Meinungsfreiheit

Randale auf Bestellung

Die Frankfurter Buchmesse war dieses Jahr ein Schlachtfeld. 
Man wollte es den Rechten zeigen. So richtig.


Von Matthias Matussek

Eher zähneknirschend hatte die Messe­leitung die Stände der rechten, also ­«demokratiegefährdenden» Verlage genehmigt, nicht ohne aber die Standnummern zu verkünden, um den linken Hooligans klarzu­machen, wo der Feind sitzt, nach dem Stehkurven-Motto: «Schiedsrichter, wir wissen, wo dein Auto steht».

Zusätzlich hatte der zu Messebeginn einlaufende Frankfurter Oberbürgermeister einen Tisch der Anne-Frank-Stiftung vor den gefährlichen Antaios-Verlag tragen lassen, gehorsam gerahmt von besorgten Bürgern, die auf sorgsam gedruckten Plakaten protestierten und vor dem Faschismus und den Nazis warnten, für den Fall, dass es immer noch Leute gibt, die «Nazi» für eine harmlose Feuchtigkeitscreme halten oder «Faschismus» für ein neues bio­logisches Nahrungsergänzungsmittel.

Aufklärung! Seid wachsam, Bürger! Gerade auf einer Buchmesse!

Es hat dieses zivilgesellschaftlichen Engagements nicht bedurft, die Randale begannen am Stand der Wochenzeitung Junge Freiheit, 
wo Autor Karlheinz Weissmann in seinen Ausführungen durch einen aufgebrachten Opa mit Rufen wie «Halt die Fresse» und «Nazi» aus dem Konzept gebracht wurde.

In der folgenden Nacht – irgendwo stand wohl rätselhafterweise ein Fenster offen – wurden dann die Stände des Verlags Manuskriptum und des Magazins Tumult heim­gesucht, Bücher mit Zahnpasta beschmiert, Pfeiler mit Penissen verziert, sozusagen die Fortsetzung der Diskussion als Klowand-­Schmiererei.

Während also die Beletage die Freundschaft mit Messegast Frankreich feierte (Macron! Grandeur! Triomphe!) und vor allem die festliche Europa-Vision mit dem Buchpreis für Robert Menasses EU-Roman «Die Hauptstadt», wurde im politischen Parterre getreten.

Ich setzte mich zu Frank Böckelmann an den Tumult-Stand, der sich, nun ja, nach der Antifa-Räuberei kühn minimalistisch ausnahm. Unser Gespräch war lustiger Galgen­humor, Böckelmann erzählte, wie er die Zeitschrift einst mit Foucault gegründet hatte und nun neu erfunden hat – stilistisch brillant und für die Theoriebildung der rechten Intelligenz heute so wichtig wie es das da­malige Kursbuch für die linke unter Enzensberger in den 68ern war. Untertitel: «Vierteljahresschrift für Konsensstörung». Ziel er-
reicht, würde ich sagen.

Strategen der Sprachlosigkeit

Nach einem Besuch bei meinem wie immer merkwürdig vergnügten Verleger Roland Tichy einige Kombüsen weiter ein Gespräch mit Götz Kubitschek, dem Grossdenker der Rechten und verteufelten Macher des Antaios-­Verlages. Mittlerweile gibt es kaum eine ­Il­lustrierte im Lande, die ihn nicht auf seinem «Rittergut» bei Schnellroda besucht und über die altbürgerlichen Manieren der Familie teils fasziniert, teils belustigt berichtet hat.

Seine Töchter bedienten sich an den Gummi­bärchen vom Amadeu-Stand, der staatlich finanzierten Internet-Denunziations-­Initiative gegenüber, ich besorgte mir das ­Antaios-Buch «Mit Linken leben» von Lichtmesz/Sommerfeld – man lernt nie aus – 
und begab mich zur Party von Joachim ­Unseld, mein persönlicher Messehöhepunkt all die Jahre, weil da sowieso alle sind, die ich treffen will.

Kurz noch eine Bemerkung zu Frankreich und Deutschland und der EU. Gemeinsamer Finanzminister? Ehrlich gesagt, trau ich dem Braten nicht. Frankreich stellt sich das wahrscheinlich so vor: Jeder tut das, was er am besten kann. Also die Franzosen übernehmen das glanzvolle Repräsentieren und Savoir-vivre, die Deutschen mit ihren schlechten Tisch­manieren das Arbeiten und Zahlen.

Auf einem Podium hatten sich Schriftsteller beider Länder präsentiert, Michel Houellebecq wünschte sich mal einen schönen deutschen Liebesroman, Talent hätten sie doch, meinte er, nachdem das Gelächter abgeebbt war, denn die deutsche Sektion auf Youporn sei allererste Sahne, worauf der Saal erstarrte und das Feuilleton am nächsten Tag durch die Bank verstimmt war.

