsthafte, seriöse Blätter verlieren jedes Mass. Das jüngste Spiegel-Cover zeigt Trump in der Pose des schwertbewehrten IS-Schlächters, in der Hand den abgetrennten, bluttriefenden Kopf der Freiheitsstatue.

Angesichts der aufpeitschenden Hysterie sind Nüchternheit und Sachlichkeit gefragt. Machen wir hier also eine Standortbestimmung im Zeichen der Vernunft.

Erstens: Was bedeuten die nicht enden wollenden Proteste gegen Trump? Haben wir es mit einer neuen linken Bewegung zu tun wie damals 1968? Das hoffen einige.

Zweitens: Müssen wir Angst haben vor Trump? Stellt der Mann, wie der Spiegel drohend hyperventiliert, eine Weltbedrohung dar, die sich «nicht von selbst beseitigt»?

Und schliesslich drittens: Was ist bis jetzt grundsätzlich von Trump zu halten? Diese Frage zielt auf den entscheidenden Punkt: Es geht um das Motiv des Präsidenten.

Ein Bekenntnis vorneweg: Während die Mainstream-Medien Trump vor allem verdammen und verurteilen, bemüht sich die Weltwoche darum, Trump zu verstehen. Ohne Verständnis keine Erkenntnis. Und vor allem: verstehen heisst nicht rechtfertigen.

Am Ende mögen die Leser selber urteilen, ob ihnen der hier präsentierte Denkleitfaden hilft.

Trauermärsche von gestern

Fangen wir mit den Protesten an. Man sollte sie nicht überschätzen. Eine neue achtundsechziger Bewegung ist es nicht. Im Gegenteil. Die Achtundsechziger waren Aufbruch, Attacke, Leidenschaft, Humor, auch Gewalt, Terrorismus und ideologische Verirrung, aber nicht nur und viel mehr als das, eine breitabgestützte Freiheits­offensive gegen eine selbstzufrieden gewordene, überhebliche Elite, die an der Macht verknöchert war. Die Achtundsechziger verkörperten Frische und Kraft. Sie hatten den Zeitgeist auf ihrer Seite, weil ihre Anliegen an der Zeit waren.

Heute ist es ganz anders. Längst verfettet die alte Linke an der Macht, verbürgerlicht, bis zur Unkenntlichkeit eingewoben ins Establish­ment, das sie einst bekämpfte. Gegen Trump mobilisieren sich aggressive Trauermärsche von gestern, die satten Legionen des Status quo, denen die Wähler und die Felle ­davonschwimmen.

Ergraute Polit- und Showbusiness-Eminenzen mit trübsinnig erregten Gesichtern trotten neben junglinken Weltfremd-Akademikern und durchgeknallten Pussy-Feminist-
innen einher. Das ist keine Bewegung im Angriff, sondern ein lärmender Rückzug, Napoleons Grande Armée in Lumpen kurz vor der Beresina.

Die freudlose Weltuntergangs-Frenetik der Journalisten mit ihren Kopfabschneider-­Covers passt ins Bild. Es ist der traurige Sound­track, eine Art Schmerzensschrei gegen den schweren Abschied von der Macht.

Zur Erinnerung: Vor bald fünfzig Jahren marschierten die Linken noch mit echtem Druck. Im Weissen Haus sass der tragische Paranoiker Richard Nixon, der sich angesichts der Dauerproteste in einem Bürgerkrieg gegen die eigene Jugend wähnte. Seine Verzweiflung wurde so gross, dass er die illegalen «Watergate»-Machenschaften seiner Prätorianer im Kampf gegen ­seine Feinde deckte – und prompt, geteert und gefedert, ins unfreiwillige Exil gefeuert wurde. Trump hat es gemütlicher. Er hält seine protestierenden Gegner mit ein paar Tweets in Schach.

Müssen wir Angst haben? Nein

Kommen wir zur zweiten Frage: Müssen wir Angst haben vor Trump? Nein. Skepsis ist bei jedem Politiker Pflicht, bei Supermächten sowieso, methodisches Misstrauen, aber die ­Rhetorik der Apokalypse, die vom Spiegel abwärts aufgeboten wird, überschätzt den Präsidenten und unterschätzt die Macht der amerikanischen Institutionen.

