Zeitgeist

Papst Allerlei

Beliebig, gefällig, anbiedernd: An einen Pontifex maximus erinnert der ­Zeitgeistpapst Franziskus immer weniger. Inzwischen fragt er sich sogar selber, ob er der Grund 
für eine Spaltung der Kirche sein könnte.

Von Matthias Matussek

Mit der ihm eigenen erfrischenden Direktheit fragte das britische Wochenblatt Spectator kürzlich auf seiner Titelseite «Has the ­Pope Gone Crazy?» Ist der Papst verrückt ­geworden?

Nicht so weit hergeholt, wie man denken könnte: Tatsächlich hat der argentinische ­Pontifex maximus seit Beginn seiner Amtszeit so viel Verwirrendes, Widersprüchliches und parteipolitisch Provokatives von sich gegeben, dass seine Presseleute mit Korrekturen und empfohlenen Lesarten kaum noch hinterherkommen. Ohne jetzt eine Aussage zu ihrem Wahrheitsgehalt zu treffen – aber wie zum ­Beispiel moderiert man seine Formulierung: «Die Zeitungsleser neigen zur Koprophagie» – der lustvolle Verzehr von Exkrementen?

Und wie erklärt man Widersprüche wie ­diesen: Zu Jahresanfang hatte Franziskus die Bischöfe der Weltkirche zu einer Null-Toleranz-Politik gegen den Missbrauch von Jugendlichen aufgerufen. Das ist nichts, was nicht auch schon sein Vorgänger getan hätte. Einer der über 800 von Papst Benedikt XVI. suspendierten Priester war Pater «Don Mer­cedes» Mauro Inzoli, so genannt wegen seiner Schwäche für flotte Autos. Er hatte auch eine Schwäche für Minderjährige.

Seinen Feinden geht es richtig schlecht

Zwei Jahre nach der Suspendierung erschien «Don Mercedes» wieder auf der Bildfläche. Papst Franziskus hatte den Bann aufgehoben. Als der pädophile Priester erneut der Schweinereien im Beichtstuhl überführt wurde, griffen die italienischen Behörden ein und baten den Papst um Zusammenarbeit. «Null Toleranz»-Franziskus lehnte ab. Freunde sind Freunde, auch Freunde von Freunden; nach dieser Maxime handeln auch andere italienische Vereinigungen.

Und Feinde sind Feinde, und denen geht es richtig schlecht. Offenbar, so ist zu hören, liebt Franziskus im kleinen Kreise Kraftausdrücke, Flüche, nicht druckbare Derbheiten. Hinzu kommt, dass sich seine Wutausbrüche in letzter Zeit häufen. Er liebt es, selbst treueste ­Mitarbeiter zu demütigen. «Demütigung», sagt der Jesuit dann, sei eine wichtige spirituelle Erfahrung, so als hätte er sie aus dem ­berühmten Exerzitienbuch des Ordensgründers Ignatius von Loyola.

Vielleicht hätte er eine andere Regel ernst nehmen sollen. Sie verbietet den Jesuiten, ­höhere kirchliche Ämter anzustreben – es sei denn, der Papst verlange in Einzelfällen ausdrücklich danach. Dann gälte die Gehorsamsregel. Aber wie verfährt man mit einem, der bereits Papst ist?

Insider berichten, dass Bergoglio, so der bürgerliche Name des derzeitigen Nachfolgers ­Petri, anders als Papst Benedikt nur noch von wenigen «Heiliger Vater» genannt wird, und wenn, dann in ironischem Zusammenhang. Etwa: «Wie der Heilige Vater in seiner immensen Weisheit erklärt hat, fressen die Leute ­gerne Scheisse.»

Dass er nicht wie sein Vorgänger hoch über den Kolonnaden in den abliegenden päpstlichen Gemächern residiert, sondern – mit erheblichem finanziellem Mehraufwand – im Gästehaus Santa Marta, ist, so glaubt man mittlerweile, kein Zeichen brüderlicher Bescheidenheit, sondern eine Methode der Kontrolle, um sich schon beim gemeinsamen Mittagessen über die diversen vatikanischen Lager zu informieren.