Houellebecq stand auch auf Unselds Party ­herum, draussen, bei den Rauchern, ich fasste mir ein Herz und sprach ihn auf die Katholiken in Frankreich an, die zu Hunderttausenden ­gegen Sexualkundeunterricht und Genderwahn und Abtreibung auf die Strasse gegangen ­waren. Er sah darin, wie er in einem Interview sagte, ein Zeichen der Hoffnung, ­eine Résistance gegen die Islamisierung . . . Doch nun hob er abwehrend die Hände, er spreche kein Englisch, er sprach überhaupt viel lieber mit Laura Karasek, der unbestrittenen MesseQueen, Tochter meines verstorbenen Freundes Hellmuth Karasek: dreisprachig, schön, Juristin mit Bestnote, eine Mischung aus Jennifer Lawrence und der schöneren Ausgabe von ­Jennifer Lawrence. Er dagegen sah aus wie ein alter Waran in seinem Parka, und der wiederum sah aus, als bewohne er ihn, wie Laura in ihrem witzigen Messeblog schrieb.

Am nächsten Tag in Halle  4 sprach Götz ­Kubitschek über «Finis Germania» des verstorbenen Rolf Peter Sieferle, «Finis Ger­mania», ein Büchlein, das als rechts und ergo «faschistisch» verunglimpft worden war, aber in der Bestsellerliste, geradezu befeuert von der Häme, unaufhaltsam nach oben gestiegen war, bis es der Spiegel aus seiner Bestsellerliste einfach strich – ein Novum in der Geschichte sowohl des Spiegels wie des Landes, nach dem Motto: «Was nicht sein darf, soll es auch nicht geben».

Danach ein wunderbares Wiedersehen mit Martin Lichtmesz mit seinem Trotzki-Bärtchen und der blitzenden Nickelbrille. Er machte sich auf zum Beck-Verlag, wo das Buch «Mit Rechten reden» vorgestellt wurde. Fand die Autoren ganz nett, wie er mir später erzählte. Lichtmesz’ Buch «Mit Linken leben» ist eine geistreiche Auseinandersetzung mit dem Manichäismus der Linken, ihrem «Säuberungs»-Furor, ihrer Unfähigkeit, einen Gedanken auch nur zuzulassen, der ihrer Gesinnung widerspricht – und damit eine Art Drehbuch für die folgenden Ereignisse.

Denn in der Nacht darauf wurde der ­Antaios-Verlag verschmiert und ausgeraubt. Als er gemeinsam mit seiner Co-Autorin Cornelia Sommerfeld sein Buch nachmittags vorstellen wollte, standen die Strategen der Sprachlosigkeit und der Diskursabbrüche schon bereit. 
Er und Sommerfeld wurden zwar gestört, aber die Antifa beruhigte sich wieder, selbst als Bernd Höcke, das Sorgenkind der AfD, auftauchte.

Rätselhafte Untergangslust

Als allerdings dann Martin Sellner, Chef der österreichischen und eingeschworen gewaltlosen, aber trotzdem als rechtsradikal etikettierten Identitären, auftauchte, schwoll das Gebrüll an: Trillerpfeifen, Wutschreie, die 
jede Urschrei-Therapie übertrumpft hätten (Memo an mich: Vielleicht die Lösung für diese deutsche Hitlerneurose?), Sprechchöre wie «Nazis raus» und «Eure Kinder werden den Koran lesen», was wohl als Drohung gemeint war, also als grösstmögliche Gemeinheit, die sich ein linkes Rosinengehirn ausdenken kann. Der Koran als gaaanz üble Strafe.

Rätselhafte Untergangslust. Wenn schon nicht Revolution, dann wenigstens Gottesstaat, also Steinzeit, Schwulenfeindlichkeit, Steinigen von Frauen. Krause linke Gehirne: Wir reissen euch alle mit, ihr Ungläubigen – das ist normalerweise die Psychopathologie von Selbstmordattentätern.

Erst das Ende des Messetages brachte das Ende der Balgerei.

Immerhin war belegt und auch korrekt anderntags beschrieben: Die Linke hat angefangen.

Schlussnotiz: Am Anne-Frank-Stand konnte man sich mit einer Pappfigur fotografieren ­lassen, wie in Disneyland, doch anders als dort steckt man hier seinen Kopf nicht durch das Gesichtsloch von Mickey oder Arielle, der Meerjungfrau, sondern einer Muslima, die die Finger zur revolutionären Faust ballt.

Venceremos, Allahu akbar. Eine Buchmesse als Schlachtfeld!

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe