Editorial

Offshore

Der Wahnsinn hinter den 
«Paradise Papers».

Von Roger Köppel

Letzte Woche kamen unter medialem Grossgetöse die «Paradise Papers» ans Licht. Das gleiche Journalistenkartell, das uns schon die «Panama Papers» brachte, legte nach. Diesmal werteten die verbandelten Rechercheure Millionen von Dokumenten aus, die sie auf der Karibikinsel Bermuda stehlen konnten. Der Offshore-Krimi wurde mit höchster Dramatik eingeflogen. Stürzt jetzt das angebliche Verbrechernetzwerk der Geldverstecker und Steueroptimierer ein?

Als ich mich dann durch die mit mysteriösen Logos markierten Online-Seiten kämpfte, zusehends gelangweilt, war die Enttäuschung erheblich. Die brisanten «Paradise»-Enthüllungen erwiesen sich als blutleer. Wozu der Enthüllungsfimmel? Wenigstens gab es pikante Details. Zum Beispiel soll sogar die britische Königin einen Teil ihres Vermögens steueroptimiert auf einer Insel angelegt haben, zwar legal, aber immerhin. Dann der US-Popstar Madonna («Material Girl»). Auch sie habe treuhänderischen Beistand aus den Tropen geholt. Köstliches Mate­rial für einen Klatschbericht, mehr nicht.

Ach ja: Dann lasen wir noch über den Autorennweltmeister Lewis Hamilton. Sein Privatjet sei irgendwo auf einer britischen Kanalinsel registriert, was den Verdacht auf Steueroptimierung nähre. Schlimm? Und Firmen wie ­Apple oder Google verschieben ihre Gewinne angeblich lieber nicht nach Nordkorea mit einer Steuerquote von 100 Prozent, sondern dorthin, wo sie weniger zahlen müssen. Auch das versetzte mich jetzt nicht unbedingt in rasendes Erstaunen. Schmunzeln musste ich, als ich las, dass der Übergutmensch Bono, für seine Fans ein Heiliger fast auf Stufe Jesu, in Steuerfragen sympathisch menschelt: Auch er verschraubt sein Geld bis zur Unkenntlichkeit, wenn auch legal, in irgendwelchen Konstruktionen.

Kurzum: Was das Journalistenkartell heranschaufelte, ist Nasenwasser, verglichen mit dem Offshore-Thriller «The Firm», den ich vor bald dreissig Jahren bei monströser Sommerhitze in einem klimatisierten Kino bei Boston mit Hochspannung verfolgte. Tom Cruise spielt in dieser Romanverfilmung nach John Grisham den jungen Anwalt Mitch. Mit seinem brillanten Harvard-Abschluss heuert er bei einer prestigiösen New Yorker Kanzlei an. Bald merkt er, dass die honorige Firma auf den Cayman Islands Geld bunkert für Steuerbetrüger, schummrige Unternehmer und Mafiakönige. Am Schluss lässt Mitch die Finanzhölle auffliegen. Die belastenden Dokumente, «Paradise Papers» vor den «Paradise Papers», bringt er an zwei Mafiakillern vorbei in Sicherheit.

Wer den Film gesehen hat, kann nach der heutigen Enthüllungs-Sause eigentlich nur erleichtert sein. Keine Mafiabosse, keine Schwerverbrecher, noch nicht einmal fassbares Delikt. Offenbar sind auch die Gaunerinseln nicht mehr, was sie einmal waren. Oder kann es sein, dass sie gar nie so schlimm gewesen sind, wie uns jetzt die Journalisten einzuhämmern hoffen? In der Schweiz gibt der Fall von Jean-­Claude Bastos de Morais zu reden. Dieser Angola-Fribourger soll dank Beziehungen zur angolanischen Regierungsfamilie bei der Verwaltung des ihm anvertrauten Staatsfonds übertrieben abkassiert haben, was er selber bestreitet. Straftaten sind auch hier kein Thema. Was man ihm genau vorwirft, ausser dass er wie Hamilton einen Privatjet fliegt, bleibt nebulös. Seine Kritiker sind dennoch überzeugt, dass sie da einen ganz dicken Hund ausgegraben haben. Neid und Missgunst sind die grossen Treiber der Debatte.

Nur etwas machte stutzig: Gleich nach der ersten Enthüllung gegen Bastos sprang Ex-Bundesrätin Ruth Metzler ab. Präventiver Selbstschutz. Dass die frühere Politikerin beim erstbesten Windhauch das Weite suchte, überraschte weniger. Irritierend aber war, dass Bastos die Justizministerin a. D. überhaupt verpflichtet hatte. Warum? In Fachkreisen wird sie nicht unbedingt als juristisches Genie gerühmt. Sie ist sympathisch, beliebt, gut vernetzt. Reicht das? Wenn sich Unternehmer mit Politikern umgeben, ist Vorsicht angezeigt. Brauchte er Metzlers Image als Abwehrschirm? Oder als Blendlicht? Bastos winkt ab. Es ist auch nicht so wichtig.

Natürlich ist es verdienstvoll, wenn das Gebaren der Reichen und Mächtigen genauer unter die Lupe genommen wird. Aber diese «Paradise Papers» bringen gerade nicht den angestrebten Beweis für die moralische oder gar kriminelle Verkommenheit unserer steuersparenden Unternehmer, Royals oder Showstar-Grössen. Sie zeigen dafür sehr schön, wie willfährig sich ­ganze Verlagshäuser einspannen lassen, wenn es darum geht, hochverschuldeten Hochsteuerstaaten dabei zu helfen, ans Geld von wohlhabenden Privatpersonen und Unternehmen zu kommen, und zwar mit kriminellen Methoden. Die einzige Straftat, von der wir sicher wissen, dass sie begangen wurde, ist der millionenfache Datendiebstahl durch diese selbstgerechten Kreuzzügler im Namen höherer Einheits-Steuern.

Gefährlich sind nicht die angeblichen Missetaten der Bonos und Madonnas, die mit ihrem Sound Tausende von Arbeitsstellen und glücklichen Gesichtern produzierten. Gefährlich ist das konzertierte Bestreben der staatlich-medialen Hochsteuermafia, die zivilisatorische Errungenschaft des Steuerwettbewerbs zu zerstören. Ins gleiche Kapitel fällt der Zangenangriff von Behörden und Journalisten gegen den Rohstoffhandel, der neuerdings auch an Afrikas Armut und der Völkerwanderung schuld sein soll.

Steuerwettbewerb heisst Auswahl, heisst Freiheit, heisst Innovation durch Konkurrenz. Offshore-Inseln sind nicht Räuberhöhlen, sondern Freiheitsoasen, die der Allmacht des Fiskalstaats Grenzen setzen. Kann man die Oasen missbrauchen? Klar. Sollte man sie deswegen verwüsten? Nein. Die Panzerknacker-Journalisten träumen von einer gläsernen Welt ohne Offshore und ohne Steuerwettbewerb. Es wäre ein Paradies für Politiker und eine Hölle für die Menschen.Fazit: Es braucht weniger «Paradise Papers», aber mehr Steuerparadiese.

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