Mit seinen Feinden macht der Papst kurzen Prozess. Den konservativen Kardinal Raymond Leo Burke, der als Freund des Trump-Beraters und Katholiken Stephen Bannon gilt, enthob er seiner Ämter als Kurienkardinal und Präfekt der Apostolischen Signatur. Kürzlich wurde Burke, auch nicht mehr der Jüngste, vom Papst auf die amerikanische Pazifikinsel Guam geschickt, um «einen äusserst komplizierten Missbrauchsfall aufzuklären, der gros­sen Sachverstand erfordert».

Womit Burke den Papst gegen sich auf­gebracht hat? Er hatte sich mit drei weiteren Kardinälen gegen die von Franziskus beabsichtigte Liberalisierung der katholischen Ehe aufgelehnt, die besonders die Zulassung von Geschiedenen zur Kommunion betrifft.

Nun muss man wissen, dass die katholische Ehe ein zentrales Sakrament ist, ein Zeichen vor allem in unseren Zeiten, in denen jede zweite Ehe geschieden wird. Der Katechismus nennt die Ehe, in der sich die Partner Treue «in guten wie in schlechten Zeiten» versprechen, in dreifacher Hinsicht «unauflöslich». ­Zunächst, weil es dem Wesen der Liebe ­entspricht, sich vorbehaltlos gegenseitig ­hinzugeben; dann, weil sie ein Abbild der bedingungslosen Treue Gottes zu seiner Schöpfung ist. Schliesslich, weil sie die Hin­gabe Christi an seine Kirche darstellt, bis zum Tod am Kreuze. Das Sakrament der Ehe ist also nicht nur ­Hochzeitstorte und Kirchengeläut, sondern ein geweihter Glaubensakt, nach Matthäus 19, 6: «Was aber Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.»

Lieber Atheist «als scheinheiliger Katholik»

Auf den ersten Blick scheint Franziskus’ Lehrschreiben «Amoris Laetitia» die kirchliche Ehemoral zu bestätigen. Die Lockerungen des Eheversprechens sind – man ist versucht zu ­sagen: mit sprichwörtlicher jesuitischer List – in einer Fussnote versteckt. Dass da einige Kar­dinäle Präzisierungsbedarf sahen, ist nur logisch. Sie formulierten die «Dubia», die Zweifel, die mit der Bitte um Klärung der entsprechenden Passagen verbunden sind.

Mitunterzeichner der «Dubia» ist Kardinal Walter Brandmüller, ein Kirchenhistoriker von unbestrittenem Rang. Er liess im Spiegel verlauten, dass die Heilige Schrift kein Selbstbedienungsladen sei. «Wir sind laut dem ­Apostel Paulus Verwalter der Geheimnisse Gottes, nicht aber Verfügungsberechtigte.» Die Kardinäle warten bis heute auf eine Antwort des Papstes.

Ohnehin hat es die Kurie nicht leicht unter diesem Sponti-Hirten, der die Formlosigkeit liebt und die vatikanischen Würdenträger gründlich zu verachten scheint. Es komme, so berichtete kürzlich ein hochrangiger Kurienchef, durchaus vor, dass er Gesetzesvorhaben an allen Gremien vorbei beim Mittagessen ­verabschiede. Unvergessen auch ist die Art, mit der er in seiner letzten Weihnachts­ansprache die gesamte Kurie als Sünder, als träge, scheinheilig und pflichtvergessen abwatschte und ihre Mitglieder Pharisäer nannte, womit er sich wohl als Jesus-Imitator in Szene setzen wollte.

Jetzt sattelte er, der oberste Seelsorger und Lehrer der katholischen Kirche, noch einen drauf, als er erklärte, dass heute viele lieber Atheist seien «als scheinheiliger Katholik». Dabei hat er sich soeben in der Zeit publikumswirksam als «Sünder und fehlbar» bezeichnet, also durchaus auch als scheinheilig. Sollte er nicht viel eher die eigene Schein-Heiligkeit im Gebet bekämpfen und als Hirte dafür sorgen, dass Atheisten, auch den scheinheiligen unter ihnen, der Weg zur Kirche, zum Glauben, zur Wahrheit geebnet wird?

