Die mutigen Einzelnen

Unterwegs mit den «Identitären», Teil 2: Wir treffen Aktivisten in Wien, Bayern, Berlin und besuchen schliesslich Bestsellerautor Rüdiger Safranski, der bei einem Nachtessen mit Künstlerfreunden die ­Bewegung einordnet.

Von Matthias Matussek

«Die Normalität ist dahin»: Robert Timm, Berlin. Bild: Screenshot Youtube

Fest steht, dass von den tonangebenden Kreisen nur noch «links» als Raison d’être, als überhaupt tolerable Einstellung geduldet wird. Doch es gibt ermutigende Ansätze. Der Mehltau lichtet sich.

Martin Sellner, der Wiener «Identitäre», Strickpullover, Schal, schwarze Haare, durchaus der südländische Typ, 24, ist von einem ­geradezu überschäumenden Optimismus. ­Offenbar einer, der an der Zahl seiner Gegner wächst, mutig in der Steilwand.

Sellners Sponti-Truppe ist klein, ein paar hundert Leute, aber sie leben für ihr Ziel, das durchaus auch ein akademisch anspruchsvolles ist, nämlich, Tabus zu brechen und den ­Unsinn einer ungeregelten muslimischen Massen­einwanderung und damit den eines «kulturellen Selbstmords» (Leon de Winter) oder «moralischen Selbstmords» (Peter Sloterdijk) zu stoppen. Sie sprengen den elektrisch geladenen intellektuellen Käfig, der sie einhegen sollte. Sie ­besitzen tatsächlich einen enormen Coolness-Faktor, einen, der weit grösser ist als jener der im Mainstream mitschwimmenden Popkarrieristen mit ihrem endlos ­relativierenden Derridada und Lacancan, sofern sie je einen besessen haben.

Sellner ist sich klar darüber, dass die Fernsehjournalisten des WDR, die sich an diesem Nachmittag irgendwann verabschieden, nicht ins Schwärmen verfallen wird, aber das nimmt er in Kauf. «Mittlerweile haben die Leute die doppelte Optik gelernt, im Übrigen werden die Identitären, selbst wenn sie im öffentlich-rechtlichen Auftrag hin­gerichtet werden, wahrgenommen.»

Damaskus-Erlebnis

Wenn er nicht gerade Aktionen plant (er erklomm mit Bergsteigerausrüstung das Wiener Burgtheater) oder sich um seinen florierenden T-Shirt-Versand kümmert, der natürlich das Lambda der Bewegung variiert – unter einem Lambda, dem griechischen L, sollen die Spartaner gegen die eindringenden Perser, wie romantisch, in eine verlorene heroische Schlacht gezogen sein –, widmet sich Sellner seinem Studium. Jus und Philosophie.

Thema, Heidegger, seine Technikkritik und die Frage, ob seinem Denken der Antisemitismus inhärent sei. Sellner verneint, trotz der auch ihn irritierenden «Schwarzen Hefte», und er steht nicht allein damit. Selbst der gallige Jürgen Kaube schrieb damals in der FAZ: «Es kann insofern nicht die Rede davon sein, dass der Antisemitismus ein zentrales und durchgehendes Motiv von Heideggers Denken jener Jahre war.» Immerhin: Heideggers «Sein und Zeit» nannte der berühmte Philosoph Habermas das «grösste Ereignis seit Hegel», ­eine Weiterentwicklung der kierkegaardschen Existenzphilosopie. Und es war Heideggers Nietzsche-Kritik, die Sellner die Augen öffnete. Seine Wende. Sein Damaskus-Erlebnis. Es hat mit Nietzsches stolzer Selbstsetzung, mit dem «Willen zur Macht», zu tun. Hier, verehrter Verfassungsschutz, müsste man mal genau abtasten, wie glaubhaft diese Distanzierung für die öffentliche Sicherheit ist.

In einer Rechtfertigung, die er im Periodikum Sezession veröffentlichte, gestand Sellner sich ein, dass er im kunterbunten rechten Lager – «wo das Zelt der Reaktionäre neben dem der Revolutionäre stand, das der Alt-Katholiken, der Neuheiden, der Nationalen neben dem der Europäer, der Konservativen, der Futuristen, der Dandys und der Spiesser, wo die Volksgemeinschafter neben den Gleichheits­allergikern siedelten und die Identitätssucher neben den Traditionsverwahrern» –, dass er dort das falsche Lager gewählt hat.

