Die besten Gemeinden 2017

Perlen am See

Rüschlikon kommt im neuesten Gemeinderating erneut 
auf den ersten Platz, aber die Innerschweiz holt auf: Meggen und Zug liegen knapp dahinter. 
Trotz allen Erfolgen zeigt sich, dass die Gemeinden an Autonomie verlieren.

Von Carmen Schirm-Gasser

Bild: Martin Kappler für die Weltwoche

Wer Hektik und Stauverkehr der Stadt hinter sich lassen will, muss nicht weit suchen. Fünfzehn Bahnminuten von Zürich entfernt, adrett und herausgeputzt, am linken Ufer des Zürichsees, liegt Rüschlikon, da findet man eine kleine Idylle vor. Das Klima ist sanft, Boote schaukeln gemächlich dem Seeufer entlang, die nahegelegenen Berge des Kantons Glarus scheinen zum Greifen nah. Hier ist die Gemeinde noch für die Bürger da. Jede Familie erhält garantiert einen Betreuungsplatz für ihren Sprössling, wenn er in den Kindergarten oder in die Schule geht, von sieben Uhr früh bis halb sieben Uhr abends, selbst in den Ferien. Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten sowie Kulturangebote, alles ist vorhanden. Nur Wohnraum ist knapp, zumal immer mehr Familien in den Ort ziehen. «Seit einem Jahr zählen wir in Rüschlikon erstmals mehr kleine Kinder bis zu vier Jahren als Personen, die 60- bis 64-jährig sind», sagt Gemeindepräsident Bernhard Elsener. Und er ist stolz auf diese Entwicklung, denn viele Gemeinden haben mittlerweile eine Bevölkerung, die überaltert ist.

Steigende Preise im Tessin

Rüschlikon hat es geschafft, den 2016 erkämpften ersten Platz im Gemeinderating der Weltwoche zu verteidigen. Zumikon, die Nummer 2 vom Vorjahr, ist auf Platz 6 zurückgefallen, Zollikon (von 3 auf 4) musste das Podest ebenfalls verlassen. Und wer sind die Gewinner? Die Zentralschweiz meldet sich. Meggen am Vierwaldstättersee, nahe bei Luzern, ist von Platz 11 auf Platz 2 vorgerückt und bedrängt nun Rüsch­likon, wenn es um die Fragen geht: Wo lebt es sich am besten? Wo wächst die Schweiz am dynamischsten, aber doch ausgewogen? 
Wo sind die Jobperspektiven gut, wo die Arbeitswege kurz, wo kann man sich sicher fühlen? Und als Nummer 3 betritt die Stadt Zug das Podest, auch eine Seegemeinde.

Das Gemeinderating der Weltwoche, das seit 2009 jährlich durchgeführt wird, ist der umfangreichste Leistungscheck für alle Kommunen der Schweiz. Untersucht werden alle Ortschaften mit mehr als 2000 Einwohnern, dieses Jahr 924 an der Zahl. Erstellt wurde die Studie wiederum von dem auf Immobilien ausgerichteten Beratungsunternehmen IAZI in Zürich, das von jeder Gemeinde die relevanten Daten erhoben und anhand von fünfzig Faktoren bewertet hat, die dann der Übersichtlichkeit halber in sieben Kategorien gegliedert wurden. Diese sieben Gesichtspunkte, die für die Wahl eines Wohnorts wichtig sind, finden sich für die hundert bestrangierten Gemeinden hier in der grossen Tabelle.

Der zentrale Befund lautet: Den Sieg erringt man nicht mit einzelnen Höchstleistungen, nein, punkten können primär Gemeinden mit einem überdurchschnittlich guten Gesamt­angebot. Auffallend ist dieses Jahr: Die Preise für Immobilien sind praktisch überall stärker gestiegen, als viele Auguren das prognostiziert hatten, ganz besonders im Kanton Tessin. In Lugano zogen die Preise für Wohneigentum innerhalb von drei Jahren um satte 53 Prozent an. Damit ist die Stadt unangefochten die Nummer eins der Boom-Städte. Die Immobilienpreise sind für das Gemeinderating von grosser Bedeutung, denn dieses Kriterium wiegt gleich schwer wie alle anderen Eigenschaften zusammen (siehe Kasten auf Seite 21). Dahinter steht der Gedanke: Wenn eine Gemeinde eine gute Politik betreibt, dann schlägt sich das vor allem in den Bodenpreisen nieder – und natürlich auch umgekehrt.

