Editorial

Rückzug

Die Linke wird aggressiver 
und intoleranter. Warum? Weil ihr die Felle davonschwimmen.

Von Roger Köppel

Man muss ja vorsichtig sein mit solchen Ausdrücken und will es nicht übertreiben, aber ein kleiner kultureller Bürgerkrieg ist es schon, was sich auch in unseren Breitengraden abspielt. An der Frankfurter Buch­messe flippte die Linke aus, als sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Dachorganisation der Ausstellung, in einem Gnadenakt volkspädagogisch gemeinter Pseudo-Offenheit dazu entschied, «rechte bis rechtsextreme Verlage» zuzulassen.

Warum man mit diesem Brandzeichen ein paar kleinere Verlage versah, die tatsächlich ausserhalb des linken kulturellen Mainstreams publizieren, aber auch nicht rechter sind als andere Verlage links, wurde nicht näher begründet. Wohl aber gab die einladende Organisation die von ihr Eingeladenen gleich wieder zum Abschuss frei, indem sie in einer offiziellen Mitteilung ausdrücklich dazu aufforderte, sich «zu engagieren», «Haltung» gegen die Rechten zu zeigen, verbunden mit genauen Koordinaten ihrer Stände, die in der Folge denn auch prompt zertrümmert wurden, mit «Haltung», versteht sich.

Die Episode wirft ein bezeichnendes Licht auf die momentane, oder soll man sagen: die wahre Natur jener linken Kreise, die sich immer so benehmen, als hätten sie das alleinige Monopol auf Anstand, Offenheit, Toleranz und jene «aufklärerischen Grundwerte»; ich kann die Worte schon fast nicht mehr hören, auf die sie sich berufen, ohne sie selber ernst zu nehmen.

Dahinter steckt, das hat vor einem Jahr in dieser Zeitung der französische Schriftsteller Michel Houellebecq glasklar analysiert, die Verzweiflung der Linken darüber, dass sie die Herrschaft über den Zeitgeist verloren haben. Houellebecq benutzte das Bild eines schwerverwundeten, in die Ecke gedrängten Tiers, das hasserfüllt und wild um sich schlägt, am Boden liegend, zur Weissglut getrieben durch das instinktive Wissen, dass man den Kampf verloren hat.

Die rot-grünen Moralisierer reden von Vielfalt, aber wenn die Vielfalt da ist, würgen sie sie gewaltsam ab. Meinungsäusserungsfreiheit bedeutet für sie, dass man frei ist, eine rot-grüne Meinung zu äussern. Sie fordern Debatte, um sofort jedem das Wort zu ver­bieten, der mit einer anderen Meinung de­battiert.

An der Buchmesse gab es beim Spiegel ein unabsichtlich lustiges Panel über Demokratie, Brexit und die bösen Rechten. Zwei linke Journalist­innen redeten mit einem linken Journalisten vor einem andächtigen linken Publikum dar­über, dass es gar nicht gut sei, wenn Gleich­gesinnte unter Gleichgesinnten mit Gleich­gesinnten reden. Es war eine Realsatire, was den Beteiligten aber gar nicht auffiel.

Ich will es nicht verharmlosen. Die an­geschossene Linke keilt heftig zurück. Am G-20-Gipfel vor ein paar Monaten verwüsteten linke Krawalltouristen einen Teil der Hamburger Innenstadt. In den USA wurden nach der Trump-Wahl mutmassliche Trump-Wähler auf offener Strasse verprügelt. Ein Anhänger des linksextremen ­Senators Bernie Sanders eröffnete auf einem Sportplatz das Feuer gegen republika­nische Kongressmitglieder. Während der Sommerzeit erreichten uns Bilder, auf denen ein wütender Links-Mob die Statuen amerikanischer Südstaatengeneräle zerstörte. An den Unis stiegen linke Studenten mit Brandbomben gegen rechte Redner auf die Barrikaden.

Natürlich gab es auch den einen oder anderen dokumentierten Fall rechter Gewalt, doch wer es mir nicht glaubt, soll das renommierte Trump-kritische Magazin The Atlantic lesen, in dem vor ein paar Wochen schwarz auf weiss zu lesen war, dass die extreme Linke mehr 
Anhänger, mehr Gewaltbereitschaft und mehr Zerstörungskraft hat als die Prügler zur Rechten.

Trotzdem oder gerade deshalb wurde der amerikanische Präsident fast gekreuzigt, als er in einer Ansprache rechte und linke Gewalt gleichermassen verurteilte, was ihm seine Feinde prompt als Verharmlosung der Rechten auslegten. Spiegel, Economist und New Yorker zeigten Trump daraufhin in Ku-Klux-Klan-Kapuze als mörderischen Rassisten.

Was Trump wirklich gesagt hatte, spielte keine Rolle. Was zählte, war der Sinn, den man ihm in den Mund legen konnte. So gehen ­«Fake News»: Man muss nichts frei erfinden. Man nimmt etwas, um es so zu verdrehen, bis es den gewünschten Sinn ­ergibt.

Nervosität ist auch in der weniger erhitzten, lang­weiligeren Schweiz zu spüren. Kürzlich verhinderten linke Studenten den Auftritt ­eines früheren US-Generals an der Zürcher ETH. Dieser Tage verbünden sich links­liberale Professoren und ­Intellektuelle im Protest ­gegen den Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, der ­ihnen einen zu «rechten» Kulturteil macht. Ich habe diesen Kindergarten mit der Welt­woche schon vor bald zwanzig Jahren erlebt. Als wir begannen, neben linken Autoren auch wieder rechte Positionen zuzulassen, ohne uns laufend dafür zu entschuldigen, ging das Geschrei los.

Das alles ist, natürlich, ein Rückzugs­gefecht. Wer es nötig hat, den anderen niederzubrüllen, zu demolieren, auszugrenzen oder am Reden zu hindern, gibt zu, dass ihm nichts Besseres mehr einfällt.

Die Linken sind mit ihrem Latein am Ende. Zwar habe ich an der Buchmesse jede Menge Bücher für Marx, gegen die Globalisierung, gegen die direkte Demokratie, gegen den ­Populismus und gegen Trump gesehen, aber es handelte sich um literarische Beschwörungen, um Sehnsüchte und Wünsche, die an der politischen Realität vorbeizielen.

Tatsache ist: Es gab den Brexit. Trump ­wurde gewählt. Die meisten linken Parteien stecken in der grössten Krise seit dem 20. Jahrhundert. In Scharen wenden sich die Leute ab. Man glaubt nicht mehr an offene Grenzen, ­segensreiche Völkerwanderungen, weise Eliten, interna­tionale Konferenzen, künstliche Währungen und ständig mehr Steuern und Staat.

Die Realpolitik ist zurück, und realistische Politik ist immer konservativ, was nicht gleichbedeutend ist mit der Konservierung des Abgelebten, sondern die Bewahrung des Bewährten meint.

Die Leute wollen zurück zu dem, was funktioniert, zurück zum Überschaubaren, zum Vertrauten, am Ende: zurück zum Menschen, wie er wirklich ist und nicht so, wie ihn linke Überflieger-Ideologen haben wollen. Was Letztere wiederum zur Tobsucht treibt.

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