Sellner, der in seiner Jugend in einer Black-Metal-Band Gitarre spielte und sich den Nationalen angeschlossen hatte, wurde durch Heid­eggers meditatives und im Kern grünes Denken in eine Seins-Reflexion geleitet, die ihm, wie er sagt, half, seinen «dandyhaften Nietzscheanismus» zu überwinden.

Wir können festhalten: Bomben basteln gehörte nicht zu Sellners Erweckungserlebnis, auch wenn der «Einbruch» oder das «Widerfahrnis» eines neuen Denkens durchaus explosiv genannt werden könnte.

Der junge Sellner spricht schnell, zu schnell, er fällt sich sozusagen selber ständig ins Wort, mit Begeisterung referiert er über Heideggers Seinsbegriff und kurz darauf über die Aktion am Grenzübergang, gleichzeitig über Pläne und die Präsidentenwahl in Österreich, dann wieder über das Echo der Aktion in der Nacht zuvor.

Neugier an Tiefenbohrungen

Und immer wieder von Büchern und Denkern. Solche Theorieversessenheit, solche Grund­lagensuche, solche Neugier an Tiefenbohrungen und solche engagierte Gesellschafts- und Herrschendenkritik hat man wohl zuletzt an den Mensa-Büchertischen der sechziger Jahre erlebt. Und solche Aktionslust!

Gerade ist die Frittatensuppe geschlürft und sind die Mokkas getrunken, da kommt Sebas­tian, 23, BWL, mit druckfrischen Exemplaren einer Glanzpapierbroschüre ins Kaffeehaus. Da steht «Halbjahresbericht» und «Aktionen und Entwicklung der Identitären Bewegung in Österreich im 1. Halbjahr 2016». So etwas könnte in jeder Aktionärsversammlung verteilt werden und auf ehrfürchtige Ahs und Ohs stossen.

Professionell gemacht: «Vorwort», «Politische Situation», «Kostenaufstellung», «Konferenz-Bericht», «Kundgebungen», «Aktionen in Calais, Brüssel und Wien».­ Dazu Fotos von Opfern der Antifa. Alles mit schwungvollen gelben Pfeilen und Notizen versehen.

Ja, die Identitären zeigen Gesicht. Sie sind vernetzt, und klar, auch in München gibt es welche.

«Es ging uns um das Gipfelkreuz», sagt Sebastian Zeilinger, ein blonder Mittdreissiger. «Die Chaoten hatten es abgehackt, und wir haben es wieder aufgestellt.» Kopfschüttelnd erzählt er, dass die Süddeutsche Zeitung damals empört fragte, warum man da oben eigentlich überhaupt Kreuze brauche, aber sie, die Identitären Bayerns, hätten gefunden, dass die Frage falsch gestellt sei. Sie hätte lauten müssen: «Aus welchen Gründen hacken die Leute ein Kreuz um?»

Wir sitzen im «Bräu» am Hauptbahnhof, dem legendären Willkommensbahnhof mit seinen Teddybären-Mädchen und «Refugees Welcome»-Postern. Vor einigen Wochen wurde hier Alarm geschlagen: zu viele afrikanische Drogenhändler, zu viele Prostituierte! Jetzt patrouilliert die Polizei und beäugt misstrauisch eine Roma-Familie, die Händlerware auf einem verwaisten Aussentisch des Restaurants ausbreitet. Sie seien nicht viele, sagt Sebastian Zeilinger, aber alle seien engagiert: Landleute, junge und alte, die unter anderem nicht ­einsehen, warum man christliche Symbole umhacken sollte, und fernerhin, warum die Heimat einem Ansturm aus dem Morgenland so umstandslos preisgegeben werden sollte.

Und es war ein Ansturm: Der Lindwurm zog praktisch an seinem Gartenzaun vorbei.

Es geht ihnen hier unten tatsächlich um die eigene Scholle. Spiegel-TV hat ihn «völkisch» genannt. Das ärgert ihn. Die Identitären Bayerns achteten nämlich genauestens darauf, «dass sich keine Aluhüte, keine Neonazis, ­keine Spinner» in ihre Reihen mischten.

Rund eine Stunde dauert es vom Dorf am Chiemsee, in dem er aufgewachsen ist, bis hierher. Seine Geschichte ist eine, die durchaus abenteuerlich den grossen Kultur-shift, den Paradigmenwechsel, erzählt. Sein Vater war einst extrem links, Hippie, er entzog sich dem Wehrdienst und führte Autos in die Türkei über und trieb sich in der Welt herum.