Der Vatikan brennt.

Auf dem Cover des Rolling Stone

Nicht wenige Kardinäle beschäftigen sich mit der Sichtung möglicher Nachfolger, denn der Papst selber sprach davon, dass er dieses Amt höchstens vier bis fünf Jahre ausüben möchte, und die sind nun verstrichen.

Doch auch in den Strassen brennt es.

Seit einigen Wochen wird die Gegend rund um den Vatikanstaat bepflastert mit sogenannten Pasquinaten, mit einzeiligen Spottgedichten, mit denen man früher selbstherrliche Päpste verhöhnte.

Die Basis macht mobil gegen Franziskus, schlau wird aus ihm keiner mehr.

Dabei hätte man vor seiner von deutschen Kardinälen und Benedikt-Gegnern betriebenen Wahl nur in seiner Heimatdiözese Buenos Aires nachfragen müssen, wo er, unsanft und humorlos, Personalpolitik mit dem Schlachtmesser betrieb. In Rom begann er als der Lächler, der nach seiner Wahl auf dem Balkon über dem Petersplatz den Hunderttausenden von Wartenden «Buon pranzo» – Guten Appetit – zurief. Die jubelten begeistert. Er war der bescheidene, umweltbesorgte Oberhirte, den sich die säkulare Welt als Posterboy der politisch korrekten Denkungsart aufgebaut hatte.

Tatsächlich ziert er gerade zum zweiten Mal das Cover des Rolling Stone, eines Periodikums, das nicht dafür bekannt ist, besonders oft den Katechismus zu zitieren. Bergoglio schrieb sich ins Herz dieses linksliberalen, doch gleichwohl erzkapitalistischen Presseunternehmens der milliardenschweren Musikindustrie mit dem Satz: «Der Kapitalismus tötet.»

Ohne Zweifel, der Pontifex maximus hat Popstar-Potenzial und mittlerweile mehr Twitter-Follower als Miley Cyrus – rund 13 Millionen. Aber Rolling Stone vergass in seiner Hymne zu erwähnen, dass Franziskus gleichzeitig Chef einer Weltkirche mit rund 1,3 Milliarden «Followern» ist. Man nennt sie gemeinhin Katholiken.

Die sind konservativ, besonders in Afrika, wo die Kirche am schnellsten wächst und wo Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea wirkt, der noch von Papst Benedikt eingesetzt wurde und Präfekt für die Gottesdienstordnung ist. Als solcher setzt sich Sarah vehement für den alten Ritus ein, in dem Priester und ­Gemeinde gemeinsam ad orientem beten, nach Osten also, in die Richtung, aus der die ­Wiederkunft des Herrn erwartet wird.

Zum ersten Adventssonntag hatte Sarah die Priester weltweit zu dieser traditionellen Zelebrationsform aufgefordert. Seine Bitte wurde vom Papst kassiert. Mit seinem von Papst ­Johannes Paul II. eingerichteten Institut für Studien zu Ehe und Familie wurde Sarah noch nicht einmal zur Familiensynode eingeladen. Nun ist die ganze Spitze dieses Instituts ausgetauscht worden.

Der allmächtige Oberhirte lässt seine Allmacht gerne deutlich werden. Dem Personenkult ist er nicht abgeneigt. Er versteht sich offenbar als Papst einer bestimmten politischen Richtung. Er ist der Darling aller, die der Kirche normalerweise fernstehen. Die New York Times rief ihn, nachdem er Präsident Donald Trump das Christsein abgesprochen hatte, bereits zum «Anti-Trump» aus. Beide, Präsident wie Papst, so das Blatt, seien auf ihre Art Populisten. Allerdings ist Trump die böse und der Papst die gute Ausgabe. Das Wall Street Journal wurde noch deutlicher: Es kürte den Pontifex am Weihnachtstag 2016 zum «Führer der globalen Linken».

Nun ist Franziskus, der Populist, durchaus instinktsicher, was Bewusstseinsmoden und Zeitgeist angeht. Er fährt in einem gebrauchten Kleinwagen vor dem Weissen Haus vor – was für ein Spektakel! Er trägt Sandalen oder schwarze Halbschuhe und nicht die päpstlichen roten, die in der tradierten und durchdachten Formensprache der Kirche das Blut der Märtyrer symbolisieren.

