Rechts. Na und?

Sie gelten als staatsgefährdend, als «Rassisten ohne Rassismus», als düstere Macht. 
Eine Reise zu den geheimnisvollen «Identitären». Teil 1.


Von Matthias Matussek

Zugriff: Demonstration in Wien, 2016. Bild: Instagram

Wie nicht anders zu erwarten, tritt mir Martin Lichtmesz am verabredeten Treffpunkt, dem Wiener Naschmarkt im sechsten Bezirk, vermummt gegenüber. Mütze tief ins Gesicht geschoben, Kragen des gefütterten Wintermantels hochgestellt.

Gut, sicher, ja, es sind Minusgrade, auch die anderen Passanten hier mummeln sich ein. ­Einerseits. Andererseits ist Martin Lichtmesz ein «neuer Rechter» und einer der Köpfe der Identitären Bewegung, die in Deutschland vom Verfassungsschutz «beobachtet» wird und laut Wikipedia von einigen Politikwissenschaftlern als «kulturrassistisch» eingestuft wird.

Ist dieser Typ dort drüben im grauen Wolfskin-Anorak einer von denen?

Wir müssen wohl einige grundlegende Dinge klarstellen, lieber Verfassungsschutz, bevor wir uns auf die Reise durch das rechte Deutschland begeben und zu den Identitären vorstossen, die offenbar eine so grosse Gefahr für das Land darstellen, dass sie Ihre kostbare Zeit verdienen.

Zur Sache: In Frankreich als «Génération Identitaire» gegründet, in Österreich 2012 und Deutschland 2014 als «Verein zur Erhaltung und Förderung der kulturellen Identität» eingetragen, verfolgt die Identitäre Bewegung das Konzept des Ethnopluralismus, also keiner biologischen, sondern einer europäisch-kulturellen Identität, was sie, ebenfalls laut Wikipedia, zu «Rassisten ohne Rassismus» macht.

Sollte man da nicht misstrauisch werden?

Nun ist Rassismus ohne Rassen, also ohne ­­­Bio­logie, eine irgendwie nur halbe Sache, ­weshalb man sich in der nicht näher spezifi­zierten «Rassismus»-Forschung den Begriff des «Kulturrassismus» erdacht hat.

Es wimmelt vor «rechts» und «rechtsextrem» in diesem Wikipedia-Verweis, immer wieder wird auch der Nationalsozialismus als Referenzgrösse angeführt, allerdings mit der Relativierung, dass sie eben nicht nationalsozialistisch sind, die Identitären, aber es sein könnten, wenn man genauer hinschaut.

Hm. Tatsächlich lohnt da mal näheres Hinschauen: Nehmen wir den «Kulturrassismus», verehrte Schlapphüte. War die Politik des sozialistischen Kulturministers Jack Lang, der sich bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Frankreich «für die ­Stärkung der europäischen Kultur durch die Quotierung einheimischer und europäischer Filmproduktionen im Fernsehen eingesetzt hat» (Wikipedia), ­damals allerdings gegen die verhasste US-amerikanische imperialistische Kultur, war die also ­rassistisch?

Ja, war Jack Lang ein erster Identitärer im Ministerrang?

Nochmals hm, zur Identität: Wir leben in Zeiten, in denen führende EU-Politiker wie Peter Sutherland von einer Abschaffung der Nationalstaaten träumen. Unsere Bundeskanzlerin spricht von den Deutschen bereits nur noch als von «denen, die schon länger hier wohnen», als sei ihr Volk, von dem «Schaden abzuwenden» sie geschworen hat, nur ein ­vorüberziehender Nomadenstamm und die Flüchtlingskrise ein Streit um Weideplätze.

Dazu übrigens passt, dass «Flüchtlinge» in einem EU-Papier als «Neuansiedler» bezeichnet werden. Sollte man da nicht misstrauisch werden?

Doch nicht nur dieses, verehrte Herren vom Verfassungsschutz.

Zum Thema Identität: Wir leben ebenfalls in Zeiten, in denen die beiden führenden Ver­treter der Kirchen in Deutschland auf Bitten ihrer muslimischen Gastgeber bei einem Besuch auf dem Tempelberg das Kreuz von der Brust nehmen, ihr Bekenntnis als Christen ­also verstecken – im Gegensatz zu jenen anderen, die in dieser Weltgegend für ihr christliches Bekenntnis geköpft werden. Sollten da nicht die Alarmglocken läuten?

In Zeiten auch, liebe Herren Agenten, in der eine religiös nicht mehr ganz sattelfeste Politik vorschlägt, muslimische Lieder zur Christmette zu singen, was, neben dem Affront ­gegen christliche Messbesucher, auch für die angesprochenen Muslime unmöglich ist, denn es würde selbstverständlich eine Ein­ladung zur Häresie bedeuten, da wir Christen an Weihnachten die Geburt des Messias ­feiern – all das also ein gedankenloser, ­breitärschi­­­ger Versuch der Willkommenskultur, Unterschiede plattzusitzen.

Vielleicht gibt es, verehrte Agenten, doch Gründe für die Entstehung einer Identitären Bewegung, denn wir leben in Zeiten, in denen der Zustrom von knapp einer Million anti­semitischer, aufklärungsfeindlicher, grossteils analphabetischer Muslime dafür sorgt, dass wir ernsthaft über verfassungswidrige Kinderehen diskutieren müssen, die allerdings von den Grünen aus Folkloregründen teilweise begrüsst werden, da sie in den Herkunftsländern Sitte seien.

Ach ja, die Medien

Darüber hinaus haben wir es mit einer grossen Koalition aus linksextremen und muslimischen Demonstranten zu tun, die verfassungsfeindlich «Juden ins Gas» gröhlen und ansonsten, zumindest bei Letzteren, mit kriminellen Übergriffigkeiten auf Frauen auffallen.

Gäbe es hier nicht Zugriffsgründe genug? Oder wäre da schlechte Presse zu befürchten?

Ach ja, die Medien: Als jüngst eine Studentin von einem afghanischen Jugendlichen vergewaltigt und getötet wurde – sie war tragischerweise in der Flüchtlingshilfe engagiert – wollte die «Tagesschau» die Nachricht nicht bringen, da sie nur «regional von Bedeutung» sei. In der überregionalen Talkshow, die wie selbstverständlich drei Tage später folgte, wurde besonderer Wert auf die Feststellung gelegt, dass auch deutsche Männer solche Verbrechen verübten.

Jetzt mal unter uns, liebe Agenten, und ganz zu schweigen von der ständig präsenten Terrorgefahr – ist die Befürchtung einer von Po­litik und Leitmedien immer wieder klein- und schöngeredeten Überfremdung ganz ­speziell aus islamischen Ländern denn so ganz aus der Luft geholt?

Es gibt die Identitären mittlerweile auch in anderen europäischen Staaten, vor allem den osteuropäischen, denen die Vereinnahmung durch den kommunistischen Block und die ­erzwungene Treue zur Sowjetunion noch so gut in Erinnerung ist, dass sie mit unverhohlenem Nationalstolz auf die schöne neue Welt der EU reagieren.

Zum Schluss: Sollten Sie, liebe Herren vom Verfassungsschutz, nicht vielleicht doch sich selber beobachten, da kürzlich ein islamistischer Spion in Ihren eigenen Reihen aufflog? Das allerdings veranlasste wiederum die Grünen in Deutschland prompt, Sie aufzufordern, Ihre eigenen Mitarbeiter strenger zu untersuchen, insbesondere auf Verbindungen zu – Rechtsextremen.

Ja, diese Blickrichtung ist staatlich festgeschraubt. Insofern, verehrte Agenten, handeln Sie wohl regierungskonform, wenn Sie die Identitären «beobachten».

Frage nach Gott

Martin Lichtmesz und ich trotten durch den Weihnachtsbetrieb, durch jenen Glanz also, der ja eigentlich heidnischen Ursprungs ist, wie viele Schlaumeier wissen, der aber trotzdem wärmt und der laut Chesterton nur beweist, dass die «Heiden von damals viel verständiger waren als die Heiden von heute».

Martin Lichtmesz wirkt jünger als die vierzig Jahre, die er ist. Blassblaue Augen, blasses Gesicht, Anflug eines Lächelns.

Auf dem Weg zu seinem böhmischen Lieblingslokal spricht er nicht von einem neuen Führerstaat oder von Rohrbomben, sondern von Pasolini und dessen «Matthäus-Passion». Er schwärmt. Diese Gesichter, die Wüste, die Felsbrocken, gedreht wurde in Sizilien, weil im Heiligen Land unberührte Motive nicht zu finden waren.

Schliesslich die Wirtsstube. Gelbes Licht über karierten Tischdecken, an der Wand eine tschechische und eine amerikanische Fahne, daneben ein Stich, der die Belagerung Wiens durch die Türken darstellt. Kartenspieler um einen Tisch, wir gehen ins Hinterzimmer, um ungestört zu sein.

Auch wollen wir, entschuldigen Sie, meine Herren vom Verfassungsschutz, ausserhalb ­Ihrer Beobachtung Subversives besprechen – nämlich die Frage nach Gott.

Mit seinem Buch «Kann nur ein Gott uns retten?» stellt Martin Lichtmesz – sein Name ist ein Anagramm aus seinem bürgerlichen Namen Martin Semlitsch – diese Frage und die nach unserer christlichen Kultur mit einem Brennen, das die Diskussionsrunden unserer katholischen Akademien verblassen lässt.

Jetzt, zwei Jahre nach seinem Erscheinen, wird es neu aufgelegt (Antaios-Verlag, 416 S., 22 Euro bei Amazon, doch «nur durch Dritt­anbieter», wie es dort heisst, offenbar heisse Ware, heiss wie eine Herdplatte).

Im Grunde ist sein Buch ein einziger tief ­melancholischer Klagegesang über Verluste, über weggerissene Verankerungen und die öden Triumphe der Moderne. Wer sind wir, wohin sind wir unterwegs? Lauter Fragen, doch «kein Besinnlicher fragt sie mehr», ­dichtete bereits Gottfried Benn.

Die Wiener Zeitung, als österreichisches Amtsblatt aus dem Jahre 1703 älteste Tageszeitung der Welt und keiner noch so genauen Beobachtung als rechtsradikal aufgefallen, urteilte: «Martin Lichtmesz hat ein aufrichtiges, ein schönes, ein grossartiges Buch geschrieben», und sie vermutet zu Recht, dass es ­deshalb kaum besprochen wurde, weil er ein «scharfer Kritiker der Masseneinwanderung nach Europa» ist. Was wiederum mit unserem Thema zusammenhängt.

Internetplattformen wie «Schmetterlingssammlung» ersparten sich die Lektüre und ­begnügten sich mit Attacken gegen die Wiener Zeitung und dem Hinweis, dass Lichtmesz der «neuen Rechten» angehöre, nein, einer ihrer «führenden Köpfe» sei.

Was wiederum aufs Schönste belegt, was Lichtmesz im Vorwort beklagt, nämlich dass die entscheidenden Fragen, die nach unserem Schicksal und unserer Kultur, nur noch von rechts gestellt werden können, da der linke Diskurs in seiner Moderne-Raserei gar nicht mehr in die Nähe des Problems vordringt: dass wir die «Welt gewonnen haben, aber unsere Seele verloren».

Die Linke, die doch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so aufregende ­Antworten gegeben hat, ist seit Adornos und Horkheimers «Dialektik der Aufklärung» ­ohne echte Entwicklung geblieben; auf die «Morgenröte folgte kein Mittag», wie der ­linke Romanist Peter Bürger in seinem Buch «Nach vorwärts erinnern» gerade beklagte.

Mittlerweile ist diese linke Gesinnung mit all ihren exotischen Minderheits- und Opferdiskursen Regierungspolitik geworden, der Weg durch die Institutionen war erfolgreich. In ihrer studentischen Variante ist diese Linke heute infantilisiert, verkümmert in ihren Echokammern, total verblödet in ihren «Schutzräumen» gegen «Mikroaggressionen», wo sie etwa im akademischen Bereich auf Trigger-Warnungen gegen Buchinhalte besteht, die sie traumatisieren könnten. Oder wo ein Politologiestudent im 15. Semester den Auftritt eines schwarzen AfD-Kandidaten aus Benin an seiner Heimatpenne bei Hamburg mit einem Internet-­Flash und Telefonterror verhinderte. Nachdem einige Schüler scharf gegen ihn ausgeteilt hatten, wandte sich der Aktivist der Grünen Schwulen an die «Beratungsstelle zur Gewalt gegen rechts» («Einer hält die Stellung», WamS, 24.5.2014).

