Editorial

Überlebenswunder

Noch in ihren Irrtümern ist 
die Schweiz oft klüger als die ­anderen. Das hat gute Gründe.

Von Roger Köppel

Je verrückter die Welt wird, desto vernünftiger und normaler wirkt die Schweiz. In den USA toben giftige politische Seifenopern. Die EU krankt an ihrer bisher grössten Vertrauenskrise. Reihum taumeln die Traditionsparteien. Neue Wunderknaben und Hoffnungsträger betreten das Theater. Dagegen nimmt sich die Schweiz wohltuend wie ein Korallenriff der Stabilität und Langeweile aus.

Draussen stürzen Weltbilder und Luftschlösser ein. Wir beobachten das Scheitern ­einer Ideologie, die es mit dem Internationalismus, den Staatsschulden, den offenen Grenzen und den angeblichen Segnungen der Migration übertrieb. Die Leute wollen nicht zurück in die Höhle, aber sie wollen eine Korrektur. Das ist der tiefere Grund hinter der Masseneinwanderungsinitiative, hinter Brexit, Trump, Orbán, den Populisten und dem Wegschmelzen der Mainstream-Parteien im Westen.

Für die Journalisten sind an allem die Politiker schuld, die am lautesten gegen die falsche Weltsicht der Etablierten und ihrer Medien protestieren. Irrtum. Überall im Westen ist ein Richtungsstreit im Gang, den wir in der Schweiz bereits seit den frühen neunziger Jahren austragen. Die Tabuthemen, über die in den USA, in Frankreich oder Deutschland grimmig gestritten wird, sind dank der direkten Demokratie bei uns längst entzaubert auf der Tagesordnung. Die Schweiz als intellektuelle Avantgarde, einmal mehr.

Ist die Welt eher gefährlich als verrückt geworden, wie Staatssekretärin Pascale Baeriswyl in dieser Ausgabe argumentiert? Ich lese gerade ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg. Damals wütete bereits das mörderische Weltgemetzel zwischen internationalem und nationalem Sozialismus, das in den folgenden Jahren Millionen von Menschen das Leben kosten sollte. Es gibt reale Risiken heute, klar, aber vor achtzig Jahren war Europa ein viel ­gefährlicherer Ort.

Es gibt Stimmen in diesem Heft, die vor den sozialen Folgen der Digitalisierung warnen. Sie befürchten weltweit Millionenheere von Ausrangierten und Arbeitslosen, die Auslöser einer politischen Radikalisierung werden könnten. Wie soll die Demokratie damit fertig werden?, fragt zum Beispiel der Schweizer Erfolgsunternehmer Francisco Fernandez. Auch Optimisten werden einräumen, dass es ein Fehler wäre, die Errungenschaften des demokratischen Rechtsstaats für alle Zeiten als selbstverständlich zu erachten.

Natürlich ist auch bei uns in den letzten Jahren vieles ins Rutschen geraten. Die Massen­einwanderung drückt. Das Asylwesen ist aus­ser Kontrolle. Wir haben uns mehrfach vom Ausland erpressen lassen. Die Zahl der Leute, die mehr vom Staat kassieren, als sie einzahlen, wird grösser. Trotzdem bleibt die Schweiz ein beeindruckendes Überlebenswunder. Es ist fast unheimlich, wie es ihr gelingt, aus allen Krisen irgendwie gestärkt hervorzugehen.

Was macht die Schweiz aus? Enorme Stabilität bei grösster Flexibilität, bambusmässig, hart und elastisch zugleich. Unser Land ist ein Bollwerk der politischen Vernunft. Noch in unseren Irrtümern sind wir klüger als die anderen. Warum? Weil alle mit­reden und vor allem: mit­entscheiden können. Alle reden mit allen über alles, was alle betrifft. Und dann wird abgestimmt. Das Volk hat nicht immer recht, aber was das Volk entscheidet, gilt. So sollte es sein.

In dieser Ausgabe reden wir über Überlebensstrategien. Was ist die wichtigste Überlebensstrategie der Schweiz? Keine Experimente, nichts übertreiben, die Neutralität pflegen, rechnen statt spekulieren, schön unabhängig bleiben. Offenheit, ja, aber wer sich allem öffnet, ist nicht ganz dicht. Demokratie heisst, dass man die Mehrheit ernst nimmt, ohne die Minderheit zu vergewaltigen. Solange in der Schweiz die Schweizer das Sagen haben, müssen wir uns keine Sorgen machen.

Und noch eine Lehre der Geschichte, die wir mit dem kritischen Historiker André Holen­stein besprechen: Die Schweiz ist kein pures Eigenfabrikat ihrer Ureinwohner, sie war immer auch das Resultat des Wollens mächtigerer Nationen. Die Schweiz, eine Willensnation der anderen? Das stimmt auch, aber ohne den Selbstbehauptungswillen der Schweizer gäbe es die Schweiz erst recht nicht. Unsere Vorfahren machten viel aus den Vor- und Nachteilen ihrer geopolitischen Situation.

Noch ein Wort zur Unabhängigkeit. Fulminant argumentiert der frühere Vordenker von Avenir Suisse, Thomas Held, gegen die Idee, die Schweiz sei eine Insel, ­heldenhaft und einsam gegen den Rest der Welt. Held hat recht. Allerdings kenne ich keinen, der ernsthaft eine solche Isolations-Illusion vertritt. Die Schweiz ist von Natur aus arm. Sie konnte nie bei sich selber stehenbleiben. Wirtschaft­liche Weltoffenheit war ein Gebot von Anfang an. Aber um diese Weltoffenheit zu leben, pflegten die Schweizer eben politisch ihre Unabhängigkeit. Wer sich nirgends anbindet, ist beweglicher.

Es ist auch Mode geworden, Demokratie und Rechtsstaat gegeneinander auszuspielen. Wieder lohnt sich ein Blick auf unser Land. Die Eidgenossenschaft hat sich von Geburt an als Rechtsgemeinschaft installiert. Selbst die Grenzen ihrer Demokratie, das zwingende Völkerrecht, haben sich die Schweizer selber auferlegt. Unser Rechtsstaat ist das Produkt unserer Demokratie, und als Hüter ihrer eigenen Menschenrechte bewähren sich seit Generationen die Bürger dieses Landes.

Je verrückter die Welt ist, desto interessanter wird die Schweiz. Wir haben es mit einem erfolgreichen kleinen Staat zu tun, in dem am Ende die wichtigsten Entscheidungen von den Stimmberechtigten getroffen werden. Es braucht keine Erleuchteten, keine Gesalbten, und es braucht auch keine Genies, damit es funktioniert.

Bei aller Bescheidenheit: Die Schweiz verwirklicht heute eine der grössten Hoffnungen der Moderne: dass es nämlich gut herauskommt, wenn man die Leute im Rahmen der demokratischen Ordnung, die sie sich selber gegeben haben, machen lässt.

Allein die Tatsache, dass es so etwas wie die Schweiz überhaupt noch gibt, ist ein Grund, optimistisch nach vorne zu schauen.

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