Editorial

Erdogans Türkei

Achtung, dies ist ein Beitrag 
zur Überwindung 
antitürkischer Vorurteile.


Von Roger Köppel

Und wieder toben die antitürkischen Vorurteile, der ganze rassistische Urschleim an abgelagerten Feindbildern, die seit Jahrhunderten unsere Sicht verkleistern.

Ich selber werde seit meiner Kindheit anti­türkisch eingelullt. Es begann mit Comics und Zeichentrickfilmen, wo als beliebter Bösewicht oft der fies fletschende Türke seine Opfer am liebsten von hinten erdolchte.

Später schaute ich wie fast alle Freunde ­meiner Generation schaudernd «Midnight Express», diesen angeblich auf Tatsachen beruhenden Hollywoodschocker über einen sympathischen amerikanischen Tramper, der in einem türkischen Gefängnis landet und dort vom fetten, grinsenden Direktor mehrfach vergewaltigt wird.

Erst kürzlich lud ich auf meinem iPad den grossartigen Klassiker «Lawrence of Arabia» mit Peter O’Toole herunter. Es ist ein fantastischer Film über eine der faszinierendsten und zwiespältigsten Figuren des 20.

 Jahrhunderts.

Auffällig auch hier: Der sadistisch ver­anlagte Primitivtürke und Gefängnischef schändet den sympathischen Titelhelden höchstpersönlich.

Keine Missverständnisse: Ich will nicht ­sagen, dass die Türken Engel waren oder in ­ihrer Eigenschaft als Eroberer und Verwalter eines Riesenreichs über drei Kontinente keine fürchterlichen Verbrechen begangen hätten wie andere Reichsgründer und Eroberer.

Auch bin ich überzeugt, dass unter den türkischen Militärherrschern des letzten Jahrhunderts haarsträubende Untaten passierten. Wie in allen Diktaturen weltweit, wo machtgierige Verbrecher oder schwierige innen­politische Verhältnisse den Durchbruch zur Demokratie verhindern.

Mein Punkt allerdings ist, dass unsere Sicht auf die Türken notwendig einseitig, ­unfair und vorurteilsbeladen ist.

Wir sind wie selbstverständlich dauerberieselt, alltagskulturell imprägniert durch türkenfeindliche Ressentiments und Vorbehalte, die tief in der Vergangenheit wurzeln. Angesichts einer konfliktreichen Beziehungsgeschichte ist das keine Überraschung, aber es ist eine Tat­sache, der wir uns bewusst sein sollten.

Vor diesem Hintergrund, sozusagen aus selbstkritischer Sicht im Bewusstsein meiner eigenen Eintrübung, plädiere ich für eine Abrüstung der Gefühle gegenüber dem heftig umstrittenen Staatspräsidenten Erdogan.

Kultivieren wir Schweizer gegenüber den Vorgängen in diesem faszinierenden und uns in vielerlei Hinsicht so fremden Land die bewährte Tugend der Neutralität, der Coolness in der Aussenpolitik.

Versuchen wir zu verstehen, bevor wir ­urteilen oder gar verurteilen. Mehr Fairness ist gefragt.

Zugegeben: Ich bin kein Experte für türkische Innenpolitik. Auch hege ich keine Sympathien für das präsidialfranzösisch autoritäre Staatsmodell, das Erdogan jetzt anzu­peilen scheint.

Aber es wirkt auf mich einfach nicht wahnsinnig überzeugend, wenn die gleichen Schweizer Meinungsmacher, die sich heute so fürchterlich über die türkische Verfassungs­reform aufregen, seinerzeit wie Kätzchen schnurrten, als das Parlament in Bern bei der Masseneinwanderung unsere Bundesver­fassung regelrecht aushebelte.

Klar, es wäre gefährlich, Erdogans Politik auf die Schweiz zu übertragen. Umgekehrt aber wäre es für die Türkei wohl mindestens so verheerend, wenn sie von einem siebenköpfigen Schweizer Bundesrat gesteuert würde.

Selbstverständlich: Ich respektiere Präsident Erdogan als rechtmässiges Staatsoberhaupt, das auf die Unterstützung einer demokratischen, wenn auch schwindenden Mehrheit ­seiner Landsleute zählen kann. ­Zudem respektiere ich, dass sich die Türkei in einer Art Be­lagerungszustand befindet. Es geht um Recht und Ordnung.

Übersehen es in ihrem selbstgerechten Zorn vielleicht die westlichen Erdogan-Anprangerer? Die Türkei wird regelmässig von mörderischen Terroranschlägen heimgesucht. Allein im letzten Halbjahr vor Weihnachten gab es über 70 Tote und über 400 Verletzte. Um ein Haar wäre Erdogan selber Opfer eines blutigen Staatsstreichs geworden. Sein engster Berater kam ums Leben.

Anders als das gesegnete Friedensreduit Schweiz steckt die Türkei nicht nur in einem kalten Bürgerkrieg gegen revoltierende ­ethnische Minderheiten. Sie kämpft auch mit einer Staatskrise am Rande eines brodelnden politischen Hexenkessels im Mittleren ­Osten. Die Stärkung der Zentralgewalt soll helfen.

Geht der Präsident mit seinen Vollmachten zu weit? Ist er ein Retter oder ein Zerstörer? Will er sich auf parlamentarischem Weg zum grossen «Diktatör» ermächtigen, zum neuen Sultan, zum Alleinherrscher, der spätestens dann sein Land ins Elend stürzt, wenn ein unfähiger Nachfolger das Steuer übernimmt?

Noch wage ich kein abschliessendes Vor-­Urteil. Es gibt viele Gründe für Skepsis, aber ich bin nach wie vor dafür, gegenüber der Türkei und gegenüber Erdogan das Visier offen zu halten. Wohlwollende Distanz.

Ohnehin ist die Schweiz in einer besonderen Stellung. Die Türken schätzen die Eidgenossenschaft enorm seit Anbeginn, weil sie als ­einer der ersten Staaten die moderne Türkei schon 1923 in Lausanne anerkannte.

Es bringt einfach nichts, eins zu eins die ­eigene Schrebergartensicht auf diesen Nahost-­Staat mit seiner blutigen und traumatischen Geschichte anzuwenden.Wer andere Länder und Kulturen verstehen will, muss bereit sein, sich auf ihre Perspektive einzulassen, ohne ­ihrer Perspektive zu erliegen.

Appeasement? Nein. Das Ziel ist bessere Verständigung.

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