Editorial

Ode an Freysinger

Der Walliser Wahlsieger vom 
letzten Mal liegt am Boden. Billige Häme in den Medien. Zeit für 
eine Würdigung.

Von Roger Köppel

Keine Frage: Der Walliser Staatsrat Oskar Freysinger hat am letzten Wochenende ­eine schallende Ohrfeige kassiert. Nach glanzvoller Wahl mit Spitzenresultat in die Kantonsregierung vor vier Jahren hängt sein politisches Überleben jetzt an einem Seidenfaden. Ein zweiter Durchgang muss entscheiden.

Freysingers Strategie ging überhaupt nicht auf. Er wollte den karriereschlauen CVP-Rivalen Christophe Darbellay mit einem Sprengkandidaten ausbremsen. Der Vorstoss tief ins Terrain des politischen Gegners wurde als ­unstatthafter Intimangriff gar nicht goutiert: Hinter Darbellay schlossen sich die Reihen zur Phalanx.

Nicht einmal ein kürzlich gebeichteter Seitensprung mit ausserehelichem Kind konnte Slalomfahrer Darbellay, der sich sonst gerne als Schutzpatron der traditionellen Kernfamilie inszeniert, gefährlich werden. Der sympathische CVP-Politschelm mit der doppelten Moral trumpfte in den Wahlen auf und distanzierte seinen rechten Erzfeind.

Natürlich hat Freysinger Fehler gemacht. Wie alle Politiker ist er selber für seinen Um­faller verantwortlich. Mitleid ist fehl am Platz. Trotzdem geht die Häme jetzt zu weit. Unrühmlichstes Beispiel ist der freisinnige Wal­liser Ex-Bundesrat und Darbellay-Förderer Pascal Couchepin, der vom Fauteuil seines ­Ruhesitzes aus den Geschlagenen hämisch als illoyalen Aufschneider ohne greifbare Erfolge diffamiert.

Wie mutig, einem Besiegten hinterher noch in die Weichteile zu treten. Und beinahe amüsant, dass ausgerechnet Couchepin, dieser ­Loyalitäts- und Kollegialitätsweltmeister von Bundesbern, dieser Miteinfädler der Blocher-­Abwahl und gelegentliche Virtuose des politischen Tiefschlags, dass dieser ausgefuchste Selbstdarsteller sich hier zum Sachverständigen in Fragen charakterlicher Integrität in der Politik aufschwingt.

So viel Selbstgefälligkeit ist fast schon wieder bewundernswert: Hat denn Couchepin in Bern so wahnsinnig viel bewegt? Ich schätzte ihn trotzdem als leidenschaftliche Politsaftwurzel, die sich, wie übrigens auch Freysinger und Frauenversteher Darbellay, vom Bundesordnergrau des Normalbetriebs wohltuend abhob.

Halten wir also dagegen: Die definitive Nichtwahl des Walliser SVP-Staatsrats im zweiten Durchgang vom 19. März wäre ein herber Verlust. Es wäre auch unverdient, denn der Ab­gestrafte hat unzweifelhaft Verdienste.

Es stimmt wohl: Freysinger mag noch keine riesigen Stricke in der Regierung zerrissen haben. Manche seiner Personalentscheidungen wirken wirr. Zudem hatte er nicht immer das glücklichste Händchen bei der Auswahl seiner Auftritte, vor allem an ausländischen Anti-­Islam-Kongressen, die sich vom natürlichen Charisma des Schweizers bescheinen lassen wollten.

Vielleicht kam ihm hier sein auf Aussen­wirkung angelegtes Rockstar-Temperament in die Quere, der pädagogische Furor des Ex-­Lehrers, der irgendwie nicht widerstehen kann, wenn sich ihm eine grosse Bühne vor grossem Publikum bietet. Hat es ihm geschadet? Sollen darüber die Experten richten.

Ich habe grossen Respekt und, ja, auch Bewunderung für den unkonventionellen SVP-­Politiker aus dem Südwesten. Ich lernte Freysinger vor rund zehn Jahren kennen. ­Damals war er gerade im Begriff, die Westschweizer ­Politszene aufzumischen.

Mit Gitarre, Poesie und langen Haaren trat er gegen den politischen Permafrost in seinem Heimatkanton an. Das Wallis war das abonnierte Korallenriff der CVP, eine von meterdicken Mauern umfriedete Zitadelle, in der seit Jahrhunderten die immergleichen Katholiken herrschten. Weder von links noch von rechts war diesen ewigen Honoratiorenbünden beizukommen. So jedenfalls schien es von aussen.

Freysinger brachte es dennoch irgendwie ­fertig. Sein frecher Einbruch in die parteipolitische Einfalt an der Rhone war wie Frischluft­zufuhr in die seit Jahrhunderten geschlossenen Grabkammern einer ägyptischen Pyramide. Das brauchte Kraft, es brauchte aber auch Mut, die alten Pharaonengräber aufzuknacken.

Paradiesvogel Freysinger, ein überdies intelligenter, belesener und äusserst schlagfertiger Rhetoriker, ging beträchtliche persönliche Risiken ein. Und egal, was man von seiner Politik im Detail hält: Nur schon sein erfolgreicher Kampf für mehr Artenvielfalt und Abwechslung sollte ihm die Anerkennung und den Dank selbst seiner Nichtwähler einbringen.

Aber nicht nur dies: Freysinger hatte den Mut, ziemlich einsam für die Schweiz und ihre Unabhängigkeit einzustehen, als in der ganzen Westschweiz noch die EU-Turbos mit ihrem ­inzwischen verblichenen Zentralorgan L’Hebdo arrogant den Ton vorgaben. Trotz viel Pech und Schwefel brach er couragiert auch hier die ­Festungsmauern auf.

Keine Missverständnisse: Mir geht es nicht darum, einen Parteikollegen dafür zu loben, dass er in der richtigen Partei ist. Es ist grundsätzlich bewundernswert, wenn Leute den Mut haben, mit eigenen fundierten Ansichten gegen die bequem gewordenen Meinungen und Vorurteile der Mehrheit anzutreten.

Und noch etwas zeichnet ihn aus: Die meisten hätten sich nach einer Wahl in die Kantonsregierung vermutlich mit Legionen von Imagepflegern und Beratern eingedeckt. Freysinger kaufte sich nicht mal neue Jeans. Stattdessen blieb er sich treu mit seiner Aura des gereiften Protestsängers, der sich auf unerfindlichen ­Wegen in die Politik verirrt zu haben schien.

Gut möglich, dass ihn der Erfolg auch etwas unvorsichtig machte. Vielleicht könnte ihm sein Mangel an Angepasstheit und an staatsmännischem Format, wie Kritiker Couchepin genüsslich unkte, am Ende zum Verhängnis werden. Das aber wäre schade. Ich hoffe, dieser mutige und inspirierende Störenfried bleibt dem Wallis und der Schweizer Politik erhalten.

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