Avantgarde von rechts

Das alles bei insgesamt zunehmender Aggressivität «gegen rechts», mit «Nie wieder Deutschland»-Gegröle und risikofrei, da sie den Nanny-Staat auf ihrer Seite wissen. So ­herabgesunken ist das, was 1968 mit widerständiger Lektüre, mit Samisdat und Raubkopien von Marx und Sartre, mit Hunger nach dem ganz Neuen begann.

Nein, heute sind alle Arterien verstopft, alle Bohrungen vergeblich, nichts geht mehr, der Traum vom Aufbruch endete leider längst mit dieser verwöhnten, bildungsfernen Denunziantenbrut. Doch knapp fünfzig Jahre nach der 68er-Revolte gibt es eine neue, eine von rechts. Und die Identitären sind deren Avantgarde. Statt Sartre, Marx oder Mao allerdings wird hier Heidegger gelesen oder Ernst Jünger.

Also mal von rechts her denken, wo es nicht um Zwecke und Wohlstand und neue Technologien geht, sondern wo die Reflexion auf das Dasein aufleuchten kann und womöglich das Numinose?

Maria, die Wirtin, bringt warme Mohn­nudeln und grossen Braunen, und Lichtmesz erzählt von einer Freundin, die ihren Klavierschüler verlor, nachdem sie bekannt hatte, dass sie wohl den Hofer, den Kandidaten der Rechten, wählen werde. Bei so einer wollte er keine ­Chopin-Etüden lernen.

Aber das ist die blöde Tagseite, die der einfachen Antworten, jetzt ist Abend, jetzt ist die Zeit des Zweifels, der Fragen, der nachdenklichen Bohrungen, der Melancholie.

Wie die deutschen Frühromantiker beklagt Lichtmesz in seinem Bekenntnisbuch die Entzauberung der Welt, «das Verschwinden des Geheimnisses, des Mystischen, des Wunderbaren, des Sakralen», Novalis wird zum Zeugen aufgerufen, der Träumer der Christenheit und des Mittelalters und einer Nation, bevor es sie gab.

Seine Reise zu den grossen Fragen beginnt Lichtmesz mit Dante und dessen Wanderung in den Wald der «Göttlichen Komödie» an der Hand Vergils, einen Wald aus Fragen, Irritationen, Versuchungen und der Schwärze der Verzweiflung. «Kann nur ein Gott uns retten?», diese Frage Heideggers aus dem berühmten Spiegel-Gespräch mit Rudolf Augstein ist wieder virulent geworden anlässlich einer umdüsterten Zukunft mit ihren politischen, demografischen, ökologischen, kulturellen und ethnischen Verheerungen. Und wo wäre er zu suchen?

Lichtmesz, unglücklich aufgeklärt wie viele von uns, weiss: «So sehr sich der analytische und objektivierende Geist auch bemüht: Im subjektiven Pol ist die Religion als inneres Drama und als Sehnsucht zwischen Furcht und Zittern nicht totzukriegen.»

Er begegnet auf seiner Suche Religionsphilosophen wie Walter Schubart und William James, dem Apostel Paulus, später dann Kierkegaard und Heidegger, Ernst Jünger, dem grossen Einzelnen, und in den hinteren Kapiteln Nietzsche – ein Wald aus einzeln beleuchteten Stämmen, von denen er hofft, dass sie im Kopf des Lesers «eine Spur ergeben».

Er fragt mit Hans Blüher, woher der Gebetstrieb kommt, und er sinniert mit Wittgenstein über den, der «unendliche Not» fühlt, denn nur für ihn, «der unendliche Hilfe braucht», biete sich das Christentum an. Ja, es geht auch um den christlichen, genauer: den katholischen Glauben. Lichtmesz ist katholisch aufgewachsen, den Protestantismus gewahrt er nur noch in seiner gegenwärtigen Verfallsform, im «Stande seiner tiefsten Erniedrigung», der kaum noch brauchbar ist für die «entscheidenden Schlachten», die nach Jean Raspail «in der Seele geschlagen werden».