Wie schon erwähnt: Den zweiten Platz im Rating sicherte sich Meggen, das, wenige Minuten von der Stadt Luzern entfernt, an südlicher Hanglange zwischen voralpiner Hügellandschaft und Vierwaldstättersee eingebettet ist. Es ist eine Gemeinde mit 7000 Einwohnern, die ihren dörflichen Charakter und das Vereins­leben intakt gehalten hat. Auf der Strasse grüsst man einander, man sieht satte Grünflächen und blauen See, so weit das Auge reicht. «Ein grünes Ortsbild ist uns wichtig», sagt Gemeindepräsident Urs Brücker. «Wir haben schützenswerte Zonen geschaffen, die einen grossen Erholungsraum bieten.» Andere Seegemeinden hätten das verpasst, da sehe man am Horizont eher Beton denn Spaziergänger.

Geisterstadt?

Es gibt allerdings Probleme, die weniger gut zu meistern sind und praktisch alle Gemeinden betreffen. So ist eine der grössten Herausforderungen zurzeit die Sicherung der Nahversorgung. «Ausgestorbene Gassen und leere Läden, das will niemand», sagt Bruno Hofer, der sich als Berater seit zehn Jahren mit dem Kommunalmanagement beschäftigt. «Aber es gibt eben vielerorts einen negativen Trend in diese Richtung, den muss man stoppen, und einige Gemeinden und Städte bemühen sich nun, die Attraktivität im Zentrum der Dörfer zu erhöhen», meint er. Das Gemeinderanking der Weltwoche bietet seiner Ansicht nach Anhaltspunkte, wo man mit Verbesserungen ansetzen kann.

Auch Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands, sorgt sich um das lokale Leben: «In Zeiten, in denen immer mehr Menschen online einkaufen und nicht mehr im Restaurant im Dorf essen, müssen sich die Gemeinden Gedanken über die Zukunft der Geschäfte im Ort machen. Man muss soziale Treffpunkte schaffen und Ortszentren attraktiver gestalten. Wer will schon in einer Geisterstadt leben, in der es keine Post, kein Restaurant und keinen Bäcker mehr gibt?» In Bottmingen scheint das Pro­blem erkannt zu sein. Die Gemeinde verbesserte sich von Rang 53 auf Rang 38 im Gesamtrating und steht nun auf Platz 1 im Kanton Basel-Landschaft. «Bottmingen soll weiterhin attraktiv bleiben», sagt Mélanie Krapp, die Gemeindepräsidentin, «deshalb haben wir uns zum Ziel gesetzt, das Dorfzentrum zu stärken. Der Wunsch nach Begegnungsmöglichkeiten ist bei der Bevölkerung vorhanden. Das zeigen gutbesuchte Veranstaltungen wie das Bottminger Open-­Air-Kino im Juni. Auch das rege Vereinsleben ist ein Indiz dafür.»

Zugs jüngster Coup

Aber zurück zur Schweizer Rangliste: In der Stadt Zug, die auf dem dritten Platz liegt und 29 000 Einwohner hat, herrscht Aufbruchstimmung, nach dem Motto: «Rohstoffhandel und Banking, das war gestern, ‹Crypto Valley›, das ist heute. Verkörpert wird dies durch rund zwanzig Firmen aus der IT-Branche, die sich seit 2014 im Raum Zug angesiedelt haben und mit Bitcoin und Blockchain, also Internet-Technologien der Zukunft, arbeiten. Gross sind die Hoffnungen, diese Start-ups würden zu den Googles von morgen. «Früher punkteten wir im internationalen Wettbewerb mit tiefen Steuern» sagt Dolfi Müller, Stadtpräsident. «Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, setzen wir auf die Ansiedlung der neuesten Generation von IT-Firmen.» Der jüngste Coup: Die Stadt akzeptierte kürzlich als erste Gemeinde weltweit die Kryptowährung Bitcoin als Zahlungsmittel – worauf der deutsche Spiegel, die New York Times, ja sogar der amerikanische TV-Sender CNN von den kühnen Zentralschweizern berichteten. Etwas beunruhigend ist jedoch – nicht nur in Zug – vielerorts die Sicherheit, welche statistisch anhand von Vergehen gegen das Strafgesetzbuch sowie gegen das Betäubungsmittel- und Ausländergesetz erfasst wird. Insgesamt zeigt sich in der Kriminalstatistik ein Ost-West-Gefälle.

