Editorial

Pragmatiker Trump?

Vorsicht, eine faire 
Zwischenbilanz.

Von Roger Köppel

Vorweg: Ich bin nicht Pro-Trump, aber ich bin Anti-Anti-Trump. Seit Monaten verfolge ich einigermassen amüsiert die anhaltend schrille Medienkampagne gegen den US-Präsidenten.

Mit Berichterstattung hat das nichts mehr zu tun. Die Journalisten wollen einfach einen Politiker, den sie nie gemocht haben, mit der Brechstange wieder aus dem Amt schreiben. Man spürt die lauernde, sprungbereite Feindseligkeit. Beruhigend für die Amerikaner: Sie wissen, dieser Präsident, auf den alle Zielfernrohre gerichtet sind, kann sich nun wirklich keinen Fehltritt leisten.

Hat es einen Skandal gegeben, der die voraus­eilenden Alarmschlagzeilen rechtfertigen würde? Nein. Noch nicht. Nur zur Erinnerung: Das angesehene Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnete Trump zunächst als Wahnsinnigen, dann als auf die Erde zukrachenden Feuerball, schliesslich als Säbel-Terrorist, welcher der Freiheitsstatue den Kopf abschneidet. Eine der jüngsten Ausgaben zeigt Trump mit Nord­koreas Diktator Kim Jong Un, in Windeln vereint auf einer Atombombe reitend. Vielleicht wirken die virtuosen Gaga-Motive irgendwann entkrampfend auf ihre Urheber.

Die Wahrheit ist: Die Trump-Präsidentschaft lässt sich viel normaler und konventioneller an, als die Aufreger der Weltpresse glauben machen wollen. Die Revolution hat nicht stattgefunden. Das Weisse Haus steht noch. Kurz nach seiner Inauguration demonstrierten Zehntausende Frauen gegen den neuen Präsidenten. Bekanntere Schauspielerinnen traten auf, die in den Strassen Washingtons bereits «Hitler» zu «riechen» glaubten. Von diesen skurrilen Episoden ist nicht mehr als die peinliche Erinnerung geblieben. Trump betreibt, bis jetzt, eine ziemlich traditionell republikanische Politik. Gegen journalistische Voraussagen erweist er sich als durchaus beweglich und lernfähig, was ihm die gleichen Journalisten natürlich um­gehend als Mangel an Linientreue vorwerfen. Er kann wirklich machen, was er will.

Seine Stärke: Er wirkt echt. Seine Wähler glauben bei ihm zu wissen, woran sie sind. Seine Wendemanöver und handwerklichen Patzer scheinen sie nicht zu stören. Zwar hat Trump keine berauschenden Sympathiewerte, gesunde Skepsis herrscht, aber seine Wähler halten ihm nach wie vor mit beeindruckender Konstanz die Treue. Wohltuend hebt er sich ab vom sterilen Elitengeschwafel der etablierten Politik. Dass er sich der lähmenden politischen Korrektheit verweigert, dürfte sich für viele seiner Freunde, aber auch Gegner wie eine ­geistige Frischtluftzufuhr anfühlen. Ein amerikanischer Komiker bemerkte kürzlich, jede Trump-Pressekonferenz habe mehr Unterhaltungswert als eine Oscar-Verleihung. Es war als Lob gemeint.

Natürlich war Reagan ein anderes Kaliber, aber es war auch eine andere Zeit, eine andere Welt. Trump macht seine Sache bis jetzt aber auch nicht so schlecht. Innenpolitisch: Er bemüht sich, seine Wahlversprechen umzusetzen. Er tritt an, die Kriminalität in den Innenstädten sowie die illegale Migration von Menschen und Drogen aus Mexiko zu stoppen. Ist jemand dagegen? Ob es dazu eine Mauer braucht oder ob wir es hier mit einer blumigen Veranschaulichungsmetapher eines im US-Showgeschäft ­gestählten Entertainers zu tun haben, werden wir sehen.

Dass Trump die Grenzen auch gegen Islamisten sichern will, ist kein Verbrechen. Sein neustes Projekt ist eine umfassende Steuerreform, die Steuern senken und das System vereinfachen soll. Aus bürgerlicher Sicht darf man das begrüssen. Ebenso wenig ist es ein Fehler, wenn er mit seinen Plänen durchdringt, die Wirtschaft durch Deregulierung zu entfesseln. Wie Journalisten darauf kommen, solche solidkonservativen Vorhaben mit dem Schwefelhauch des Diabolischen zu umnebeln, zeigt nur, wie hoffnungslos parteiisch die ­Medien geworden sind.

Selbstverständlich, es gibt auch Rückschläge. Trump strandete mit seinem Vorhaben, die verhasste Obama-Gesundheitsreform durch ein besseres System zu ersetzen. Die Medien machten daraus ein grosses Waterloo. Zu Unrecht. Erstens brauchte Obama vierzehn Monate, um Obamacare durch den Kongress zu bringen. Trump ist erst vierzehn Wochen im Amt. Zweitens war es nicht Trumps Fehler, dass sich ein paar Rechtsaussen-Republikaner der Tea Party querstellten. Gut, lassen wir ihm einen Teil der Schuld. Dann aber müsste man fairerweise auch er­wähnen, dass Trump seinen Kandidaten Neil Gorsuch für den Obersten Gerichtshof trotz massiven Störmanövern der Demokraten erfolgreich ins Amt brachte.

Aussenpolitik: Trump trat als Erneuerer des Nationalstaats an. Amerika zuerst! Sein Wahlkampf war eine Absage an die Cowboy- und Weltpolizistenpolitik seiner Vorgänger mit ihren «desaströsen Kriegen». Die ­Medien zeichneten Trump daraufhin als fürchterlichen Isolationisten, der seine Verbündeten im Regen werde stehenlassen. Noch nichts dergleichen. Trump hatte recht, als er die Nato-Staaten mahnte, mehr Geld in ihre Verteidigung zu investieren. Seine rhetorische Abrüstung gegen Putin und Russland war mutig und vernünftig. Auch gegenüber China hat sich Trump gemässigt. Sein Ziel ist Zusammenarbeit, um den Atombomben-Zündler in Nordkorea einzudämmen. Richtig fand ich auch seinen dosierten Militärschlag gegen das Mörderregime des syrischen Diktators Assad. Die Amerikaner können es nicht zulassen, wenn kriminelle Regime mit terroristischen Chemiewaffen hantieren, die sie gar nicht ­haben dürfen.

Gewiss: Trump bleibt unberechenbar, Misstrauen ist Pflicht. Aber insgesamt überwiegt der Eindruck, dass das Amt den Mann verändert hat und nicht der Mann das Amt. Von seinen protektionistischen Plänen, die verheerend ­wären für Amerika, ist nichts mehr zu hören. Zum Glück. Pragmatiker Trump? Vielleicht ­haben wir ihn alle etwas unterschätzt.

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