Der Kontrast zu Benedikt XVI., der am Ende seiner Kräfte angelangt war und aufgab – Opfer schliesslich jener Wölfe, vor denen er die Gläubigen bei seinem Amtsantritt um Schutz und Gebete bat –, könnte nicht grösser sein. Benedikt war der Eremit über dem Petersplatz. Er feilte an seinen Hirtenbriefen und Enzykliken, um die Wege in den bisweilen wuchernden Gärten des Glaubens zu begradigen. Mit mutiger Ernsthaftigkeit und durchaus akademischer Naivität hatte er sich etwa in seiner Regensburger Universitätsrede mit der muslimischen Intoleranz auseinandergesetzt. Der Nahe Osten brannte, Nonnen wurden ermordet, die Muslime waren wieder mal beleidigt.

Für Franziskus, eher dem Laisser-faire in solchen Dingen zugeneigt, spielt die Religion nach eigenem Bekunden keine derartige Rolle, denn schliesslich «sind wir alle Kinder Gottes». Dass Jesus sagte: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; keiner kommt zum Vater ausser durch mich» (Johannes 14,6), scheint für den gegenwärtigen Oberhirten der katholischen Kirche nur ein frommer Kalenderspruch zu sein. Von seiner Reise auf die Flüchtlingsinsel Lesbos brachte er keine christlichen, sondern muslimische Flüchtlingsfamilien mit zurück nach Rom.

Er sieht die Dinge nicht so eng

Während Benedikt kirchliche Dogmen und deren Wahrheiten als Dämme gegen die Relativierungen des Zeitgeistes verteidigte, scheint Franziskus eher an Lockerungsübungen inter­essiert zu sein. Dabei sollte doch heutzutage mehr als je das Wort des britischen Schriftstellers G. K. Chestertons gelten: «Die katholische Kirche ist die einzige Sache, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein.»

Franziskus scheint diese Erniedrigungen nicht zu sehen. Er ist der Mann des Volkes, salopp, drastisch, oft unüberlegt. Zur Erziehung von Kindern weiss er, dass Prügel durchaus hilfreich sein können, solange man «nicht ins Gesicht» schlägt. Den Katholiken empfiehlt er, sich nicht zu vermehren wie Karnickel. Auch was das Lebensrecht der Ungeborenen angeht, sieht er die Dinge nicht so eng: Kürzlich durfte der Abtreibungspropagandist Paul Ehrlich im Vatikan auf einer Veranstaltung für seine Sache werben.

Auch anderen liberalen Anliegen, wie etwa dem Priesteramt für Frauen oder der Aufhebung des Zölibats – heimlichen Lieblingsprojekten des linkslastigen deutschen Episkopats und der glaubensmüden deutschen Katholiken –, scheint er nicht abgeneigt zu sein. Zur Frage der Homosexualität sagt er: «Wer bin ich, ein Urteil darüber zu fällen?» Wer sonst?, möchte man fragen. Seine Vorgänger haben es selbstverständlich getan, so wie es auch der ­katholische Katechismus unmissverständlich tut: Nicht die Veranlagung ist Sünde, aber die Ausübung, egal, wie die permissive Gesellschaft das nun wieder findet.

In Zeiten, in denen sich Bindungen lösen – ihren Regierungen trauen nach einer gerade veröffentlichten Umfrage in den 28 Mitgliedsstaaten der EU gerade mal 28 Prozent der Bürger –, bröckeln nun auch die Gewissheiten, mit denen die älteste Institution des Abendlandes durch die Zeiten gekommen ist. Sie hat es geschafft, gerade weil sie sich an Ritus und Form und Dogmen gebunden fühlte.

Die Frage des Spectator birgt äusserst ernste Implikationen: Was tun, wenn ein Papst wirklich verrückt wird? Aber nein, verrückt ist ­dieser Papst nicht. Allerdings hat er eine ­Agenda, die zur Auflösung und Zerstörung der una sancta catholica führen könnte, die nach dem Glauben der Katholiken von Gott selbst eingesetzt ist und von der Jesus einst sagte, dass «selbst die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden».

