Editorial

Trump-Verblödung

Warum ich der Amtseinweihung mit misstrauischem Wohlwollen entgegenblicke.

Von Roger Köppel

Klar: Skepsis ist wichtig. Misstrauen braucht es immer in der Politik, aber hört auf mit dem Trump-Verblödungssyndrom.

Es begann, als der mutmassliche Multimilliardär seine Ambitionen aufs Präsidentenamt anmeldete. Der Spiegel druckte einen ­Essay, in dem sie Trump als «Faschisten» beschimpften.

Für alle, die es vergessen haben: Die Faschisten standen im letzten Jahrhundert unter dem Kommando des italienischen Diktators Mussolini, eines engen Vertrauten Hitlers.

Gemeinsam führten die beiden einen Vernichtungskrieg gegen den Rest der Menschheit. Es waren Antidemokraten im Stechschritt, uniformierte Kapitalismusgegner, Judenhasser, Massenmörder. Israel-Freund Trump ein Faschist?

Das ist das Trump-Verblödungssyndrom.

Exakt vor einem Jahr nahm ich beim World Economic Forum an einer Mittagsdiskussion über die «Gefahren des Populismus» teil.

Die Gäste, darunter Professoren, Schriftsteller und frühere EU-Kommissare, krümmten sich vor Lachen. Einige bebten, ja klirrten vor Verachtung, als man die Wahlchancen des ­Aussenseiters ernsthaft debattierte.

Ich dachte, die Trump-Verblödung würde sich nach den Wahlen legen, aber ich habe mich getäuscht. Es waren sogar Steigerungen möglich.

Letzte Woche berichteten die Medien über unbewiesene Gerüchte zu angeblich «kompromittierenden» Handlungen Trumps vor ein paar Jahren in Russland. Sogar seriöse ­Zeitungen wie der Tages-Anzeiger druckten den Abfall brühwarm nach.

Es war der bisherige Höhepunkt der Trump-Verblödung, durchaus nicht ungefährlich, wenn man bedenkt, dass der journalistische Giftmüll unter Mithilfe amerikanischer Geheimdienste an die Öffentlichkeit geschaufelt wurde.

Der Rufmord allerdings scheiterte. Die ­Intrige verpuffte mit Getöse folgenlos.

Was lernen wir daraus?

Erstens: Die Trump-Gegner pfeifen aus dem letzten Loch. Rechtsstaatlich-demokratisch kamen sie nicht durch. Jetzt bleiben Dreck und Denunziationen. Das ist unerfreulich, vielleicht auch kriminell, aber es ist vor allem: ein Zeichen von Schwäche.

Zweitens: Abregen, abrüsten, beruhigen. Trump wurde rechtmässig gewählt. Er ist kein Hitler. Die USA sind eine grundsolide Demokratie mit harten checks and balances. Kein Politiker kann da einfach reinmarschieren und den Laden umkrempeln.

Und: Die Amerikaner sind unsentimental, wenn es «die da oben» übertreiben: Richard Nixon kam 1972 mit einem Erdrutschsieg ins Weisse Haus. Zwei Jahre später, im Zuge von Watergate, jagten sie ihn mitleidlos davon.

Drittens: Man sollte Trump mit misstrauischem Wohlwollen begegnen. Womit sonst? Es bringt nichts, dauernd den Unsinn nachzubeten, den er in den letzten Jahren und Monaten auch noch gesagt hat oder gesagt haben soll. Warten wir erst mal, was er macht.

Bleiben wir zuversichtlich. Es gibt sogar gute Gründe.

Allein seine Wahl war eine heilsame Erschütterung. Der Schock war nötig. Nicht nur Machtkartelle, auch Weltbilder brechen ein. Das löst Gehässigkeiten aus, klar. Mehr kommt ins Rutschen, als viele verkraften können. ­Tolerant bleiben. Die Verstörung allerdings ist fruchtbar.

Bereits wird offener und sachlicher geredet. Die Tabuthemen der letzten Jahre sind voll auf der Agenda: illegale Einwanderung, Islam, der Unsinn offener Grenzen, Fehlkonstruktion EU, Personenfreizügigkeit, Arbeitsplätze, Recht und Ordnung. Trumps Vorgänger wollten nicht darüber reden, die Mehrheit der Wähler schon. Das ist Demokratie.

Hochinteressant ist Trumps Regierungstruppe. Der angeblich hypersensible, überempfindliche Mitternachtstwitterer hat sich mit einem Kabinett starker Persönlichkeiten und, ja, Andersdenkender umgeben. Sogar der Spiegel, verlässliches Zentralorgan der Trump-Verteufelung, konnte sich eine ge­wisse Anerkennung nicht verkneifen. Könnte es vielleicht sein, dass man den «Wahnsinnigen» unterschätzte, auch hier?

Natürlich weiss niemand, wie sich Trumps Multimillionäre im Polit-Alltag bewähren werden. Aber lassen wir uns von den drögen Abgesängen in den Medien nicht beirren, die vermutlich sowieso keiner mehr liest. Ich finde es wohltuend, dass nicht immer die gleichen altbekannten Köpfe rezykliert werden. Und seit wann soll es ein Nachteil sein, wenn ein ­Politiker vor der Politik in der Privatwirtschaft erfolgreich war?

Keine Missverständnisse: Ich wage keine Prognosen. Ich habe keine Ahnung, wie sich Trump machen wird. Sein Plan, der Wirtschaft vorzuschreiben, wo sie ihre Produkte herstellen soll, löst Allergien aus bei mir. Er hat zwar recht, dass nicht überall Freihandel drin ist, wo Freihandel draufsteht, aber der Zauber des trumpschen Protektionismus erschliesst sich mir noch nicht.

Allerdings waren die Amerikaner immer schon protektionistischer, als sie sich gaben. Vielleicht ist Trump einfach nur der erste Präsident seit langem, der ehrlich dazu steht.

Das ist sein grösster Trumpf. Er spricht so, wie viele denken. Er wirkt echt, in seiner ganzen blonden Künstlichkeit.

Zum Schluss: Aussenpolitisch habe ich noch kaum einen dummen Satz gehört von ihm.

Seine Botschaft: Die EU hat in dieser Form keine Zukunft. Ungebremste illegale Migra­tion ist eine Katastrophe. Die Briten liegen mit dem Brexit richtig. Die Europäer sollten mehr für ihre Rüstung tun. Es ist besser, auf einen Kalten Krieg mit Russland zu verzichten.

Jenseits des Trump-Verblödungssyndroms klingt Trump fast wie ein ganz vernünftiger Politiker.

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