Kommentar

Charmant und dominant

Doris Leuthard ist mehr 
als eine Bundesrätin, die Charisma im Blut hat. 
Sie ist auch die heimliche Parteichefin.

Von René Zeller

Im Bundesrat gibt die amtierende Bundespräsidentin gekonnt die Doyenne. Doris Leuthard ist die populärste Magistratin seit Adolf Ogi. Als dossierfeste Departements­chefin ist sie im Parlament breit respektiert. Ein Naturtalent eben.

Insbesondere die CVP freut sich, dass sie über eine politische Strahlefrau verfügt, die obendrein noch Charme versprüht. Es ist unergiebig, parteiintern Kritiker zu suchen. Alle finden ihre Doris toll, schlagfertig, sympathisch, klug. Gerhard Pfister, Präsident der Christdemo­kraten, ist in letzter Zeit zwar öfter über den Bundesrat hergezogen, weil dieser führungsschwach agiere. Die Bundespräsidentin ist da-
von explizit ausgenommen. Leuthard mache ihre Sache, so Pfister, «ausserordentlich gut».

Ausserordentlich gut ist nach Auffassung der CVP die Energiewende gelungen. Im ­Abstimmungskampf erhält die einstmals als «Atom-Doris» titulierte Aargauerin in einer Weise Flankenschutz von ihren Parteifreunden, die an den Kadavergehorsam der päpst­lichen Schweizergardisten erinnert. Energie­politischer Gegendruck aus der CVP? Un-
denkbar! Gerhard Pfister hatte die angedachte Energiestrategie 2050 vor seiner Wahl zum Parteipräsidenten als «ruinöse Planwirtschaft» gegeisselt. Jetzt lobt er die gesetzliche Umsetzung als «massvollen Kompromiss».

Natürlich sagt in der CVP niemand, Bundesrätin Leuthard führe nebenamtlich auch noch ihre Partei. Sie selber bestreitet das vehement. Vor ihrem ersten Präsidialjahr (2010) meinte sie in einem Interview mit der Weltwoche, der Bundesrat müsse das Gesamtwohl im Auge behalten. «Wir dürfen weder zu stark nach links noch nach rechts schielen; das wäre Parteipolitik, für die wir im Bundesrat nicht zuständig sind.»

Das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn Doris Leuthard Sachpolitik macht, ist das für ihre Partei bindend – siehe Energiewende. Während seiner vierjährigen Amtszeit als Bundesrat blieb Christoph Blocher das Mass aller Dinge für die SVP. Die Analogie zu Doris Leuthard und der von ihr informell geführten CVP ist keineswegs abwegig.

Wenn hier festgestellt wird, dass Doris Leuthard eine dominante Rolle in der eigenen Partei spielt wie zurzeit kein anderes Mitglied der Landesregierung, so ist das nicht despektierlich gemeint. Die 54-Jährige steht für den Typus der emanzipierten Frau, die Netzwerke pflegt, sich aktiv in die Debatte einmischt und, wie sie es selber formulierte, gelegentlich «die Ellen­bogen ausfährt, wie das die Männer auch tun».

Kommt dazu, dass die CVP ihrer Frontfrau viel zu verdanken hat. Nach der Abwahl von Bundesrätin Ruth Metzler im Dezember 2003 lag die CVP auf der Intensivstation. In dieser misslichen Lage trat Nationalrätin Doris Leuthard an die Spitze ihrer Partei. Sie klagte, die Konkordanz sei klinisch tot – aber die CVP ­lasse sich reanimieren. Flugs wies Leuthard ihrer Partei mit der Agenda «Aufbruch Schweiz» den Weg. Zwei Jahre später brach sie selber als Nachfolgerin von Joseph Deiss in den Bundesrat auf. Ihre parteiinterne Nomination war reine Formsache gewesen.

Ganz vorbehaltlos soll diese Laudatio nicht enden. Als die Aargauerin 2006 in die Landes­regierung gewählt wurde, zog die Frau mit dem gewinnenden Lachen und den funkelnden Hasel­nussaugen die Schweiz in ihren Bann. Rasch wurde ein «Leuthard-Effekt» herbeigeschrieben. Rückblickend muss die CVP konstatieren, dass sich die Hoffnungen nicht erfüllt haben. Die Partei konnte ihren Sinkflug anfänglich zwar bremsen. Doch inzwischen zeigt die Formkurve wieder stramm abwärts.

Für die krebsende CVP könnten sich die Per­spektiven weiter verschlechtern, wenn Doris Leuthard dereinst nicht mehr mitregieren will. Vorerst aber muss die ungekrönte Königin der CVP um die Energiewende bangen. Falls das Stimmvolk die Vorlage ablehnt, würden ihr mehrere Zacken aus der Krone fallen.

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