Editorial

Antithese Trump

Der US-Präsident liegt richtig
mit seiner Kritik an der Nato 
und der EU. Deshalb hassen ihn seine Gegner so.

Von Roger Köppel

Noch immer fällt es schwer, in die allgemeine Hysterie gegen den neuen US-Präsidenten einzustimmen. Auch nach seiner Nahost- und Europareise bleibt die Sachlage unverändert: Der mutmassliche Immobilienmilliardär wurde von den Amerikanern nicht aus Begeisterung, sondern mit Skepsis gewählt. Als ich einen Amerikaner fragte, warum er für Trump gestimmt habe, sagte er: «Trump ist schlecht. Aber Hillary war schlechter.»

Das ist Politik. Man wählt oft unter zwei Übeln das hoffentlich geringere.

Und noch etwas dürfen wir nicht vergessen: Es ist möglich, dass unsympathische oder unfä­hige Leute berechtigte Anliegen vertreten. Ich sage nicht, dass es komplett egal ist, wer sich für eine Sache einsetzt, aber es muss das Ziel sein, die Qualität einer Sache möglichst unabhängig von ihrem Absender zu beurteilen. Wenn ein Unsympathischer für eine gute ­Sache kämpft, dann soll man die gute Sache übernehmen. Nur so macht man den Unsympathischen überflüssig.

Tatsache allerdings ist: Die meisten Leute stellen die Person zuoberst, nicht die Sache. Was wir als Wahrheit anerkennen, ist sozial konstruiert. Wir beten nach, was unser Umfeld, unser Stamm, unsere Gruppe, die Leute, die wir vernünftig finden, für die Wahrheit halten. Man findet etwas gut, nicht weil es zwingend gut ist, sondern weil es von der richtigen Seite kommt. Umgekehrt finden viele ­etwas Gutes schlecht, nur weil es von der aus ihrer Sicht falschen Seite kommt.

Bei Trump ist das besonders ausgeprägt. ­Viele finden Trump angeblich so schlimm, dass sie alles, was er sagt, kompromisslos, kategorisch, krankhaft ablehnen. Es krümmt und schüttelt sie. Und ich vermute, selbst wenn er unbestrittene Wahrheiten ausspräche wie zum Beispiel «Zwei plus zwei ist vier» oder «Die Schweiz ist schön», sähen seine Kritiker einen intellektuellen Skandal darin. Alles ist falsch, nur weil es Trump gesagt hat. Das ist das Trump-Verblödungssyndrom.

Nehmen wir das aktuelle Beispiel: Trump hat vollkommen recht, wenn er den Kollegen von der Nato und der EU sagt, sie sollten sich endlich an die vereinbarten Verteidigungsausgaben halten. Trumps Vorgänger haben stillschweigend geduldet, dass die Europäer unter dem militärischen Schutzschirm der USA ihre Sozialstaaten masslos ausbauten. Das gloriose «europäische Modell» wurde auf Kosten der Amerikaner errichtet. Und die Europäer ­waren noch so frech, die Amerikaner dafür zu kritisieren, dass sie nicht den gleichen Pazifismus an den Tag legen, den sich die Europäer nur dank den Amerikanern leisten können.

Kurzum: Unter Trump scheint es mit der Trittbrettfahrerei nun ein verdientes Ende zu nehmen. Und Entschuldigung, ich erkenne kein Verbrechen. Der roboterhafte Aufstand gegen den Präsidenten war gleichwohl abzusehen. Es ist für die Regierenden in der EU ­natürlich unangenehm, wenn sie ihre Budgets umschichten müssen. Die schlaue Kanzlerin Merkel merkte es sofort, ging in den Gegen­angriff und warf, nebelhaft, den Amerikanern einen Mangel an Verlässlichkeit vor. Dabei sind es ja unter anderem gerade die Deutschen, die ihren Pflichten nicht nachkommen.

Warum hassen sie ihn so? Es gibt verschiedene Erklärungen. In den USA waren die meisten Medien und mächtige Kreise für die Main­stream-Kandidatin Hillary Clinton. Trump wurde über Monate ausgelacht, fast alle Um­frage-Institute sagten dem Aussenseiter eine gellende Niederlage voraus. Trump siegte trotzdem. Über diesen Schock sind die Ver­lierer noch nicht hinweggekommen. Darum setzen sie ­alles in Bewegung, um den Ungewollten wieder aus dem Amt zu hebeln. Es geht um Rache und Rechthaben. Fiebrig streben sie den Nachweis an, dass Trump ein falscher, ein illegitimer Präsident sei. Das ist der Hintergrund der Hetzjagd, die bis jetzt beweisfrei Trump als Marionette Russlands entlarven will.

Es gibt aber noch ein tieferes, politisches Motiv. Trump verkörpert eine bestimmte Richtung. Ob er wirklich daran glaubt, weiss ich nicht, das spielt auch keine Rolle. Instinktsicher aber hat er eine Stimmung aufgenommen, die sich heute nicht nur in den USA verbreitet. Die Leute wollen einen Wechsel. Sie glauben nicht an offene Grenzen, unkontrollierte Migration, Kuscheljustiz, politische Korrektheit und die abgehobene internationalistische Politik der letzten Jahre mit ihren Fehlkonstruktionen und missratenen Kriegen. Die Wähler wollen eine Korrektur, deshalb wählten sie Trump. Ob er es bringt, wissen sie nicht, aber sie hoffen wenigstens, dass er den Stall ein bisschen ausmistet.

Seine Gegner tun so, als ob sie Trump nicht ernst nehmen. Sie nehmen ihn sehr ernst. Anders ist die enorme Energie nicht zu erklären, mit der sie ihn bekämpfen. Nicht einmal der verhasste George W. Bush wurde so unerbittlich angefeindet wie sein unkonventioneller Nachnachfolger. Warum? Weil sich an diesem Präsidenten die brisanten Fragen der Gegenwart entzünden: Wie viel und welche Zuwanderung wollen wir? Wer macht die Gesetze? Sollen internationale Gremien entscheiden? Beamte? Richter? Oder nicht doch eher die Bürger? Wie organisieren wir die internationale Zusammenarbeit? Braucht der Nationalstaat mehr Gewicht? Oder ist eine Stärkung ­supranationaler Organisationen wie der EU sinnvoll? Wie schlagen wir den Terrorismus?

Seit Trump krachen die politischen Welten aufeinander. Gewaltige Interessen und mächtige Blöcke stehen sich unversöhnlich gegenüber. Trumps Gegner spüren, ahnen, wissen, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Umso giftiger hassen sie den Präsidenten. Dass Trump die Kraft, den Durchblick und die Weisheit hat, den richtigen Weg zu finden, bezweifeln auch Leute, die ihm nahestehen. Mal sehen. Geben wir ihm eine Chance.

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