Motorrad

Meine Töffsaison (III)

Es kann nur einen geben: Vom Wunsch eines massgeschneiderten ­Motorrads.

Von David Schnapp und Thomas Buchwalder (Foto)

Wie in jedem Klischee steckt auch in diesem ein Stück Wahrheit: Motorrad­fahrer sind oft Individualisten, die zumindest im Kleinen ihre eigenen Wege gehen oder fahren. In Amerika – so stelle ich mir das vor – ist ein Motorrad immer noch ein starkes Symbol für die (persönliche) Freiheit. Und es scheint in einer Zeit, in der staatliche Organe jedem ungefragt Ratschläge – zum Beispiel zur korrekten Ernährung – erteilen, einen wachsenden Drang nach individuellem motorisierten Ausdruck zu geben.

Die kleine, feine Firma VTR Customs aus Schmerikon (die Individualisierungsabteilung von Stucki 2 Rad) macht aus ganz normalen Töffs schillernde Einzelstücke, die so unverwechselbar sind wie die Leute, die sie fahren. Mit meiner BMW R nineT, auf der ich meine diesjährige Töffsaison bestreite (Weltwoche Nr. 18 und 24/17), hatte ich die perfekte Maschine für einen Umbau nach Mass. Daniel Weidmann, Geschäftsführer und Mitinhaber von Stucki 2-Rad-Center und VTR, ist ein sympathischer, leicht spröder Mann, der sich so viel Verrücktheit bewahrt hat, um ziemlich ausgefallene Motorräder zu bauen.

Eine BMW K100 RT hat Weidmann mit Teilen eines alten Boesch-Boots veredelt, nun über­ziehen Holzplanken das Bike, das er auf den ­Namen Boes.ch 110 getauft hat. Andere rüstet er für Dragster-Rennen mit Kompressor und Lachgaseinspritzung aus, und weil eine R80 von 1988 einmal der Kantonspolizei Zürich gehört hat, nennt er sie liebevoll «Wachtmeister Studer».

Die Individualisierungswünsche für meine R nineT waren etwas bescheidener: andere ­Farbe, schwarz lackierte Teile, kürzeres Heck, elegantere Leuchten, neuer Sattel . . . «Die Seele des Motorradfahrens» verspricht VTR auf ­seiner Website, und Weidmann sagt, wenn man alles aus dem Internet bestellen könne, sei ein wachsender Markt für Produkte, in ­denen Handarbeit und Herzblut stecke, die ­logische Gegenbewegung.

Die perfekte Hülle

Drei Wochen später ist aus meiner Maschine ab Stange ein massgeschneiderter Töff ge­worden. Die R nineT ist sowieso die perfekte Hülle für solche Unternehmungen. Sie erlaubt schon ab Werk gewisse Individualisierungen, und kaum ein Bike verlässt Daniel Weidmanns Geschäft Stucki 2 Rad, ohne beim hauseigenen Tuner VTR einer leichten Überarbeitung unterzogen worden zu sein.

An meinem Töff haben sie etwas länger ge­arbeitet, genau siebzehn Positionen wurden verändert – vom Rizoma-Lenkerspiegel bis zu einem neuen Sattel in Vintage-Optik. Und weil ein Journalist auf dem Töff sitzt, hat Weidmann eine Halterung mit Notizblock, Stift und Agenda am Heck angebracht.

Customizing ist vergleichbar mit ästhetischer Chirurgie, man kann damit viel Gutes bewirken, aber die Kunst, die jemand wie Weidmann beherrscht, besteht darin, das richtige Mass zu finden: Vom Individualisten mit Sinn für Gestaltung bis zum Clown auf zwei Rädern ist es oft nur ein kurzer Weg.


BMW R nineT Custom
Leistung: 110 PS/81 kW, Hubraum: 1170 ccm
Höchstgeschwindigkeit: über 200 km/h
Preis: Fr. 16 250.–, Umbau: Fr. 10 620.–

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