Sicher, das war mal anders. Das war mal heroisch, zu Zeiten Nietzsches, des Pfarrerssohns, dem fast schwindelig wurde mit seinem Ausruf «Gott ist tot», diesem Verzweiflungsschrei in ein leeres, kaltes, ewiges Universum; er war der «tolle Mensch», der aus dem He­roismus der Gottverlassenheit den Übermenschen träumte, aber zitternd. Heute zittert keiner mehr, denn allen ist klar, dass Gott tot ist, endlich, heute sind da nur noch «die letzten Menschen», die «blinzeln» (Nietzsche) und ihr Lüstchen für den Morgen und den Abend brauchen und sonst nichts mehr.

In Lichtmesz’ Augen leuchtet es, als er hier im warmen Licht der Wirtsstube von seiner Wallfahrt nach Chartres erzählt, lächelnd, zwei Tage lang ist er vorne mitmarschiert unter den Bannern und Fahnen, Blasen an den Füssen, der Wald wie ein grüner Dom, hundert lange Kilometer von Paris aus, das endlose Band der Pilger und schliesslich der Dom selbst mit seinen in die Höhe gejubelten ­Spitztürmen, diese Andacht in Stein, und das Glücksgefühl bei seinem Anblick.

Da lebt doch noch was in der armen, der ­kirchensteuerbefreiten katholischen Kirche Frankreichs! Charles Péguy, der frühe Sozialist und Mystiker, hat die Wallfahrt vor dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufen, er starb 1914 im Kugelhagel an der Front. Péguy ist einer der Gründer des «Renouveau catholique», der katholischen Erneuerungsbewegung um 1900, aus der sich Michel Houellebecq für «Sou­mission» bediente, für diesen Roman über die Dekadenz und die Selbstaufgabe der meinungsbildenden Hedonistenklasse im Angesicht des islamischen Ansturms.

Wilde Romantik

Lichtmesz’ Buch endet mit Péguy, mit einer Meditation aus dem Jahr 1911, in der jener im Kampf um den Glauben in glaubensfernen Zeiten eine «besondere Grösse», ja «die Schönheit des Widerstandes» entdeckt. Wilde Romantik: «Wir stehen heute alle an der Front. Die Front ist überall. Der Krieg ist überall, in tausend Stücke aufgespalten, zerteilt, zerbröselt. Wir stehen heute alle an den Marken des Königreiches.»

Später wird mir Lichtmesz in seiner kleinen Einzimmerwohnung in der Nähe eine Briefmarke mit dem Kopf Péguys zeigen, die er auf Ebay ersteigerte und in die grüne, ledergebundene Erstausgabe des Péguy-Romans «Clio» geklebt hat, stolz, darin auch eine Postkarte mit Widmung von Jean Raspail, dem aristokratischen Ethnologen und Romancier, dessen seherische Flüchtlings-Dystopie «Heer­lager der Heiligen» er neu übersetzt hat. Sein Zimmer ist mit in die Höhe gewachsenen Bücherstapeln vollgestellt, er steigt darüber hinweg wie über Minen, die Matratze liegt auf dem Boden, Postkarten mit seinen Geistes- und Glaubenshelden sind an die überquellenden Bücherregalbretter geheftet, Erzengel Michael, Ernst Jünger und John Donne, sein Lieblingslyriker – so leben Samurais, Krieger, Einzelkämpfer.

Wir verabreden uns für den nächsten Morgen vor dem Stephansdom, die Wintersonne strahlt aus einem eisig blauen Himmel, Lichtmesz weist auf die rätselhaften Reliefsäulen mit den Fertilitätssymbolen Eichel und Vulva hin, die das Eingangsportal rahmen, auch auf die hellen Tonunterschiede in der Fassade; als Kind hat er sie nur eingeschwärzt erlebt, nun wird sie blank geschrubbt. «Schön», sagt er, «dass der Dom restauriert wird.»

Und dann stehen wir im Halbdämmer des Hauptschiffes, links ein Votivbild der Thérèse von Lisieux, Kerzen vor den Seitenaltären, die Heiligenfiguren in den gotischen Säulen, der Gewölbehimmel – «Mausoleen für den toten Gott», so hat Nietzsche die Dome genannt. Tatsächlich sind Kirchen, zumindest in Deutschland, mittlerweile eher Abklingbecken für den Glauben.

