Kirche

Rom brennt

Papst Franziskus sagt von sich, er werde womöglich als derjenige 
in die Geschichte eingehen, der die katholische Kirche gespalten hat. Ist es schon so weit? 

Von Alexander von Schönburg

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat einen undankbaren Job. Papst Franziskus revolutioniert mit Randbemerkungen die Kirche, Müller muss als Chef der Glaubenskongregation die Worte seines Chefs mit der Lehre der Kirche in Einklang bringen.

Im Falle des Papst-Schreibens «Amoris lae­titia» vom April 2016, in dem eine völlig neue Sprache im Hinblick auf Menschen gewählt wird, die in sexuellen Verhältnissen leben, die nach katholischer Lesart «ungeordnet» sind, musste er das aufgeben. Nimmt man das Papier unter die Lupe, lässt es sich nicht mit dem Evangelium vereinbaren. Würde er – wie das vier evangeliumstreue Kardinäle, angeführt vom Amerikaner Raymond Burke, getan haben – Klarstellungen vom Papst verlangen, würde dies in einer Kirchenspaltung enden.

Wahrheit und Verfolgung

Wenn es Müller nicht gelingt, Burke zu einem taktischen Schweigen zu bringen, wird es in Rom zum Bruch kommen.

Burke will notfalls Franziskus wie einst der Apostel Paulus dem Petrus in der Frage der Judenchristen «ins Angesicht» widerstehen, «weil er Tadel verdient» (vgl. Gal. 2, 11). Das US-Katholikenblatt The Remnant zitiert ihn so: «Wir müssen einfach weitermachen, um Klarheit in die Sache zu bringen.» Die in Rom von Papst-Vertrauten bereits offen ausgesprochene Drohung, dass er seine Kardinalswürde verlieren könnte, macht auf den 68-Jährigen wenig Eindruck. Burke: «Ich will mich bei der Verteidigung der Wahrheit nicht davon abhalten lassen, dass ich dafür irgendwie verfolgt werden könnte.»

Selbst unter Burkes Verbündeten gilt seine Vorgehensweise als unklug. «Man muss dankbar sein, dass die theologisch heiklen Passagen des Dokuments nicht explizit sind. Man darf den Papst nicht zu einer Klarstellung zwingen, im schlimmsten Fall treibt man ihn sonst in die Häresie», so ein Kirchenrechtler in der Glaubenskongregation, der angesichts der Stimmung im Hause nicht namentlich genannt werden will. Vor der Veröffentlichung von «Amoris laetitia» hatte die Glaubenskongregation eine Liste mit Korrekturvorschlägen an den Papst geschickt, kein einziger wurde berücksichtigt. Zuletzt ordnete der Papst – über den Kopf Kardinal Müllers hinweg – die Entfernung von drei Mitarbeitern aus der Glaubenskongregation an.

Um zu deeskalieren, hat Müller nun die Debatte um «Amoris laetitia» für beendet erklärt, das Papier stelle «keine Gefahr für den Glauben» dar. Wenn man einen Brand nicht löschen kann, muss man ihn ersticken.

Worum es im Kern geht? Progressisten sagen: Die Zeiten haben sich geändert, die Beziehungsformen haben sich geändert, auch die Lehre der Kirche muss sich ändern. Die Mahner sagen: Auch in der Zeit Jesu und seiner Apostel standen deren Lehren quer zur zeitgenössischen Moral. Es gibt in den Evangelien keine Form der Sexualität ausserhalb der Ehe, die nicht entweder Unzucht oder Ehebruch genannt wird. Da gibt es keine «Einzelfallregelungen». Genau diese – sie sind in «Amoris laetitia» angedeutet – betrachten Konservative als Teil einer Step-by-step-Taktik, Sünde nicht mehr als solche zu benennen.

Jubel der Progressisten

Anfang Januar ist Roms Kardinalvikar Agostino Vallini, Stellvertreter von Papst Franziskus als Bischof von Rom, vorgeprescht. Im Bistum Rom dürfen ab sofort auch wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen die Kommunion empfangen. Der Jubel der Progressisten währte kurz. Die römischen Richtlinien sehen nämlich vor, dass vor der Zulassung zur Kommunion Wiederverheirateter aufwendige Hausauf­gaben anstehen: monatelange Annulationsverfahren, ständige pastorale Begleitung – und vor allem: Es wird von ihnen Reue verlangt. Wer Sex ausserhalb einer rechtmässigen Ehe hat, muss bereit sein, das auch zu ändern. In ganz Europa wird aber seit Jahren praktisch ­jedem die Kommunion gespendet, der darum bittet. Die römischen Richtlinien schieben ­dieser ­Praxis einen Riegel vor.

Wie unterschiedlich «Amoris laetitia» ausgelegt werden kann, bewies wenige Tage später allerdings die Anweisung des Erzbischofs von Malta an die Seelsorger auf dem Inselstaat, ­jeder wiederverheiratete Geschiedene könne, wenn er «mit Gott im Reinen» sei, über den Kommunionempfang selber entscheiden.

Aus dem Anliegen des Papstes, dass Menschen sich nicht selbst exkommunizieren, sondern erkennen, dass es auch – ja gerade – für Sünder Platz in der Kirche gibt, ist massive Ratlosigkeit entstanden. Scheut sich Franziskus vor einer Klarstellung von «Amoris laetitia», oder will er sie nicht? Statt klärende Instanz zu sein, gibt er sich als stiller Betrachter, der beobachten will, wie sich die Seelsorgepraxis durch seine Anregungen entwickelt.

Liberale vereinnahmen den Papst für sich. In seinem Buch «Der Name Gottes ist Barmherzigkeit» stehen schliesslich Sätze wie: «Die ­Kirche ist nicht auf der Welt, um zu ver­urteilen», aber ein paar Seiten später spricht er von dem Drama, «dass wir das Gefühl für die Sünde verloren» hätten und «unsere Sünde als unheilbar betrachten». Laxisten träumen von einer Kirche, die allen Lebensformen ihren ­Segen gibt. Und Franziskus? Der hat eine Leidenschaft für Sünder und will am Ende, dass sie ihr Leben ­radikal ändern.



Alexander von Schönburg ist Bestsellerautor 
(«Weltgeschichte to go») und Mitglied der Chefredaktion von Bild.

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