Kein Grund also, kleinmütig zu werden. Doch genug Grund, genau hinzuschauen. Die Kirche ist in der Zeit, aber zugleich befindet sie sich ausserhalb der Zeit, denn sie wurde – ­daran glauben Katholiken – zu ihrem Heil ­eingesetzt.

Doch Franziskus gibt sich, der Zeit ent­sprechend, unentschieden und basisdemokratisch. Während sich die Vorgänger, etwa in ­ihren Antworten auf Fragen der Ehemoral, auf die Bibel stützten, liess Papst Franziskus in der Weltkirche eine Art Mitgliederbefragung durchführen. Die folgende Familiensynode operierte stark mit dem irreführenden Begriff der «Barmherzigkeit», als sei das Beharren auf den Worten Jesu ein Zeichen für Hartherzigkeit.

Magier in einem drittklassigen Varieté

Seine erste Enzyklika, «Lumen Fidei», deutsch: das Licht des Glaubens, trug noch stark die Handschrift Benedikts, der sie wesentlich formuliert hatte. Sie war intellektuell anspruchsvoll, etwa in der Beteuerung, dass Glaube und Vernunft vereinbar sind, ja, sein müssen, denn der Glaube bietet Christen die einzige Erklärung für die Welt, die Sinn macht.

Franziskus’ zweite Enzyklika, «Evangelii Gaudium», bezeichnen gestandene Theo­logen hinter vorgehaltener Hand gern in der Kurzform als eine «Gaudi». Niederschmetternd, schliesslich war sie so etwas wie das Regierungsprogramm des neuen Pontifex. Seine nächste, «Laudato si», befasste sich mit ­«unserem Haus», mit der Umwelt: so umfassend und teilweise detailreich bis hin zur Mülltrennung, dass noch Generationen von Grünen-Parteitagen davon zehren könnten. Ihr Ziel war es durchaus, auf die Uno-Klimakonferenz 2015 in Paris Einfluss zu nehmen.

Politisch Einfluss zu nehmen, blieb sein Ziel, etwa wenn er den europäischen Staaten ­zornig empfahl, alle Grenzen für Flüchtlinge zu ­öffnen. Sofort. In Glaubensfragen bleibt er eher lax und ungenau. Man dürfe sich nicht, liess er eine spanische Zeitung wissen, «in die eigene Meinung verbohren», sondern müsse «mit Respekt zuhören und die Meinung anderer annehmen». Noch so ein Rätselspruch. Die Meinung des anderen anzunehmen, empfiehlt sich doch eigentlich nur, wenn deren Wahrheit erwiesen ist, am besten, wenn sie der kirchlichen entspricht.

In der katholischen Kirche nämlich, besonders im Papstamt, geht es weniger um Meinungen als um Dogmen. Ein Dogma ist nach altgriechischem Verständnis ein Lehrsatz über die Wirklichkeit, der unhinterfragbar wahr ist. So ein katholisches Dogma wäre beispielswese die Gottessohnschaft Jesu.

Vielleicht sollte man dem antidogmatisch gesinnten Reformerpapst die Lektüre des katholischen Konvertiten Chesterton empfehlen. Der schreibt: «Das Ungute an der modernen Vorstellung vom geistigen Fortschritt besteht darin, dass dieser durchweg mit dem Sprengen von Fesseln, dem Beseitigen von Schranken, dem Abschaffen von Dogmen ­assoziiert wird.»

Für Chesterton ist der Mensch «das Dogmen verfertigende Tier». Der moderne Skeptiker, der es ablehnt, sich an Systeme zu binden, der nicht an Zweckbestimmungen glaubt, «sieht sich in Gedanken als Gott, der selber keinen Glauben hat, aber auf alle Religionen herabblickt». Er sinkt «zurück in die Unentschiedenheit streunender Tiere, die Bewusstlosigkeit der Gräser. Bäume haben keine Dogmen. Steckrüben sind extrem weitherzig.»

