Editorial

Ironie

Eine Ehrenrettung.


Von Roger Köppel

Ironie hat derzeit keine gute Presse. Der ­Ironiker gilt typischerweise als verantwortungsloser Schwätzer, als einer, der nichts ernst nimmt, alles belächelt, sich selber versteckt hinter einer Haltung angeblich humorvoller Überlegenheit, die am Ende aber nur die Weigerung oder Unfähigkeit ist, Stellung zu beziehen. Ironie, so beschreibt sie ein Kollege, sei die «Feigheit der Intellektuellen». Eine deutsche Band bezeichnete Ironie kürzlich als «Volkskrankheit».

Das hat sicher etwas. Ironie als Pose kann ermüden. Die neunziger und frühen 2000er Jahre waren ein ironisches Jahrzehnt. Es herrschte intellektuelle Partystimmung. ­Ironische Politiker von Bill Clinton bis Gerhard Schröder setzten, surfend zwischen links und rechts, den Ton. Auch die Schweiz – «La Suisse n’existe pas» – wurde ins Säurebad der Ironie gestürzt. FDP-Präsident Franz Steinegger wollte den Freisinn ironisch zur «neuen Linken» formen. Die deutsche FDP trat mit einem «Spassmobil» zum Wahlkampf an. Ironisch in den Untergang.

Wagen wir trotzdem eine Ehrenrettung. Ich orientiere mich am amerikanischen Philosophen Richard Rorty (1931–2007), den ich bereits vor Ostern kurz vorstellte. Rorty prägte den Begriff des «liberalen Ironikers». Er meinte damit nicht Menschen, die sich über alles ­lustig machen. Er hielt kein Plädoyer für fröhliche Beliebigkeit. Rorty definierte den Ironiker als jemand, der aus guten Gründen den Anspruch aufgegeben hat, «die Wahrheit» zu besitzen. Unter «Wahrheit» in diesem Sinn verstand Rorty Aussagen, die «objektiv» wahr sind, unabhängig vom Standpunkt des Betrachters. Rorty behauptete nicht, es gebe ­keine solchen Wahrheiten, aber er argumentierte, sie seien für den Menschen unerreichbar.

Ich teile Rortys Auffassung. Auch ich würde mich als «liberalen Ironiker» bezeichnen. Es ist Unsinn, wenn einer behauptet, er habe «die Wahrheit» auf seiner Seite. Das ist im harm­losen Fall lächerlich, in der Politik mitunter gefährlich. Was wir als Wahrheit bezeichnen, ist ausschliesslich das Ergebnis von Auseinandersetzungen und Kämpfen, an deren Ende wir uns nach bestimmten Regeln darauf ge­einigt haben, etwas bis auf weiteres für wahr zu halten. Jede dieser relativen Wahrheiten kann schon morgen durch eine neue relative Wahrheit ersetzt werden. Wahrheiten werden nicht entdeckt, sie werden von Menschen sprachlich gemacht.

Der Ironiker lebt folglich immer unter dem Schatten des Zweifels. Er kann nie sicher sein, dass er richtigliegt. Leute, die vorgeben, im Namen Gottes, der Vernunft, der Wahrheit oder der Menschheit zu sprechen, haben diesen Zweifel betäubt, indem sie sich auf höhere Instanzen berufen. Der liberale Ironiker vertraut nicht auf übergeordnete Mächte, an die er sich anlehnt, er muss die Verantwortung für seine Positionen selber tragen. Ironiker setzen auf möglichst offene Diskussionen. Ihre Staatsform ist die Demokratie.

Es gibt aber auch Leute, die sich mit höheren Instanzen panzern. Ich nenne sie Ideologen, Fanatiker. Ideologen sind beispielsweise der Meinung, sie hätten «das Wesen der Menschen», «die Gesetze der Geschichte» oder «die Essenz der Wirklichkeit» durchschaut. Sie ziehen sich die Grossbegriffe wie Rüstungen an, um andere einzuschüchtern. Als Erleuchtete, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, wollen sie nicht mehr diskutieren, sie wollen befehlen. «Wer Menschheit sagt, will betrügen», lautet ein kluger Satz. Das stimmt. Was Menschen sagen und erzählen, ist immer nur relativ wahr, Ausdruck einer beschränkten Sicht.

Nun aber zu einem heiklen Punkt: Wenn meine Überzeugungen nur relativ und Ausdruck meiner eigenen beschränkten Sicht sind, lohnt es sich dann überhaupt, sich ­mutig für sie einzusetzen? Zugespitzt: Müssen nicht auch die Ironiker spätestens dann zu Ideologen oder gar zu Fanatikern werden, wenn es darum geht, jene Grundwerte und Institutionen zu verteidigen, dank denen sie überhaupt demokratische Ironiker sein ­können? Solche Fragen sind öfters zu hören, vor allem seit islamistische Terroristen westliche Staaten angreifen. Politiker fordern, dass wir «unsere Grundwerte» entschiedener verteidigen sollen.

Dagegen ist nichts einzuwenden, solange «entschiedener verteidigen» nicht darauf ­hinausläuft, dass wir das, was wir als unsere Grundwerte bezeichnen, sozusagen unironisch betonieren, zum Dogma versteinern. Als liberaler Ironiker bin ich dafür, dass strafbare Handlungen konsequent verfolgt und bestraft werden. Aber ebenso entschieden bin ich da­gegen, dass man anfängt, unliebsame Meinungen unter Strafe zu stellen.

Selbst angesichts von Bedrohungen sollten wir auf keinen Fall unsere Freiheit einschränken, alles immer wieder in Frage stellen zu dürfen. Ich sage das nicht, weil ich davon überzeugt wäre, eine objektive Wahrheit zu verkünden, sondern weil ich überzeugt bin, dass der Schaden, den eine solche Selbstbeschneidung verursachen würde, grösser ist als der Nutzen, den sie brächte.

Und ja, selbstverständlich können Menschen furchtlos für Werte und Institutionen kämpfen, auf die sie sich selber geeinigt ­haben. Der berühmte liberale Ökonom Joseph Schumpeter (1883–1950) formulierte: «Die Einsicht, dass die Geltung der eigenen Überzeugungen nur relativ ist, und dennoch unerschrocken für sie einzustehen, unterscheidet den zivilisierten Menschen vom Barbaren.» Der legendäre Schweizer FDP-Nationalrat und Direktor des Gewerbeverbands Otto Fischer (1915–1993) drückte es so aus: «Wenn ich zu 51 Prozent von einer Sache überzeugt bin, setze ich mich zu 100 Prozent dafür ein.»

Unsere höchsten Hoffnungen und Ziele werden nicht weniger erstrebenswert, nur weil sie uns nicht von angeblich übergeordneten Instanzen eingeflüstert wurden. Aber ist nicht genau dies ironische Schwäche, Beliebigkeit, Wischiwaschi? Keineswegs. Ironiker sind stärker als Ideologen, weil sie keinen höheren Beistand brauchen, um für ihre Überzeugungen einzustehen.

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