Editorial

Rom

Die Ewige Stadt und 
das Geheimnis Italiens.


Von Roger Köppel

Kürzlich verbrachten wir mit der Familie ­eine Woche in Italien, ein grossartiges Land. Die Reise von Lugano via Mailand nach Rom dauert etwas über drei Stunden. Fast ­vibrationslos pfeilen die italienischen Hoch­geschwindigkeitszüge mit rund 300 Stundenkilometern an gelegentlichen Toskana-Hügeln vorbei durch die Landschaft. Wenn die Flug­gesellschaft Alitalia am Bankrott laboriert, dann auch deshalb, weil mit solchen Zügen (pünktlich) das Fliegen keinen Sinn mehr ergibt.

Ich gebe zu: Das erste und bisher letzte Mal war ich vor siebzehn Jahren in Rom zu einem Interview mit Ridley Scott und Russell Crowe, als der fabelhafte Römerfilm «Gladiator» herauskam. Es ist dieser Monumentalfilm, bei dem in der Eröffnungsszene die Legionen von Russell Crowe mit gewaltigen Kampfmaschinen in ­einer Lichtung ausserhalb von Wien in Stellung gehen. Aus sicherem Abstand beobachtet der greise Asketen-Kaiser Marcus Aurelius auf seinem Pferd die Schlachtordnung – mit Tränensäcken und schweren Alkoholikerfurchen grandios, wenn auch nicht ganz originalgetreu gespielt von Richard Harris.

Dann marschieren aus den Wäldern unter Huronengebrüll die Germanen auf, furchterregend bemannte Lederjacken mit langen Haaren und langen Bärten, Hells Angels der Antike, auf Schilde trommelnd und Drohungen in den Himmel werfend. Der donnernde Auftakt in­spirierte den genialen britischen New Yorker-­Filmkritiker Anthony Lane in seiner damaligen Rezension zu einer unvergesslichen Einstiegspointe: «Und für einen Moment wissen die ­Römer nicht, ob sie die Germanen zu ­Tode ­steinigen oder zu Tode rasieren sollen.» Sie metzeln sie schliesslich Mann gegen Mann mit ihren Kurzschwertern nieder.

Es war ein insgesamt beeindruckender Streifen.

Was soll ich sagen? Das heutige Rom ist imposant, umwerfend. Für den Neuling eine Überforderung. Fast an jeder Strassenecke steht ein Monument. Das alte antike Zentrum wurde bereits vor über 1500 Jahren von den Vandalen verwüstet. In einem Geschichtsbuch aber lese ich, dass die grössten Verheerungen von den Italienern selber in der frühen Neuzeit angerichtet wurden, als sie tonnenweise Marmor und Baumaterial aus den Palästen und Kaiserforen klopften; die einstige Welthauptstadt des Imperiums als gewaltiges Ersatzteillager für die Päpste, die auf den Trümmern jener Gladia­torenarena, wo Nero angeblich die Christen ­abschlachten liess, den Vatikan erbauten.

Natürlich war es purer Wahnsinn, «Roma ­eterna» mit unseren drei Kindern zwischen zweieinhalb und sieben zu erforschen. Das ­Kolosseum schafften sie knapp. In den Ruinen des fantastischen Domitian-Palasts auf dem Palatin, daher der Name, wo die Schergen Cäsars einst Ciceros Villa einäscherten, schliefen sie meckernd auf einem Steinhaufen ein, von dem uns ein Australier erzählte, an dieser Stelle habe sich einst das Hippodrom oder der zauberhafte Lustgarten dieser prächtigen Palastanlage befunden. Spätestens hier oben, beim Überblick auf diese seit Jahrtausenden bröckelnde, gigantische Trümmeroase, in die ich laufend mein aus zahllosen Sandalenfilmen zusammen­gestückeltes Halbwissen projizierte, wurde uns klar, wo das tiefere Geheimnis Italiens liegt.

Es ist ein Witz, wenn wir Nordeuropäer glauben, dass es uns dank der EU, dem Euro oder ­anderen modischen Konstruktionen gelingen könnte, dieses mit seiner Weltkultur­geschichte so innig verwachsene Land auf die freudlose Hektik unseres blass-protestan­tischen Lebensstils umzupolen.

Natürlich sind die Italiener tüchtig. Ich er­lebe es im Tessin, wenn sich die Strassen in Richtung Lugano morgens bereits ab fünf Uhr dreissig mit Fiats aus den Grenz­regionen füllen. Auch waren in der Baufirma meines Vaters viele fleissige Arbeiter aus Italien tätig, so dass bei uns zu Hause der Name Schwarzenbach mit seiner berüchtigten «Überfremdungsinitiative» zu den wenigen politisch motivierten Wutausbrüchen führte, an die ich mich erinnern kann. Die Italiener sind gschaffig, klar, aber wir müssen uns bewusst sein, was es bedeutet, aus einem Land zu kommen, das wie kein anderes die ­Erbmasse unserer Zivilisation verkörpert.

Es ist tatsächlich so: In Rom lagert die DNA des Westens, ein Jurassic Park der Hochkultur, in dem Alt und Neu unentwirrbar miteinander verwoben sind. Wussten Sie, dass die katho­lischen Kirchen grundrissmässig alten römischen Kaiserpalästen nachempfunden wurden? Ist Ihnen bekannt, dass die frühen Päpste den Ehrgeiz hatten, die unchristlichen Römer nicht nur religiös, sondern vor allem auch punkto Glanz und Architektur zu überflügeln? Es war ein Wettlauf der Bombastik mit einem Gegner, der längst von der Weltbühne abgetreten war, aber aus dem Jenseits noch immer die Mass­stäbe vorgab, an denen die Nachfolger verzweifelten.

Der erste christliche Kaiser Konstantin liess seine erste grosse Kirche in Rom 313 auf dem Areal der Reitertruppen seines politischen ­Widersachers und geschlagenen Mitkaisers Maxentius errichten. Dass sich heute auf dem Kapitol die hochaufragende Reiterstatue des bereits erwähnten Stoikers auf dem Kaiserthron, Marc Aurel, befindet, ist allerdings ­einem Missverständnis zuzuschreiben. Die ­damaligen Italiener glaubten, in diesem Standbild den Christen Konstantin vor sich zu haben. Hätten sie gewusst, dass es sich um den Heiden Marcus Aurelius handelte – schon vor Jahrhunderten hätten sie ihn eingeschmolzen. Nicht­wissen kann ein Vorteil sein.

Die Italiener bewohnen die grösste Schatzkammer der Welt. Das macht gelassen, entspannt selbstbewusst und vielleicht auch ein bisschen träge. Wir nennen es Eleganz. Es ist auch heiss. Sie haben es nicht mehr so nötig, ­jenen ­sterilen Ehrgeiz zu entwickeln, der die ­In­dustrien des Nordens antreibt. Während wir zum Überleben in die Welt ausschwärmen und uns immer wieder neu erfinden müssen, pilgert die Welt seit Jahrhunderten nach Italien, um in den Trümmern das Urmodell unserer Zivilisation zu bestaunen. Italien ruht in sich selbst, und es ist viel reicher, als wir glauben.

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