Editorial

Duschen mit Doris

Der Fall Buttet oder Sexismus 
ist eben nicht gleich Sexismus.

Von Roger Köppel

Lustig haben es die Christlichdemokraten. Unser Bild zeigt die damalige Fraktionsspitze in einer Bar beim Bundeshaus. Eng umschlungen sind Yannick Buttet (links), Christophe Darbellay (Mitte) und im liebevollen Schwitzkasten Viola Amherd, die für ihre Partei im Nationalrat nach wie vor die Stellung hält. Am Stehtisch im Hintergrund recherchieren die beiden Journalisten Ruedi Studer (Blick) und Othmar von Matt (Schweiz am Wochenende).

Es ist ein Bild aus glücklicheren Tagen. Jetzt sieht sich Yannick Buttet, der Nochnationalrat aus dem Kanton Wallis, heftigen Angriffen aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Man entrüstet sich über seinen Alkoholkonsum, was angesichts unseres Dokuments etwas hergeholt, ja doppelmoralisch erscheint. Vor allem aber ­bemängelt man seinen Umgang mit Frauen. Buttet soll, wenn er mit seinen Kollegen an ­einem der zahlreichen Berner Apéros einen draufmachte, allzu enthemmt aufs andere ­Geschlecht zugegangen sein.

Jetzt schaltete sich auch CVP-Bundespräsidentin Leuthard in die Debatte ein. Das Verhalten des Walliser Kollegen bezeichnete sie als «indiskutabel». Für den bedauernswerten Leichtfuss kommt erschwerend hinzu, dass er nicht nur Frauen im Bundeshaus «antanzte», wie eine Nationalrätin klagte. Er liess sich darüber hinaus auch noch frühmorgens im Garten seiner Ex-Freundin erwischen, nachdem diese die ­Polizei gerufen hatte, um den verzweifelt Verliebten, wenngleich anderweitig Glücklichverheirateten abzuwehren.

Selbstverständlich muss man den Sexismusvorwurf, auch wenn keiner so genau weiss, was es ist, sehr ernst nehmen. Ich zum Beispiel fand es hochgradig sexistisch, als Bundespräsidentin Doris Leuthard im Freiamt vor bald zwanzig Jahren für ihre National- und Ständeratskandidatur warb, indem sie Tausende Beutel mit Duschmittel und ihrem Bild darauf verteilen liess. Der Slogan «Duschen mit Doris» ­wurde zum geflügelten Wort, und die Kandidatin wurde glanzvoll gewählt. Vielleicht auch deshalb, weil im erzkatholischen Aargau niemand auf die Idee kam, die duschende Politikerin beim Wort zu nehmen.

Heute wäre so eine Aktion im sexismusfeindlichen Klima des Bundeshauses, um mit Leuthard zu sprechen, «indiskutabel». Vor allem Männer stehen unter Generalverdacht. Eine ­Politikerin, die ich noch nie ohne kurzen Rock oder hautenge Bluse gesehen habe, beschwert sich, sie würde mit gewissen Herren niemals in den Lift steigen. Eine Kollegin, die anonym bleiben will, sieht sich nach Zeitungsberichten von «sexuellen Raubtieren» umzingelt, die Frauen «nur als ein Stück Fleisch betrachten».

Halten wir dagegen: Das Bundeshaus ist ein Tempel der Missverständnisse. Im Durcheinander der Signale verliert man leicht den Überblick. Menschen neigen zu Irrtümern. In der Politik verschärft sich die Anfälligkeit.

So ist mir kürzlich Folgendes passiert: Ich ­gehe fast grusslos an einer Journalistin vorbei, die mich normalerweise in die Pfanne haut. Als ich meinen Mantel überstreife, erreicht mich ­eine SMS. Die Journalistin schreibt, dass ihr mein letztes «Editorial» besonders gut gefallen habe. Merkwürdig. Gelobt hat sie mich noch nie. Das muss eine Finte sein. Ich antworte nichtssagend höflich. Worauf surrend die nächste Botschaft eintrifft: «Schade, dass Sie nicht mehr in die Bar gegangen sind.»

