Editorial

Trump ist 
kein Schweizer

Neutrale Distanz nach allen 
Seiten bleibt das beste Rezept.


Von Roger Köppel

Donald Trump meint es ernst. Der neue US-Präsident spielt alle schwindlig, Freund wie Feind. Er baut die Mauer gegen ­Mexiko. Er verhängt Einreisesperren gegen muslimische Problemstaaten.

Wir wissen nicht, was seine Kraftrhetorik im Südchinesischen Meer anrichtet. Merkwürdige Welt: Der chinesische Präsident lässt sich ­öffentlich als Freiheitsheld des unbegrenzten Handels feiern, während Trump, der Amerikaner, als Finsterling der Selbstabschottung gilt.

Nur so nebenbei: China ist immer noch eine kommunistische Diktatur, wenn auch eine von kompetenten Mandarinen gesteuerte.

Trumps Gegner vergessen sich derweil. Madonna denkt über die Sprengung des Weissen Hauses nach. Wie unter Drogen, wittert die Schauspielerin Ashley Judd «Hitler auf den Strassen Washingtons», nur der Schnauz sei ersetzt worden durch ein «blondes Toupet».

Auffällig schweigen die Journalisten. Hätten die rechten Kritiker Obamas so geredet, die ­Medien hätten sie in der Luft zerfleischt.

Die durchgeknallten Proteste offenbaren ­neben der Doppelmoral vor allem eines: Trump haucht sogar der darniederliegenden Linken wieder etwas Leben ein. Man darf den Krawallwert dieses Präsidenten für seine Gegner nicht unterschätzen. Die nichtendenwollenden ­Demonstrationen bezeugen es.

Allein Trumps Aktivismus provoziert. Man hat sich daran gewöhnt, dass Politiker vor allem ihre eigene, umfassende Wirkungslosigkeit ­begründen.

Trump, das ist der radikale Gegenentwurf zu dieser steifgefrorenen Politik des schönen Figurenreitens an Ort. Er packt an und greift durch, ja er begeht das schlimmste Kapitalverbrechen in den Augen seiner Feinde: Er setzt seine Wahlversprechen um.

Trumps Gegenteil ist Kanzlerin Angela Merkel. Sie beherrscht die Kunst der unsichtbaren Führung. Sie lässt die Probleme auf sich zukommen, sitzt sie aus, lenkt sie um ins Lager ­ihrer Gegner, denen sie sich biegsam angleicht.

Ihre Waffe ist die Geduld. Nie käme es ihr wie Trump in den Sinn, einen unbotmässigen Restaurantkritiker mitten in der Nacht per Twitter heimzusuchen.

Trump ist Action, pures Handeln. Merkel wartet ab, sie handelt nicht. Als man sie fragte, warum sie eine Million Migranten ins Land gelassen habe, gab sie gummiweich zurück, das habe doch nicht sie entschieden, die Migrantenwelle sei wie ein Naturereignis angerollt.

Trump plustert sich auf, Merkel macht sich unfassbar. Der Aktivist im Weissen Haus ist Weltmeister in der Herstellung von Feinden, die Kanzlerin zeigt kaum Angriffsflächen. Der eine will bewundert, die andere will unterschätzt werden.

Überrumpler Trump bevorzugt den Blitzkrieg. Merkel ist die zähe Ausdauersportlerin der Politik, opportunistisch aus Überzeugung, hochintelligent, auch klug, zutiefst deutsch und frei von jener Aufgeblasenheit, über die noch alle ihrer männlichen Gegner stürzten.

Trump und Merkel markieren zurzeit die beiden gegensätzlichsten Pole der Politik im Westen. Welches Modell sich durchsetzt, vielleicht beide, wird man sehen.

Und wo steht die Schweiz? Wir brauchen uns an keinem von beiden ein Vorbild zu nehmen. Deutschland ist ein interessantes Land, das dank der fehlerbehafteten Stützkonstruktion EU den Verhängnissen der eigenen Geschichte entkam. Die Schweiz hat eine ganz andere ­Identität und historische Erfahrung.

Trumps Amerika wiederum ist Amerika, derzeit etwas schrill übersteuert. Die Weltmacht fühlt sich von fast allen über den Tisch gezogen. Ein kurioses Bild: Die Supermacht bejammert ihr angebliches Zukurzgekommensein, und Trumps nationaler Narzissmus soll die ein­gebildete Krankheit heilen.

Gut, dass zwischen Washington und Bern ein Ozean und ein paar Berge liegen.

Rückzug auf die Scholle ist kein Weg. Die Schweiz setzt auf Freiheit und Freihandel, auf kontrollierte Offenheit. Wir arbeiten mit möglichst vielen Ländern zusammen, aber wir ­lassen uns weder einrahmen noch anbinden. Das ist nicht Isolation, sondern Beweglichkeit, Vernunft – das Gesetz des Überlebens.

Man muss nicht so weit gehen wie Trump, der «so viel Wut auf dieser Welt» erkennt. ­Offensichtlich ist, dass wir in rauen Zeiten ­leben. Die EU serbelt. Allenthalben drückt das Unbehagen durch, die Politik im Westen gehe in die falsche Richtung.

Vor allem den Linken schwimmen die Felle davon. Die bürgerlichen Parteien sehen sich von rechts bedroht. Der Verlust von Markt­anteilen produziert Gereiztheit bei den schlechten Verlierern.

In der allgemeinen Aufgekratztheit ist die Schweiz ein ruhender Pol. Es bringt nichts, wenn Bundesräte in die Auf­geregtheit einstimmen. Hat die Welt auf das ­gewartet, was Leuthard oder Burkhalter über Trumps politische Manöver denken? Ist es klug, wenn die Schweiz als Moraltante inter­veniert und damit nur jene Staaten nervt, mit denen wir sachlich verkehren sollten?

Stillsitzen, im Zweifelsfall schweigen. Das ist das Wesen unserer Aussenpolitik.

Wenn sich draussen die Auseinandersetzungen zuspitzen und die Fronten verhärten, bleibt der Kleine, Bewegliche im Vorteil. Noch nie in den letzten Jahrzehnten war die Wahrung von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit so wichtig.

Freiheit heisst auch: Nicht auf den Staat kommt es an in anspruchsvollen Zeiten. Die ­Politik soll die Bürger und die Unternehmen entlasten, die Steuern senken, die Regulierungen beseitigen. Offenheit ja, aber nicht Öffnung für alles und jeden.

Der Blick ins Ausland verdeutlicht die ­eigenen Stärken.

Der Schweiz geht es besser, solange sie die Schweiz bleibt. Frei, ungebunden, selbst­bestimmt. Und neutral nach allen Seiten.

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