Editorial

Cassis, Trump

Warum der US-Präsident 
mehr Eindruck macht als die ­Karrieristen, die für den Bundesrat Schlange stehen.

Von Roger Köppel

Das Unwichtigste in der Schweizer Politik sind die Bundesratswahlen. Das ist nicht ganz richtig, aber auch nicht nur falsch. Da Bundesräte wenig zu bestimmen haben, ist nicht so entscheidend, wer in dieses Amt vorstösst. Klar, Bundesräte setzen den Ton, geben rhetorische Impulse, können Themen nach vorne bringen. Kleine Macht, aber erheblicher Einfluss. Man könnte etwas daraus machen. Generell aber werden für diese Funktion Personen ausgesucht, die keinen Anstoss erregen, die es allen irgendwie recht machen.

An der aktuellen Ausmarchung ist interessant, dass sich laufend neue Kandidaten aus immer neuen Anspruchsgruppen melden: Tessiner, Frauen, Französisch sprechende Frauen, Französisch sprechende Männer unter vierzig. Wann steigt einer für die im ­Bundesrat noch unterrepräsentierte Minderheit der französisch sprechenden Brillenträger auf die Barrikaden? Bezeichnend ist, dass die Fähigkeiten oder politischen Ansichten der Möchtegern-Bundesräte bis jetzt nicht die ­geringste Rolle spielen. Herkunft oder Geschlecht scheinen wichtiger.

Politiker, die sich offensiv für ein gutbezahltes Amt anbieten, ohne klarzumachen, warum sie dieses Amt anstreben und was sie konkret verwirklichen wollen, machen mich misstrauisch. Ich lese gerade ein hervorragendes Buch über den früheren britischen Aussenminister Lord Halifax, geschrieben von Weltwoche-­Autor Andrew Roberts («The Holy Fox»). Halifax ist umstritten, weil er sich vor dem Zweiten ­Weltkrieg für einen Frieden mit Deutschland einsetzte, dann allerdings umschwenkte, als er Hitlers wahre Natur durchschaute. Seine grösste Leistung: Halifax hätte 1940 Regierungschef werden können. König, Parlament, die Linke und die einflussreichsten Politiker des Landes waren für ihn. Doch der hochadlige Favorit, von seinem Vater seit frühester Kindheit aufs Spitzenamt getrimmt, verzichtete zugunsten Churchills, den er als Kriegs­premier für geeigneter hielt.

Wo gibt es heute Politiker mit der Kraft, auf ein prestigeträchtiges Amt zu verzichten? Oder wo sind die Politiker, die wenigstens bereit sind, für ihr Amt ein persönliches Opfer zu bringen? Die Karrierepolitiker, die derzeit für den Bundesrat Schlange stehen, streben den persönlichen Höhepunkt ihrer Laufbahn an. Für sie ist es ein beruflicher Aufstieg, wenn sie gewählt werden sollten. Bringen sie Opfer? Im Gegenteil. Sie werden mehr Geld und Ruhm einheimsen, eine sichere Altersrente obendrein. Für den attraktiven Job halten sie sich zurück mit markigen Aussagen, auf die man sie behaften könnte. Wer wenig sagt bis nichts, kommt überall gut an. Botschaft: Wir sind kollegial und brav, pflegeleichte Mitglieder des Gremiums, ohne die Absicht, tiefere Spuren auf dem Teppich zu hinterlassen. Zum Glück ist es für die Schweiz nicht lebenswichtig, wer Bundesrat wird.

Das ist nicht böse gemeint, aber bleiben wir realistisch. Mehr Respekt verdienen Leute wie ausgerechnet der allseits verteufelte US-Präsident Donald Trump. Egal, wie man zu diesem typischen Amerikaner steht: Er hat es weder finanziell noch karrieretechnisch nötig, ein hohes Amt zu bekleiden. Wenn es ihm nur ums Image und um die Ehre ginge, hätte er einen billigeren und bequemeren Weg wählen können, ohne sich mit dem gesamten Establishment in Politik, Medien und Kultur anzulegen. Trump aber hatte den Mut, die unangenehmsten Probleme ins Zentrum zu stellen: sichere Grenzen, Deregulierung, Steuersenkungen, illegale Migration, islamischer Terrorismus, ausländische Verbrecher, übertriebene Globalisierung. Dafür musste er Prügel einstecken wie wohl noch kein US-Politiker vor ihm. Dass er sich das trotzdem antut und jetzt sogar seine Ziele gegen geballten Widerstand umzusetzen versucht, ist ein Hinweis dafür, dass ihm die Sache wichtiger sein könnte als Ansehen und Prestige des Amts. Trump wird als Egozentriker verschrien, aber wenn ihm sein Ego wirklich über alles ginge, hätte er sich nicht oder nicht so in dieses politische Stahlbad gestürzt.

Ohnehin ist es eine Lebenslüge der Erfolglosen, dass sie den Erfolgreichen immer vorwerfen, sie seien Egozentriker. Wer Erfolg ­haben will, braucht Selbstvertrauen, keine Frage, aber eben auch Gottvertrauen, den Glauben daran, dass es in aussichtslos scheinenden Zeiten irgendwie weitergeht und wieder besser wird. Erfolgsmenschen benötigen ein starkes Ego, aber sie brauchen vor allem die Disziplin, ihr Ego zu überwinden, um es in den Dienst einer Sache zu stellen; ohne Rücksicht auf die eigenen Interessen, das eigene Vermögen, die eigene Gesundheit. Nicht der Egozentriker, der seinem Ich huldigt, hat Erfolg, sondern der Idealist, der sein Ego einem Ziel unterordnet. Und was ist das Ziel? In ein hohes Amt zu kommen, Bundesrat, ­Präsident zu werden – das reicht nicht. Letztlich kann auch das Amt nur das Mittel zu einem höheren Zweck sein. Zum Beispiel: die unangenehmsten Pro­bleme eines Landes zu lösen.

Wer also nur Bundesrat werden will, ohne zu erklären, zu welchem höheren Zweck er dieses Amt überhaupt anstrebt, ist zwielichtig. Umgekehrt verdienen Politiker wie der ach so böse Trump Anerkennung allein schon dafür, dass sie den Mut haben, ein klares politisches Profil vorzulegen, Ziele und Absichten zu formulieren, an denen man sie messen kann. Unverständlich vor diesem Hintergrund ist auch die Aufregung, wenn sich Trump mit Tweets immer wieder in die Debatte einmischt. Diese Transparenz ist doch besser und ehrlicher als die gewollte, oft verlogene Nebelhaftigkeit unserer Karrieristen und Bundesratskandidaten, die ihre Standpunkte, sofern vorhanden, hinter Dunstschwaden und Allgemeinplätzen verstecken, um sich alle Fluchtwege offenzuhalten.

Die lebende Königin dieser Politik der ­gewollten Unverbindlichkeit, eine Art Gegen-Trump, bleibt Angela Merkel, eine Frau, die alles macht, um an der Macht zu bleiben, ohne zu sagen, zu welchem konkreten Ziel sie ihre Macht überhaupt verwenden will. Auch hier aber muss man die tieferen Gründe untersuchen. Nur Länder, denen es gutgeht, können sich bewegliche, ungreifbare Politiker dieses Schlags eine Zeitlang leisten. Sie sind das Symptom eines Wohlstands, den andere geschaffen haben. Noch geht es auch der Schweiz sehr gut, wie die aktuelle Bundesratswahl zeigt.

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