Sebastian Zeilinger ist selber auch mit einer Protestgeschichte ausgestattet, allerdings andersrum. Als er begann, mit Springerstiefeln und Glatze durchs Dorf zu marschieren, schmiss ihn der Alte raus. Heute sind sie versöhnt, für ihn ist der Vater ein Held. Sebastian ist in der Wandervogelbewegung. Die Zelt­lager, die Reisen, all das machte ihm mindestens ebenso viel Spass wie seinem Vater damals das Kiffen und Jefferson Airplane.

Er studierte in England und in Spanien – als Erasmus-Stipendiat. Eines Abends sassen sie zusammen mit Franzosen, mit Italienern, ­anderen Nationen. «Nur die Deutschen hatten keine Lieder». Sebastian griff zur Klampfe. «Wir haben doch einen gewaltigen Lied-schatz.» Tatsächlich, er sagt «Liedschatz», ein verschollenes Wort, das die «Nie wieder Deutschland»-Fraktion mit ihren «alternativen Projekten» spontan zu ihren Pflastersteinen und ihren Zwillen greifen lassen würde.

Xenophob, islamophob?

Heute arbeitet er für eine grosse Consultingfirma, unter einem Chef, der durchaus Verständnis für seine politischen Aktivitäten zeigt. Zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, um noch einmal die Welt zu bereisen mit seiner Gitarre. Xenophob, islamophob ist er nicht: Usbekistan, Tadschikistan, Georgien – «Was für eine Gastfreundschaft uns überall entgegengebracht wurde, so unverstellt, so herzlich».

Auch nach Syrien zog es ihn für ein paar Wochen ins syrisch-katholische Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi, das von Padre Paolo Dall’Oglio, einem italienischen Jesuiten und Islamwissenschaftler, geleitet wurde. Er hackte Holz, er betete mit den Brüdern und schwieg und genoss die Stille des heiligen Ortes.

Mittlerweile ist das Kloster vom IS zerstört und Padre Paolo entführt worden. Offenbar entging er seiner Ermordung. Anders als Bruder François, dessen Enthauptung die islamischen Verbrecher ins Netz gestellt hatten. Zeilinger erinnert sich an diesen «wunderbaren Ort», und nun hat er Tränen in den Augen.

In der Zwischenzeit hatte er sich in der «Terra Madre»-Bewegung von Carlo Petrini engagiert, dem Vater der Slow-Food-Bewegung, und reiste nach Indien und in die Mongolei, um dortige Projekte anzuschauen. Slow Food heisst: der Nahrung und ihren Produzenten «den wahren Wert zurückgeben».

Zwei Reporter vom Bayerischen Rundfunk haben ihn jüngst durch die Mangel gedreht und ihn in Zusammenhang mit Rechtsextremisten und Nazis gebracht. Über die Reporter recherchierte er: Der eine arbeitet für die linke Jungle World, der andere für eine Antifa-Truppe, die ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Er liess die Sache über sich ergehen.

Anders verhielt es sich mit einem Antifa-­Flugblatt, das nachweisliche Falschbehauptungen verbreitete, vor allem über seinen Bruder. Sebastian Zeilinger hat den Prozess inzwischen gewonnen, nun wird weiter­geklagt gegen Spiegel-TV, das sich in einer ­Reportage auf dieses Infoblatt gestützt hatte.

Dabei geht es den Identitären um nichts anderes als um «Heimat», dieses magische Wort, mit dem Ernst Bloch sein Hauptwerk «Das Prinzip Hoffnung» enden lässt. Der utopische Ort Heimat. Ernst Bloch, der Marxist, der den katholischen Konvertiten Gilbert K. Chesterton den «klügsten Menschen seiner Zeit» nannte. Das waren noch Linke! Es geht Zeilinger und den seinen aber vor allem darum, der Politik zu zeigen, dass sie nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden darf, was mit dieser Heimat passiert. Sie stellen Fragen, die nicht abgebürstet werden sollten.

Zum Beispiel die Lüge von den Fachkräften, die ­inzwischen durch die Realität der Massen­immigration widerlegt ist. Doch selbst wenn die Flüchtlinge, junge Männer im besten Alter, nicht Analphabeten, sondern Fachkräfte wären – wer gibt uns das Recht, diese abzuziehen? «Mittlerweile gibt es in London mehr ghanaische Ärzte als in Ghana», sagt Zeilinger. Da würden sie doch viel dringender benötigt werden.

