Editorial

Mehrheit 
vor Wahrheit

Etwas Philosophie vor Ostern: 
der sympathische Meisterdenker Richard Rorty.

Von Roger Köppel

Pionier des Irrtums: Jean-Jacques Rousseau. Bild: zVg

Vor Ostern dürfen wir uns mit Philosophie beschäftigen. Es ist mir bewusst, dass dieses Fach nicht unbedingt zu den Strassen­fegern des Wissenschaftsbetriebs gehört, sofern es überhaupt eine Wissenschaft ist. Trotzdem verdanke ich der Philosophie interessante Einsichten, Impulse, die mir etwas gebracht haben. Es mag auf den Leser seltsam oder auch selbstverständlich wirken, aber für mich war das, was ich durch die Philosophie lernte, ein echter Augenöffner.

Natürlich tickten in meinem Studium Ende der achtziger Jahre die meisten Professoren und Studenten links, auch wenn es nicht so einseitig war wie heute. Es gab noch, kein Witz, rechte Historiker und sogar bürgerliche Philosophieprofessoren. Doch der Zeitgeist drückte unerbittlich. Man las den Psychoanalytiker Freud, der philosophische Feminismus trumpfte auf, die ­linken französischen Denkschulen nisteten sich ein. Viele brüteten verzweifelt über den Senkblei-Texten von Jürgen Habermas, dem edeldeutschen Grossdenker der anspruchsvollen Kapitalismuskritik.

Auch ich kämpfte, ja nagte mich geradezu durch die schwindelerregenden Formulierungen des deutschen Diskurstheoretikers. Habermas faszinierte mich, präziser: Er forderte mich heraus, vor allem aber wollte ich mir und den anderen beweisen, dass es nicht an mir ­liegen konnte, wenn diese Texte beim besten Willen kaum zu entschlüsseln waren. Es gab so etwas wie einen sportlichen Ehrgeiz, diesen Todesstreifen der Komplexität geistig zu überwinden, ihn robbend zu durchleiden.

Was aber auch gesagt werden muss: Habermas brachte mich auf den amerikanischen ­Philosophen Richard Rorty (1931–2007), einen ungemein eleganten Formulierer und, wie sich bald herausstellte, einen mich viel mehr ansprechenden Denker.

Rorty hatte unkonventionelle Ansätze, die mir gefielen. Seinen Lesern empfahl er zum Beispiel, in den Zeitungen die Literaturkritiken zu studieren, denn dort würden sie mehr über den Menschen und die Welt erfahren als in philosophischen Wälzern. Da ich damals auch Rezensionen für die Zeitung schrieb, sprach mich das natürlich an.

Besonders sympathisch am Sozialdemokraten Rorty fand ich seinen entspannten, ehrlichen Wahrheitsbegriff. Der an der Elite-Uni Stanford lehrende Philosoph plädierte für ­Bescheidenheit und für eine Abrüstung der Begriffe. Niemand habe einen Zugang zur objektiven Wahrheit. Nur die Debatte, und zwar die möglichst kontroverse, schaffe die Möglichkeit einigermassen vernünftiger Entscheide.

Das «Wesen der Dinge» und die «Essenz der Wirklichkeit» würden dem Menschen allerdings notwendig verborgen bleiben. Man solle also erst gar nicht danach suchen.

Alles, was wir wissen, ist relativ, schrieb ­Rorty, abhängig vom Standpunkt des Betrachters. Wir haben nützlichere oder weniger nützliche Theorien. Es gibt Fakten. Aber was wir als Wahrheit zu bezeichnen uns angewöhnt ­haben, sind bestenfalls fundierte Überzeugungen, die irgendwann durch andere, vielleicht nützlichere Überzeugungen abgelöst werden.

Ist das fürchterlicher Relativismus? Schwankende Beliebigkeit? Wischiwaschi? Vielleicht.

Ich mochte Rorty auf Anhieb. Und ich mag ihn noch. Er schrieb an gegen die Eingebildeten und Hochmütigen, gegen die Frommen, die der Meinung sind, ihre persönlichen Ansichten seien objektive Gewissheiten, womöglich auch noch moralisch überragend. Rorty konfrontierte mich, ohne dass er den Begriff verwendet hätte, erstmals mit dem Typus des «Gutmenschen», dessen Technik darin besteht, andere einschüchternd zu ­blenden, indem er für sich Werte und Ideale kapert, die gerade hoch im Kurs stehen.

Der klassische «Gutmensch» will nicht gut handeln, aber gut scheinen. Er ist undemokratisch, weil er glaubt, dass seine Meinung, da wahr, ausserhalb der demokratischen Auseinandersetzung steht. Er ist daher auch nicht daran interessiert, Gespräche zu führen; er will sie beenden, indem er die Leute, die anderer Meinung sind, für dumm oder moralisch minderwertig erklärt. Die Methode ist bekannt, Namen brauchen nicht genannt zu werden.

Demokratie aber, das habe ich von Rorty, ist vor allem Diskussion, ist das möglichst offene Gespräch aller mit allen über alles, was uns beschäftigt. Was wirklich wahr ist, werden wir nicht herausfinden, aber wir müssen akzeptieren, dass die Mehrheit entscheidet. Dieser Entscheid ist nicht zwingend wahr, aber er gilt.

Es gibt Leute, die unter den philosophischen Wahrheitsmängeln der Demokratie leiden. Sie wünschen sich eine wahrere, eine erleuchtete Demokratie. Gegen die Entscheide der Mehrheit rufen sie angeblich höhere Instanzen an, Richter, internationale Gremien, Wahrheits- oder Wächterräte.

Der Philosoph Rousseau (1712–1778) war der grosse Pionier dieses Irrtums. Er unterschied zwischen dem Willen der Mehrheit und dem allgemeinen Willen. Der allgemeine Wille ist der «wahre» Wille, der «höhere» Wille, mit dem sich die erleuchtete Minderheit über die angeblich minderwertige Mehrheit erhebt.

Anti-Demokrat Rousseau setzte Wahrheit vor Mehrheit – und wurde zum philosophischen Helden der Französischen Revolution, die in Lüge, Mord und Blut versank.

Rorty hingegen, der Anti-Rousseau, setzt Mehrheit vor Wahrheit. Das ist seine provozierend gute Kurzformel für die Demokratie. ­Damit wollte er freilich nicht die Lüge demokratisch adeln. Aber er machte mich hellhöriger, wenn diese unsäglichen Wahrheits- und Moral­apostel die Bühne betreten.

Rortys Philosophie ist Aufklärung im besten Sinn. Sie befreit von der gefährlichen Versuchung, die eigene Meinung mit der Wahrheit zu verwechseln.

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