Wir fragen: Wie ist eine solche Aufforderung im aufgeheizten Sexismusklima zu verstehen? War das ein harmloser Aufruf, die politischen Diskussionen bei einer Tasse Tee an einem ­Bundeshaustresen gesittet fortzusetzen? War es eine Falle? Oder schwang da im Ausdruck des Bedauerns so etwas wie ein Angebot, ja eine Aufforderung mit, die Möglichkeiten der Interaktion auch ausserhalb des Weltanschaulichen auszutesten? Hat mich die Journalistin eben angebaggert, oder stelle ich mir das nur vor? Nicht auszudenken, wie Yannick Buttet diese SMS gedeutet hätte, womöglich noch nach ­einem ersten Drink.

Was ich damit sagen will: Frauen senden ­Signale aus, wörtliche, nichtwörtliche, feinstoffliche, die Männer falsch verstehen können. Auch Männer senden, oft weniger subtil, Signale aus, die Frauen falsch verstehen können. Das Leben zwischen Mann und Frau besteht zu ­einem guten Teil darin, gemeinsam heraus­zufinden, was wir eigentlich gemeint haben.

Vor dem Zeitalter des Sexismus war einer wie Buttet, der sich Mut antrinken muss, um sich dann erfolglos an Frauen heranzu­machen, nur ein beklagenswerter Verlierer. Heute ist Buttet ein Sexist, also ein halber Verbrecher. Der sogar von einer Bundespräsidentin gerügt wird, die selber nichts dabei findet, ihre ­Wähler zum Duschen einzuladen. Oder was ist mit EU-Chefkommissar Jean-Claude Juncker, der alle Frauen abküsst, die ihm unter die Finger ­geraten? Sexismus ist eben nicht gleich ­Sexismus.

Gemäss Duden ist Sexismus, wenn man jemanden, nur weil er ein Mann oder eine Frau ist, für minderwertig hält. Wobei der Sexist, wenn er denn entlarvt ist, von seinen Kritikerinnen, die er für minderwertig hält, weil sie Frauen sind, ebenfalls für minderwertig gehalten wird, weil er ein Sexist ist, wobei diese retroaktive Herabsetzung des Mannes dann nicht unter den Begriff des Sexismus fällt. Man sieht: Es ist kompliziert.

Kein Missverständnis: Wir reden hier nicht von Sexualdelikten und bösartigem Machtmissbrauch. Wir reden von jenem hochempfindlichen Resonanzraum zwischen Mann und Frau, in dem Kollege Buttet offenkundig nicht mit dem absoluten Musikgehör navigiert.

Bevor sich nun aber alle aus Angst vor Sexismus, was immer das ist, auf die eigene Scholle verkriechen, sollten sie etwas nicht vergessen: Jede Beziehung zwischen Mann und Frau beginnt mit einem Übergriff. Die Frauen senden, die Männer empfangen und interpretieren. Bis zum Schluss weiss der Mann nicht, ob sein Vortasten im Glück, in der Ablehnung oder neuerdings vor dem Polizisten endet. Die Frauen wiederum ­erwarten vom Mann – und bewundern ihn auch dafür –, dass er ihren Todesstreifen der Vieldeutigkeit immer wieder mutig und auch elegant durchschreitet, um sich auf dem Weg zum Erfolg stets aufs Neue zu blamieren.

Es bringt also nichts, wenn wir die natürliche Kampfzone zwischen Mann und Frau mit der Sexismusbombe zum Minenfeld aufrüsten. Und bei Männern, die wirklich nicht verstehen wollen, liebe Frauen, hilft immer noch die gute, alte Ohrfeige. Dabei sollten wir es im Fall Buttet nun aber wirklich bewenden lassen.

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