Jetzt aber erst mal wieder zurück, zur Frau und zu den Kindern und den Bienenvölkern. Vier davon hat er. Aber die Zucht ist mühsam, denn Saatgut wird mittlerweile mit Neonikotinoiden versetzt, und die Wiesen werden schnell abgemäht.

Hier, am Brandenburger Tor, erwies es sich als Vorteil, dass Robert Timm Architektur studiert. Er kann Pläne lesen. Er wusste, dass die Leiter, die an das klassizistische Gebäude neben dem Tor angelegt wurde, mindestens 24 Meter lang sein musste, und dass von dort eine kleinere Leiter, leicht hochzuziehen, genügte, um vor der Quadriga Aufstellung zu nehmen mit dem Spruchband ­«Sichere Grenzen – sichere Zukunft». Wie bitte? Komisch, was Greenpeace damit meint? Ach, ist ja gar nicht Greenpeace! Mit dieser ­Aktion am 27. 8. 2016 meldeten sich die Identitären spektakulär im öffentlichen Raum. «Schlicht widerlich» nannte Bürgermeister Müller die Aktion, die eine Forderung enthielt, die wohl alle Länderchefs der EU bis auf die deutsche Kanzlerin unterschreiben würden.

Später im Restaurant «Borchardt», wo Robert Timm mit seinem Kinnbart, mit seinem grauen ­Pullover zu grauem Hemd unter den Kreativen nicht weiter auffällt, erzählt er von weiteren Aktionen: von der jüngsten Blockade der CDU-Parteizentrale. Oder von der Über­reichung eines Ordens für Schnüffelei im Büro der ehemaligen Stasi-Spionin Kahane, die jetzt im Auftrag des Justizministeriums das Internet nach hate postings durchforstet, die ­alle gemeinsam haben, dass sie regierungskritisch sind.

«So was darf nicht hingenommen werden»

Timm stammt aus dem Osten, er wuchs in einem der Wohnsilos in Marzahn-Hellersdorf auf, die Eltern waren «linksliberal», wie er sagt, später kam dann der Wechsel auf ein Gymnasium in Kreuzberg, wo er die multikulturelle Gesellschaft kennenlernte, die überwiegend aus muslimischen Mitschülern bestand, die seine Freundin, die ein Kind aus einer ersten Ehe hatte, als «Schlampe» bezeichneten.

Er meldete sich zum freiwilligen Wehrdienst. Allerdings stieg er bereits nach einem Jahr wieder aus. Was ihm dort gefiel, war die positive Identifikation mit dem Land, mit der deutschen Nation, in einer Zeit, in der die Regierungschefin «offenbar Schwierigkeiten mit dem Wort Deutschland» hat.

Im Osten sind die Menschen im Allgemeinen patriotischer, sagt er. Er ist mit Liedern wie «Unsere Heimat» gross geworden. «Noch Anfang letzten Jahres war ich ein ganz normaler Bürger», erklärt er über seinem Schnitzel, das ihn noch schmaler aussehen lässt – die haben hier im «Borchardt» die Grösse von Wagenrädern –, und nicht wie den Hasardeur, der er ist, «aber die Normalität ist dahin.» Timm ist sich sicher, dass der Verfassungsschutz sein Telefon abhört, Freunde von ­früher wenden sich ab, seine beruflichen Aussichten sind trübe, denn natürlich werden künftige Arbeit­geber seinen Namen googeln.

Was ihn zu den Identitären gebracht hat? «Der Anschlag auf das ‹Bataclan› in Paris.» Er sass geschockt vor seinem Computer, sah die Bilder im TV und sagte sich: «So was darf nicht hingenommen werden.» «Mittlerweile hat sich ja herausgestellt, dass sowohl diese Mörder wie alle weiteren, die in Deutschland zugeschlagen haben, die offenen deutschen Grenzen genutzt haben.» Früher hätte man Studenten wie Robert Timm wohlwollend für ­einen staatsbürgerlichen Impuls wie diesen belobigt, als Linken auf alle Fälle; als Rechter wird er kriminalisiert, denn nichts anderes bedeutet eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

«Aber wir können doch nicht einfach kapitulieren», sagt er. «Wir können keine Zustände wie in Frankreich hinnehmen. Wir müssen um unsere Identität kämpfen.» Houellebecqs Roman «Unterwerfung» hat ihn überzeugt, auch Sarrazin, «dieser typische Preusse mit allen Tugenden wie Ordnungsliebe, Sparsamkeit und diesem Glauben an Recht und Pflicht». Selbstverständlich kennt er alle Bücher des ehemaligen Berliner Senators und Bundesbankers.