Ein anderes Thema bereitet derzeit allerdings noch grundsätzlichere Sorgen. «Die Autonomie der Gemeinden wurde in den vergangenen Jahren immer stärker beschnitten», sagt Reto Steiner, Geschäftsführer am Schweizerischen Institut für öffentliches Management in Bern. «Das gilt für Raumplanung, Schulwesen, Sozialhilfe, Zivilschutz oder den Kindes- und Erwachsenenschutz. Dabei ist die Autonomie der Gemeinden ein Erfolgsmodell der Schweiz. In Österreich oder Deutschland diskutiert man, wie die Gemeindeautonomie zu stärken wäre, hier ist es umgekehrt.» Steiner warnt deshalb: «Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass nicht immer mehr Kompetenzen an Kanton und Bund übergehen und die Autonomie der Gemeinden nur noch auf dem Papier besteht.» Eine noch unveröffentlichte Studie seines Instituts zeigt nach seinen Worten: «Ein Viertel der Gemeinden stösst mittlerweile finanziell an ihre Leistungsgrenzen, vor allem aufgrund der steigenden Belastungen bei der Sozialhilfe. Und jede vierte Gemeinde gelangt durch die neuen Auflagen und Einschränkungen in der Raum- und Zonenplanung an ihre Grenzen.»

David gegen Goliath

Der Unmut draussen im Land ist gross. «Es gibt eine starke Tendenz, dass immer mehr Kompetenzen den Gemeinden weggenommen werden, zahlen müssen aber die Gemeinden», sagt Bernhard Elsener, Gemeindepräsident von Rüschlikon. Urs Brücker, Gemeindepräsident von Meggen, haut in die gleiche Kerbe: «Wenn uns der Kanton beispielsweise einen Fussgängerstreifen in einer Tempo-30-Zone verbietet, ist das schwer verständlich. Wir kennen die örtlichen Gegebenheiten doch viel besser.» Mélanie Krapp, Gemeindepräsidentin von Bottmingen und seit einem Jahr im Amt, empfindet es zuweilen wie «David gegen Goliath», wenn sie mit dem Kanton oder dem Bund zu tun hat. Und Dolfi Müller ist überzeugt: «Nur durch das geschlossene Auftreten aller Gemeinden in Zug können wir uns gegen die immer stärkere Position des Kantons wehren. Denn längst gilt nicht mehr: ‹Wer befiehlt, zahlt auch.›»

Auch in Oberwil-Lieli ist die schleichende Aushöhlung der Gemeindeautonomie ein Thema. Die Aargauer Gemeinde konnte sich von Rang 92 auf Rang 59 verbessern und ist nun die Nummer eins im Kanton. «Das ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen», sagt Andreas Glarner, Gemeindepräsident – auch dank der Senkung des Steuerfusses, was die Steuereinnahmen von 5,5 auf 9,6 Millionen Franken katapultierte. «Die Gemeindeautonomie wurde in den vergangenen Jahren stetig ausgehöhlt», sagt Glarner, und er nennt Beispiele: «Wir dürfen keine Alkohollizenzen für den Anlass eines Vereins herausgeben, das darf nur der Kanton, obwohl wir die Vereine ja besser kennen. Und wir müssen ein Waldrodungsbegehren einreichen, wenn wir den Bau einer Baustellenzufahrt zu einer Schule planen, obwohl jedermann sieht, dass dort gar kein Wald ist.» Viele hoffen nun auf einen Gegentrend: zurück zu mehr Autonomie für Gemeinden. Denn das Erfolgsmodell Schweiz sollte nicht leichtfertig aufgegeben werden.


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