Editorial

Merkel

Abgesänge überall, aber noch 
ist keine vertrauenswürdige 
Alternative in Sicht.

Von Roger Köppel

Es war der wohl grösste Fehler meiner dreijährigen Amtszeit als Chef der Welt in ­Berlin, eine verpasste Kapitalchance, schlimmer als ein verschossener Penalty. Ich ärgere mich noch heute.

Wir waren zu sechst auf einer Wanderung, ein paar deutsche Chefredaktoren und die ­damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel, bereit für den Griff nach der Kanzlerschaft. Am Abend sassen wir in der Nähe der Ostsee am Lagerfeuer und tranken Weisswein. Dann ging es zum gepflegten Diner in einem schönen Landhotel. Der Rotwein floss reichlich.

An Merkel beeindruckte schon damals das Fehlen jeglichen Charismas. Dafür hatte die Physikerin Format, das spürte man sofort. Wohltuend fand ich, dass sie nicht zum Typus des deutschen Schnuri-Politikers à la Peer Steinbrück gehörte. Sie hatte eine unspektakuläre Art, zum Wesentlichen vorzudringen. Alles bei ihr klang einfach, logisch, fast banal.

So gegen Mitternacht schwankten die Kollegen in Richtung ihrer Zimmer. Irgendwann sassen Merkel und ich allein vor dem Eingang zur Bar. Ich war todmüde, während die Politikerin, die gehörig mit geschluckt hatte, über gewaltige Nehmerqualitäten zu verfügen schien. Sie war putzmunter und wollte weiterreden. Offensichtlich hatte sie meine Frage beim Essen irritiert, warum sie damals eigentlich ihrem Förderer Helmut Kohl so mitleidlos das Messer in den Rücken gestossen habe.

Für alle, die sich nicht mehr erinnern können: Merkels Durchbruch an die Parteispitze ging einher mit einem Vatermord. Altkanzler Kohl, der Vollstrecker der deutschen Wiedervereinigung, geriet ins Schussfeld, weil er die Namen einiger anonymer Parteispender nicht nennen wollte. Kanzler-Ehrenwort.

Merkel, von Kohl einst in die Regierung gehievt, brach aus der Phalanx der Loyalisten aus. Im Hausorgan der CDU, der Frankfurter Allgemeinen, schrieb sie einen bösen Artikel gegen ihren ehemaligen Chef. Es war eine Bombe. Mit ­einem Streich räumte die Unschein­bare ihren Mentor mitsamt der Parteielite aus dem Weg. Das starke, mutige Geschlecht sind die Frauen.

Mich faszinierte die Kaltblütigkeit, mit der Merkel vorging, aber sie erschreckte mich auch. Man sagt ihr nach, sie habe keinerlei Prinzipien oder Grundsätze. Das stimmt nicht. Merkel merkte damals, dass die Alt­herrenriege um den grossen Kanzler abgewirtschaftet hatte. Und sie handelte durchschlagend, im wörtlichen Sinn.

Wer also war diese Frau, die so harmlos, ja brav wirkte und doch im Nahkampf das blutige Sackmesser auszufahren wusste? Als ich sie im Hotel während des Hauptgangs und der ersten Rotweinwelle nach der Sache mit Kohl fragte, setzte sie überraschend zu einer nicht mehr enden wollenden Antwort an. Was mir zeigte, dass es ihr immer noch unangenehm war, wenn man sie öffentlich auf den Hinterhalt ansprach.

So sassen wir also spätabends allein in ­diesem Landgasthof, und Merkel fragte mich, ob ich mit ihr noch an die Bar kommen würde. Jeder normale Journalist hätte sich die Chance nicht entgehen lassen, aber es war sicher zwei Uhr morgens, ich war neu in Deutschland. Und machte schlapp, wofür ich mich heute noch ohrfeigen könnte. Ein Kapitalfehler, ­zugegeben.

Was blieb mir aus dieser ersten Begegnung? Merkel hat enorme Ausdauer. Sie gibt nicht auf und bleibt ruhig. Systematisch wurde und wird sie unterschätzt. Bis heute. Ob sie das ­momentane Regierungschaos in Deutschland überlebt, ist keineswegs sicher, aber die Frau lag schon früher am Boden und wurde tot­gesagt. Amtsvorgänger Schröder lachte sie sogar aus, als er sie vor zwölf Jahren in den Wahlen auf der Ziellinie fast noch abgefangen hatte.

Mag ja sein, dass Merkel schwere Fehler ­gemacht hat, indem sie die CDU so stark auf die SPD ausrichtete, was historische wie taktische Gründe hatte. Es stimmt auch, dass ihr die Migrationskrise über den Kopf wuchs. Gleichzeitig kann ich mir keinen deutschen Politiker vorstellen, der es in der damaligen Zeit geschafft oder gewagt hätte, die Migranten mit Grenzsperren oder Wasserwerfern abzuwehren. Merkel wäre in der Luft zerrissen worden. Man kann Regierungen nur aus der Geschichte ihrer Länder heraus verstehen.

Merkel habe ich oft kritisiert, aus schweizerischer Sicht, aber sie hat mir immer auch imponiert, weil sie anders ist als die aufgeblasenen Scheinriesen der deutschen Politik, die dauernd von Prinzipien schwafeln, die sie nicht haben. In diese Kategorie der rhetorisch geschliffenen Wichtigtuer fallen viele nicht nur deutsche Polit-Männer und -Frauen, möglicherweise auch der neue FDP-Chef Lindner, dem ich die Heldenpose des grundsatztreuen Verhandlungsaussteigers nicht abnehme. Der Mann schaut, was sein gutes Recht ist, zuerst auf die Partei, der er sein Einkommen und ­seine Position verdankt.

Alle aber, die sich jetzt auf Lindner stürzen, sollten sehen: Auch die SPD drückt sich aus Kalkül. Ihre Begründungen, warum sie in der Merkel-Koalition nicht mitmacht, scherbeln gewaltig. Die Genossen berufen sich hämisch auf ihre eigene, seltsame Deutung des Wählerwillens. Tatsache ist, dass SPD und CDU/CSU nach wie vor die stärksten Kräfte sind. Was spricht sachlich ­gegen eine weitere Zusammenarbeit? Die Ein­zige, die neben den Grünen nicht wegrennt, ist Merkel.

Es stimmt, Merkel hat kein klares Programm und keine verlässliche Linie. Aber ­wenigstens steht sie dazu. Sie hat nie etwas ­anderes behauptet. Ihre Ideologie ist es, auf Ideologien zu verzichten und immer das zu tun, was ihr unter den gegebenen Umständen im Sinne einer Mehrheit angemessen scheint. Das ist nicht das Schlechteste. Selbst mit ihrer Willkommenspolitik traf sie zunächst den Nerv vieler Leute. Endlich waren die bösen Deutschen wieder die Guten. Der Katzen­jammer stellte sich bei manchen, aber längst nicht bei den meisten erst später ein.

Ich sage nicht, dass die Kanzlerin das Ideal eines Regierungschef verkörpert. Aber sie ist ehr­licher als ihre möglichen Koalitionspartner, die nur so tun, als hätten sie feste Über­zeugungen. Vielleicht braucht es jetzt dieses brodelnde Durcheinander in Berlin. Deutschland ist komplizierter, als es von aussen aussieht, und Merkels Lösung war eine Quer­summe ­dieser deutschen Widersprüche. Niemand ist unersetzlich, aber noch ist keine vertrauenswürdigere Alter­native in Sicht.

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