Es hat etwas zutiefst, nun ja, Deutsches, wenn die Deutschen, die dank den USA seit 1945 ihre erste funktionierende Demokratie erhalten haben, heute den seit 1776 demokratisch regierten Amerikanern erklären wollen, wie Demokratie funktioniert.

Bleiben wir auf dem Boden, Kollegen: Trump lebt als Präsident im wohlkonstruierten Gefängnis des amerikanischen Rechtsstaats. Er mag mit seinem Aktivismus die Deutschen, die Presse und die Beamten noch so schwindlig spielen, am Ende findet sich immer ein Richter, der im Namen irgend­eines Paragrafen sein legitimes Veto einlegt, sobald der Staatschef auch nur einen Millimeter von der Spur abweicht. Genauso ist es passiert diese Woche, als Trump seine temporäre Einreisesperre verfügen wollte.

Es war ein Bush-Republikaner-Richter, der bockte. Trump regte sich twitternd auf. Grosse Empörung natürlich in den Medien, das gehe gar nicht, Angriff auf die Gewaltenteilung und so weiter. Unsinn. Trump darf sich aufregen, selbstverständlich, genauso wie sich Obama über das Parlament aufregte, wenn ihm dort die Rechte Steine in den Weg legte.

Lasst den Präsidenten ihren Zorn, es hilft nichts. Vorderhand und bis auf weiteres siegte gegen Trump der Richter, an dessen Namen sich bereits niemand mehr erinnern kann. Das ist Demokratie nach angelsächsischer Art, checks and balances.

Lob seiner Kritiker

Dass der Spiegel Trump trotzdem zum modernen «Nero» verteufelt, zum «Diktator», der die Institutionen angreift, ist entweder Dummheit – oder Marketing. Man bedient die bedeutende Zielgruppe der Trump-Allergiker, die gegen Tatsachen längst immun sind.

Kein Missverständnis: Auch wir misstrauen dem Präsidenten, aber wir vertrauen einigermassen dem politischen System, in das er eingebettet ist. Und noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass dieser Käfig Lücken hätte.

Und noch ein Faktor lässt uns ruhiger schlafen: Die weltweite Kritik an Trump, so über­zogen bis falsch sie sein mag, ist gut. Sie wirkt wie eine gewaltige Alarmsirene. Das gibt Richtung und Halt. Dank dem Megafon der Nonstopkritiker weiss Trump frühzeitig, wo er steht, von wo ihm Gefahr droht und welches die Schattenseiten seiner «wunderschönen» Pläne und «grossartigen» Konzepte sind.

Anstatt sie anzurempeln, sollte er den lästernden Journalisten dankbar sein. Wie viel schlimmer erging es da Amtsvorgänger Barack «Unfehlbar» Obama, der nur immer bejubelt und besungen wurde. Wo alles leuchtet und glänzt, sieht man die Abgründe nicht mehr. Der vermeintliche Ersatzmessias geriet auf einen Blindflug vorauseilender Euphorie. Kein Wunder, stürzte er ab.

Und nun der entscheidende und letzte Punkt: Was ist von Trump zu halten? Taugt er etwas? Kann man den ehemaligen Showstar brauchen? Hier gibt es nur einen verlässlichen Massstab: Was ist Trumps innerer Kompass? Was will er? Was treibt ihn an? Wir fragen nach dem Motiv des Präsidenten.

Das ist schwierig, aber nicht aussichtslos. Es gibt Hinweise, Indizien. Trumps Motto lautet: «America first», «Amerika zuerst». Was ist ­damit gemeint?

Seine Kritiker brüllen: Jetzt haben wir ihn! Das ist der abstossende Schlachtruf eines na­tionalistischen Fremdenhassers, die menschenfeindliche Abschottungs- und Überlegenheitsparole eines von weissen Spinnern und Hinterwäldlern gewählten Scharlatans, der in Wahrheit ferngesteuert wird von einer «altrechten» Kamarilla um den finsteren Kriegs­fetischisten Stephen Bannon (Porträt Seite 44).

Das ist, nur leicht übertrieben, eine Zusammenfassung der neuesten Titelgeschichten von Time bis Spiegel.