«Die Linken wollen ständig den neuen ­Menschen formen, die Rechten nehmen ihn so, wie er ist, sie sind realistischer», sagt er zum Abschied.

Und die Rechten leben gefährlicher. Und weit unbequemer.

Warm leuchten die Fenster der zweistöckigen klassizistischen Villa auf den nächtlichen Schlossplatz in Badenweiler. Bücherwände sind in beiden Stockwerken zu sehen. Rüdiger Safranski, der Philosoph und Bestsellerautor, hat Freunde zum Essen geladen, den Schweizer Künstler Beat Toniolo mit seiner Leipziger Freundin Diana und mich als Hereinplatzenden.

Vor Jahren haben die Safranskis diese Villa gekauft, purer Zufall, Liebe auf den ersten Blick. Gebaut worden war sie um 1860, in einer Zeit, als die reichen Russen hierher zur Kur ­kamen: die kühle Luft aus dem Schwarzwald, die warme aus dem Oberrheinbecken – die perfekte Sommerfrische.

Nicht für alle allerdings. Anton Tschechow kam hierher, um seine Tuberkulose auszukurieren. Er starb hier mit 44 Jahren, 1904. Das Tschechow-Museum liegt ein paar Meter weiter. «Er hätte wohl Sankt Moritz wählen sollen, irgendeine Höhenlage.» Safranskis Frau Gisela, Übersetzerin und Verlegerin, hat Confit de canard zubereitet. Die Gäste, der Schweizer Künstler Toniolo und seine Freundin, haben Käse vom Käsepapst mitgebracht. Ich, auf Durchreise zu ­einem Vortrag in Konstanz, habe gerade noch einen Weihnachtsstern erwischt und eine Schachtel Pralinen. Wunderbarer Rotwein, ein Rioja, aufgeräumte Stimmung.

Gleich mit der Tür ins Haus, gleich zum Thema: die Identitären. Safranski kennt die Truppe nicht, aber ihm fällt ein masurischer Witz dazu ein:

«Ruft die Oberinspektion aus Königsberg beim Polizisten in dem Flecken Skaluschken an und fragt: ‹Ist bei euch ein Broschat ansässig, der mit dem von uns wegen Diebstahls gesuchten Broschat identisch ist?› Sagt der Dorfpolizist: ‹Also unser Broschat hier, der steigt den Weibern nach und säuft, und er klaut Hühner, und mich tät’ es nicht wundern, wenn der Lump auch noch identisch wäre.›»

Übermütiges Gelächter; jetzt aber im Ernst, die Identitären! Ich erzähle von meiner Reise, von Martin Lichtmesz, dessen Buch Safranski interessiert, und von den Wiener Identitären.Die Parallele zu den Frühromantikern findet Safranski, der zur «Romantik», dem «deutschen Gefühl», einen Bestseller geschrieben hat, nicht abwegig: gesellschaftskritisch, Kämpfer gegen die anbrechende Moderne mit ihren Nützlichkeitsidiotien, gefühlsbetont, für Vaterland und Glauben und alles, was dem anbrechenden Maschinenzeitalter irrational schien. Und dennoch wichtig ist.

Vorzügliche Ente

Eine muntere, eine heftig diskutierende Tafelrunde, es geht um Grenzen, die Künstlerfreundin fände eine grenzenlose Welt schön. Safranski kübelt das Eiswasser der Realität über diese Hippievision: Ein Staat brauche Grenzen, sonst sei er nicht lebensfähig. Im Übrigen brauche er auch mentale Grenzen, kulturelle Grenzen, und im Moment sehe es ganz danach aus, als ob wir nicht mehr die Kraft dazu hätten.

Weil wir nicht wissen, wer wir sind?

Die Ente ist vorzüglich, der Wein ebenfalls, ich rede mit Toniolo über den unsterblichen Otto Sander, mit dem er und Safranski eine Schiller-Performance an den Rheinfällen orchestriert hatten. Schiller, der den Marquis von Posa in seinem «Don Karlos» sagen liess: «Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!»

«Mit dieser Freiheit ist es nicht weit her in der gegenwärtigen Situation», sage ich, denn die im Urteil der politischen Meinungsmacher falschen Gedanken werden samt ihren Denkern der öffentlichen Ächtung preisgegeben.

