Editorial

Trump, Hitler

Was wir aus dem Aufstieg des Massenmörders lernen können.

Von Roger Köppel

Eben kehre ich zurück von einem Ausflug mit der Familie zu den mächtigen mittelalterlichen Burgen in Bellinzona, wo einst die Durchgänge zum Gotthard bewacht wurden. Wir verbringen unsere Ferien im Tessin, bei grossartiger Sonne und viel Wind (kein Schnee). Im Wohnzimmer fällt mein Auge auf die letzte Ausgabe der New York Review of Books, einer angesehenen, wenn auch kleinauf­lagigen, prononciert linken, aber intelligent linken Publikation, die ich immer wieder mit Gewinn und manchmal sogar mit Zustimmung lese.

In der jüngsten Ausgabe findet sich ein ­Aufsatz des renommierten amerikanischen Historikers Christopher Browning, der sich schwerpunktmässig mit den Verbrechen der Hitler-Diktatur und dem Völkermord an den Juden auseinandergesetzt hat. Hier geht er der Frage nach, welche Lehren wir heute aus dem Aufstieg Hitlers an die Macht ziehen können. Und natürlich kommt der Autor, wie es mittlerweile fast Mode geworden ist, auch auf den neuen US-Präsidenten Trump zu sprechen.

Gewiss: Trump ist für Browning kein neuer Hitler, so einen Blödsinn schreibt er nicht. Und doch fallen ihm Parallelen auf. Auch ­Hitler habe gegen die «alten Eliten» gewütet. Sein Zielpublikum seien die durch eine ­Wirtschaftskrise verarmten Mittel- und ­Unterschichten gewesen – Trumps «forgotten men». Wie Trump sei Hitler als politischer Aussenseiter ausgelacht und unterschätzt worden. Die konservativen deutschen Führungsschichten hätten den skrupellosen ­Aufsteiger genauso wenig unter Kontrolle ­gehabt wie heute die konservativen Republikaner den blonden Milliardär. Sowohl Trump als auch Hitler hätten ihren Wählern das Blaue vom Himmel versprochen, vor allem die Rückgewinnung alter «nationaler Grösse».

Brownings Lehre lautet: Auf keinen Fall dürfe man Leute wie Trump unterschätzen. Wichtig sei, den wirtschaftlich Verzweifelten beizeiten wieder Arbeit zu geben. Den «konservativen Eliten» rät er, sich nie mit Aussenseitern einzulassen, die sie zu beherrschen hoffen. Das Entscheidende aber sei, dass man Angriffe auf die Demokratie von Anfang an entschlossen bekämpfe. Viel zu lange habe man Hitler gewähren lassen. Browning endet zuversichtlich mit einem Blick auf die Stabilität der amerikanischen Institutionen.

Ich will mich nicht auf eine Detailkritik ­dieser Diagnosen einlassen. Normalerweise geht es Leuten, die lebende Politiker mit Hitler in Verbindung bringen, nicht um nüchterne Analyse, sondern um Polemik. Sie wollen anschwärzen und beleidigen, auch einschüchtern und predigen, um sich selber zu erhöhen. Dass Browning diese Ziele verfolgt, will ich ihm nicht unterstellen. Wenn wir aber seine Fragestellung ernst nehmen – Was können wir ­heute aus dem Aufstieg ­Hitlers lernen? –, dann fehlt seiner Darstellung ein entscheidender Aspekt, der ausschlaggebend war für den Aufstieg und das Unheil, das Hitler verbreiten konnte.

Ganz allgemein lautet die Theorie, «die Deutschen» hätten in einem kollektiven Akt der Verblendung, aus niederen Instinkten oder aus einem Mangel an Zivilcourage Hitler an die Staatsspitze gehoben. Diese Behauptung begegnet einem immer wieder. Nach wie vor wird sie als Beleg dafür verwendet, dass man aufpassen müsse mit Volksentscheiden. Dem Volk sei eben nicht zu trauen, es habe ja auch Hitler gewählt. So wie heute eben Trump.

Diese Theorie ist falsch. Hitler wurde nicht vom Volk an die Macht gewählt. Solange es in Deutschland eine noch einigermassen funk­tionierende parlamentarische Demokratie gab, erreichte seine Partei nicht mehr als gut 30 Prozent aller Stimmen; Tendenz zuletzt sinkend. Das ist viel, aber mehr als 60 Prozent der deutschen Wähler waren gegen ihn. Noch im April 1933, als Deutschland bereits eine ­halbe Diktatur war, kamen die Nationalsozialisten nur dank massivem Gewalteinsatz auf über 40 Prozent der Stimmen. Hitler hatte die demokratische Mehrheit gegen sich, obschon Teile des Staatsapparats schon sklavisch seinem Willen gehorchten.

Browning verkennt den wesentlichen Punkt, vielleicht eben deshalb, weil es ihm nicht darum geht, Hitlers Aufstieg zu verstehen, sondern Trumps Wahl zu diskreditieren.

Das Bemerkenswerte an Hitlers «Machtergreifung» war gerade, dass er die Macht gar nicht ergreifen musste, sondern dass sie ihm durch eine klitzekleine Minderheit an der Spitze des deutschen Staats so bereitwillig wie undemokratisch ausgehändigt wurde, und zwar am Volk vorbei. Nur ein kleiner Kreis um die altgedienten konservativen Adeligen von Hindenburg, von Papen und von Schleicher – den die Nazis später kaltblütig umbrachten – schob Hitler in die Regierung. Die überheblichen Aristokraten glaubten, den «Führer» führen und zähmen zu können. «Wir schaffen das», lautete schon damals die Trugformel sinngemäss.

Nicht das Volk, ein kleiner elitärer Zirkel gab Hitler die Macht. Und auch die endgültige ­Beseitigung der alten demokratischen Ver­fassung wurde nicht vom Volk verfügt. Es war das Parlament, welches am 24. März 1933 das so genannte Ermächtigungsgesetz, im schöngefärbten Originalton «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich», absegnete. Die Politiker, nicht die Stimmbürger installierten Hitlers Diktatur.

Natürlich gab es Druck, Erpressung, kriminelle Methoden, aber Hitler holte sich die Zweidrittelmehrheit im Reichstag dank allen bürgerlichen Abgeordneten; darunter auch ­Liberale wie der spätere Bundespräsident Theodor Heuss. Nicht das Volk, die Politiker gaben Hitler die Instrumente in die Hand, mit denen er sein Terrorregime errichten konnte.

Was also ist die entscheidende Lehre aus ­Hitlers Aufstieg? Browning bleibt an der Oberfläche. Man muss tiefer bohren.

Die alte deutsche Demokratie hatte nicht zu viel, sondern zu wenig Kontrolle und Mitwirkung durchs Volk. Die Politiker hatten zu viel Macht. Sie durften sogar die demokratische Verfassung durch eine Diktatur ersetzen, ohne dass das Volk etwas zu sagen gehabt hätte.

Wenn heute Hitler als Chiffre verwendet wird, um die Macht der Stimmbürger zurückzubinden zugunsten der Macht der Politiker, dann ist das ein Missbrauch historischer Erfahrung. Demokratie, und zwar eine möglichst direkte, bleibt das beste bekannte ­Gegenmittel gegen die Hitlers aller Zeiten.

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