Das Wesen der katholischen Kirche ist es, Dogmen zu behaupten und eine objektiv feststellbare Wirklichkeit anzunehmen – ohne die Zweifel, die aus der Wirklichkeit schwankenden Boden gemacht haben und die bei den französischen Poststrukturalisten schliesslich in eine erkenntnistheoretische Sackgasse geführt haben. Interessanterweise gibt es mit dem Neuen Realismus in der Philosophie ­derzeit eine Strömung, die den Postmodernismus mit seinen ewig kreisenden Interpretationsspielen und Spiegelungen, seinen Brechungen und Relativierungen, mit seiner im Ergebnis grundsätzlich ironischen Weltsicht abzulösen scheint.

Katholiken wissen das längst, weshalb ein Papst, der sich der Wahrheit mit Hilfe von Meinungsumfragen annähern möchte, im Grunde mittlerweile hinter der Zeit zurück ist. Die Wahrheiten der katholischen Kirche äussern sich in ihrer Form schon seit Jesu Geburt, dieser einmaligen geschichtlichen Ungeheuerlichkeit, in der sich Gott eine menschliche Form gegeben hat.

Martin Mosebach, katholischer Papstkritiker ersten Ranges, hat am scharfsinnigsten über die Form nachgedacht. Äusserst selten, so führte er jüngst aus, werden Formen geboren, die alle Zeitläufte überstehen. Sie zu brechen, nannte man Tyrannis. Die griechischen Säulen etwa sind eine solche Form, oder die griechische Tragödie, die noch in der albernsten ­Seifenoper weiterlebt. Eine Form, die anscheinend mühelos alle Zeiten überstand, war die heilige Messe, die organisch wuchs und im 16. Jahrhundert mit dem Trienter Konzil ihre endgültige Gestalt fand.

Doch ausgerechnet sie wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil in den unruhigen ­sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zertrümmert. Mit der Idee, die Messe den ­neuen Zeiten zu öffnen, wurden Altäre ­zerhackt und brutalistische Opferblöcke in die Altarräume gestellt. Die Kirchenkunst wurde bildlos-­avantgardistisch, also zur elitären ­semiotischen Feinschmeckerei. Der Priester wandte sich ans Publikum wie ein «Tages­themen»-Moderator und zelebrierte das Abendmahl so, dass man ihm dabei auf die Finger schauen konnte wie einem Magier in ­einem drittklassigen Variété. Die ehemaligen Barrikadenstürmer, heute sämtlich achtzig Jahre oder drüber, halten dennoch an ihrem juvenilen Modernisierungs- und Zeitgeistblödsinn fest.

Gewaltige historische Pointe

Es war eine der geistlichen Grosstaten des ­letzten Papstes, mit seinem Apostolischen Schreiben Motu Proprio den alten, verachteten tridentinischen Ritus wieder zuzulassen – zu dem die lateinischen Gebete gehören, die Gregorianik und die gemeinsame Anbetungsrichtung von Priester und der Gemeinde in seinem Rücken ad orientem. Heute wird dieser ­Ritus besonders von jüngeren Gläubigen wiederentdeckt und über alle Massen geschätzt. Das Geheimnis kehrt zurück in die kahl­geschlagenen modernen Kirchen, dazu die ­Andacht und das Mysterium.

Sollte Papst Franziskus nicht eher in diese Richtung weiterdenken, über die Wahrheit der Form und der Dogmen, statt, wie kürzlich im Spiegel zu lesen war, in kleinem Kreise darüber zu sinnieren, dass er «womöglich als der Papst in die Geschichte eingehen wird, der die Kirche gespalten hat»? Das immerhin wäre im Reformationsjahr eine gewaltige historische Pointe. Möge ihm und der gesamten katholischen Kirche, der ersten globalen Institution der Geschichte (katholisch heisst nichts anderes als global), der Heilige Geist beistehen.

Vielleicht hilft zunächst der 2. Brief des ­Apostels Paulus an Timotheus, wo er ihn mahnt: «Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, ­tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, ­sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche ­Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den ­Legenden zuwenden. Du aber bleibe nüchtern in allen Dingen, erdulde die Widrigkeiten, tue das Werk eines Evangelisten, richte deinen Dienst völlig aus!»

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