Wie es auch bei Rüdiger Safranski der Fall war, den ich im Herbst letzten Jahres auf dem Höhepunkt der Willkommenskultur nach einer seiner Lesungen befragt hatte. Er war angesichts der Kolonnen von Migranten dagegen, dass «unser Land ­geflutet wird». Was sofort den Berliner Tagesspiegel auf den Plan rief, der in dem «fluten» eine Nazivokabel entdeckt haben wollte. Rüdiger Safranski lacht. «Mir war das ­einfach zu blöde, diese unsägliche Verwandlung des Politischen in einen evangelischen Kirchentag.» «Es ist rechts», sagen sie? Na und! «Diese Annahme, dass es nur ‹links› geben dürfe, ist doch absurd. Wo ‹links› ist, gibt es auch ein ‹rechts›. Wir sollten uns nicht ständig dafür entschuldigen, dass irgendeiner irgendwas rechts findet.»

Mittlerweile gehe es tatsächlich um die Verteidigung der Freiheit, um unsere Freiheit, zu leben, wie wir wollen, mit allen Errungenschaften der Aufklärung, Freiheit der Meinung, der Partnerwahl, der religiösen und gesellschaftspolitischen Überzeugungen, alles, was es im Islam nicht gebe. Frankreich stehe bereits auf der Kippe, und wir müssten aufpassen.

«Aber der Köppel von der Weltwoche», wirft Toniolo ein, «das ist . . .» «Köppel ist ein hochintelligenter Autor, der ein ansprechendes Blatt macht», unterbricht ihn Safranski.

Und dann reden wir über die Uhren, die ­Toniolo entworfen hat. Über die Kollektion «Safranski», für die der Denker seinen Namenszug hergegeben hat, und wir albern, und wir beweisen uns damit, dass man erbittert diskutieren kann, ohne gleich zu «entfreunden», wie es auf Facebook, diesem Kommunikationsmedium, das zur überwachten Region geworden ist, üblich wurde.

Und wir lachen über Safranskis Titel zu ­einem Vortrag, den er demnächst halten wird: «Ist Heidegger noch zu retten?» Was auf den ersten Blick klingt wie eine Psychiatrisierung des Philosophen, ist in Wahrheit als politische Provokation gedacht: Ist der politisch belastete Heidegger noch zu retten als Impulsgeber?

Safranski hat vor vielen Jahren eine umfangreiche und tiefe Biografie über diesen «Meister aus Deutschland» geschrieben und in dessen grossartiges, meditatives Philosophieren eingeführt. Ohne die Tragik von Heideggers Selbstverrat zu verschweigen, als er kurzfristig in die Faschismus-Begeisterung einlief und das Sein, seine Existenzphilosophie, die dem Einzelnen und seiner Weltwahrnehmung galt, auf ein Kollektiv übertrug und hochfeierte.

Wir sitzen lange zusammen in dieser Nacht, bis ein Blick auf die Safranski-Uhr zum Aufbruch drängt.

«... da hört der Gesangsverein auf!»

Eine Woche später rufe ich Safranski an, denn ich habe ihm das Lichtmesz-Buch versprochen. Es ist noch nicht da, aber er hat sich – oberflächlich – mit den Identitären vertraut gemacht. «Eine interessante Gruppe, weil sie älteste und neueste Philosophie zusammenbringt.» Klar würden sie nach rechts aussen abgestellt, aber was heisse das schon? Dass es nur «links» geben dürfe? Das hatten wir schon.

Einen Einwand hat er dennoch. Nämlich ­seine Aversion gegen Kollektive. Möglicherweise hängt die auch mit seinem neuen Buchprojekt, seiner momentanen Reflexionsrichtung zusammen. Titel: «Der Einzelne».

Als Einzelner tritt Luther Gott gegenüber. Als Einzelner zieht sich Montaigne im fran­zösischen Bürgerkrieg in seinen Turm zurück. Der Einzelne feiert sich in der Renaissance. Möglicherweise eine Identifikationsfigur für Safranski, den mutigen Einzelnen in der ­gegenwärtigen Gegen-rechts-Hysterie.

Und dann die Safranski-typische Pointe: «Wo der Einzelne beginnt, da hört der Gesangsverein auf!»

Und prompt fällt mir der melancholische Martin Lichtmesz ein, der seinen identitären Freunden als Ideengeber gilt, aber nicht Teil der Identitären sein will.

Ein Einzelner eben.

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