Ist es so schlimm? Apocalypse now? Wagen wir eine etwas weniger niederschmetternde Deutung. «Amerika zuerst» könnte auch einfach heissen, dass ein Präsident, anstatt sich dauernd in den Kram anderer Staaten einzumischen, sich zuerst einmal der Sorgen und Nöte der eigenen Landsleute annimmt. Die alte Volksweisheit formuliert es so: «Jeder soll zuerst vor seiner eigenen Haustüre kehren.» Seit wann eigentlich ist es ein Verbrechen, wenn sich ein Präsident vor allem um sein Land und dessen Bewohner kümmern will?

«Ist unser Land so unschuldig?»

Selbstverständlich: Wir wissen nicht, ob er es wirklich so meint. Vielleicht bricht der uramerikanische nationale Ehrgeiz auch bei Trump wieder durch, wir wissen es nicht. Es wird sich zeigen, aber wenn nicht alles täuscht, gibt es hoffnungsfrohe Signale. Zwei Anekdoten sind bemerkenswert.

Erstens: In seiner Inaugurationsrede erstaunte Trump mit der Aussage, dass unter seiner Regierung die USA keinem anderen Land ihren «Way of Life» aufzwingen würden. Man wolle nach dem eigenen Interesse handeln, aber man respektiere auch das Recht aller anderen Länder, ihre nationalen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Das ist weder aggressiv noch hochtrabend, sondern massvoll und vernünftig. Trump, ein realpolitischer Pragmatiker? Kann sein. Warten wir ab.

Zweitens: Diese Woche gab Trump dem US-Sender Fox ein hochinteressantes Interview, wir drucken es in dieser Ausgabe nach. Der Journalist fragte Trump, ob er Putin ­respektiere. Trump bejahte. Der Interviewer feuerte zurück: Aber Putin sei doch ein ­«Killer». Dann folgte eines der verblüffendsten Eingeständnisse, die ich je von einem ­Politiker in so einer Situation gehört habe. Trump: «Es gibt viele Killer. Wir haben viele Killer. Was glauben Sie? Ist unser Land so ­unschuldig? [. . .] Schauen Sie, was auch wir getan haben. Wir haben viele Fehler gemacht.»

Was ist hier das Bemerkenswerte? Trump bringt die klassisch linke Kritik an der US-­Aussenpolitik, aber er bringt sie beiläufig, ­bescheiden, ohne das Antiamerikaner-Pathos der Selbstgerechtigkeit. Gleichzeitig unterläuft er die Gutmenschenrhetorik der Rechten, die noch den irrigsten Krieg der USA ­moralisch überhöhen. Für sie grenzt Trumps Feststellung bereits an Landesverrat, wie ein Blick in amerikanische Zeitungen zeigt.

Wo er recht hat

Die Wahrheit ist: Trump hat recht. Er scheint tatsächlich kein Moralist zu sein. Wenn er es ernst meint, sind das für einen US-Präsidenten neue Töne: «America first» ohne das ­Vi­brato des Auserwähltseins, ohne Selbst­idealisierung. Den Putin-Gegnern in den ­eigenen Reihen rät Trump, zuerst in die ­Abgründe der amerikanischen Geschichte zu blicken, ehe sie andere Staaten moralisch verurteilen. Das ist kein pausbäckiger Nationalismus, sondern ein durchaus aufgeklärter, selbstkritischer, eben realistischer nationaler Standpunkt.

Fazit: Überschätzen wir diese Hysterie der Ohnmacht nicht, die sich derzeit gegen den US-Präsidenten austobt. Angst brauchen wir vor Trump nicht zu haben, zumindest noch nicht, weil die Institutionen der US-Demokratie den Präsidenten an die Kette legen. Ausserdem liefert das Getöse seiner Kritiker Trump wertvolle Orientierungs- und Alarmsignale.

Bleibt die Frage nach seinen Motiven. Hier sieht es nach heutigem Stand so aus, dass wir es tatsächlich mit einem Präsidenten zu tun haben könnten, der seinen Wählerauftrag, in erster Linie dem eigenen Land zu dienen, ernst nimmt. Das sind doch erst mal gar nicht so schlechte Aussichten.

Sollte es anders ­kommen, werden wir ­darüber berichten.

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