Dann zur Südfassade, zum «Zahnweh-Herrgott», dem Schmerzensgesicht des Gekreuzigten, all das hat er aufgesogen als Kind und Teenager in seiner katholischen Familie. Seine Freunde haben hier geheiratet, im Stephansdom, sie wollten diesen Moment eingespannt wissen in einen tausendjährigen Rahmen, eine Kultur, die bis in die Antike reicht.


An der Front zum Gestern

Anschliessend, im Café «Wien», erzählt er sein Leben. Wie er in den frühen Teenagerjahren in die Grufti-Szene geraten ist, in den Gothic-Folk, eine Protestgeschichte in schwarzen Klamotten, dann zum Filmstudium nach Berlin, sein Buch «Besetztes Gelände» weist ihn als klugen, ja überaus scharfsinnigen Kinointerpreten aus. Pasolini, immer wieder, dann Robert Bresson. Vor allem die semireligiösen Filme «Der Teufel möglicherweise» und «Das Geld», und er möchte alles genau wissen über mein Treffen mit ihm vor dreissig Jahren, dem verschlossenen Kultregisseur und Schweiger aus Paris.

Im Café, wo er eine Freundin erwartet, die sich als wache und hübsche Dresdnerin herausstellen wird, summt sein Handy. Er liest, und er lächelt. Die Identitären Wiens haben in der letzten Nacht eine ihrer kühnen Sponti­-Aktionen durchgezogen. Er selber sympathisiert mit der Bewegung, aber er ist formell kein Mitglied (Entwarnung, Verfassungsschutz!) – er gibt mir die Nummer von deren Anführer, von Martin ­Sellner, der mich im Café «Eiles» erwartet.

Im Café «Eiles» mit seinen Spiegeln und roten Samtnischen sitzt der junge Martin Sellner mit einem bärtigen WDR-Reporter zusammen, den er über Aktionismus und Gandhi belehrt. Der Reporter soll über die Identitären Wiens berichten und über den «europäischen Rechtspopulismus». Ja, die Identitären sind im Gespräch. Soeben hat Mariam Lau über sie in der Zeit geschrieben, unter der sinnvollen Überschrift «Die Avant-Gestrigen».

Jawohl, die Identitären stehen an der Front zum Gestern und seinen Traditionen, sie blicken wie Walter Benjamins «Engel der Geschichte» auf einen wachsenden Trümmerhaufen, sie sehen die Opfer, und sie haben die europäische, die abendländische Geistesgeschichte im Blick, die so rasend schnell verabschiedet und abgeworfen wird wie nutzloser Ballast. Mariam Lau über die Identitären: «Sie sind rechts und bedienen sich der Strategien der Linken.» Die Autorin bemüht sich um Gerechtigkeit, auch wenn sie von Verbindungen zur Le-Pen-Truppe gefährlich raunt, und jedes Mal, wenn sie Sellner zu Wort kommen lässt, «behauptet er», statt dass er einfach «sagt», ­etwa, dass die Identitären einen scharfen ­Trennungsstrich zu Neonazis gezogen haben: «Wer bei uns einen Judenwitz erzählt», so Sellner, «fliegt sofort raus.»

Die Aktion der vergangenen Nacht: Die Identitären haben der zwanzig Meter hohen Statue der Kaiserin Maria Theresia eine schwarze ­Burka übergestülpt, eine Verhüllungsaktion im Stile des Aktionskünstlers Christo, wie sie erklären. Der US-Sender CNN hat die Sache gefilmt. Es sind wagemutige Burschen in ihren Zwanzigern, die mit einem Baukran und Schutzwesten und Scheinwerfern in der Nacht wie offizielle Stadtangestellte auf der Statue herumturnten und ein Schild mit dem Schriftzug «Islamisierung – nein danke!» abstellten. Ma­riam Lau: «Strassentheater, Kunstblut und ­hippe Undercuts statt Springerstiefel und Glatze – die Identitären wollen nicht mit den Neonazis verwechselt werden. Auch wenn etliche aus ihren Reihen stammen. Offiziell distan­zieren sie sich von Gewalt. Sind sie gefährlich?» Innerer Leserkommentar: Wahrscheinlich, sie verstellen sich, sie «behaupten» nur.

«Gipfel der Verlogenheit»

Worin aber besteht die Gefahr? In der Ablehnung einer beliebigen und prinzipienlosen Multikulti-Gesellschaft, der die Kanzlerin selber 2003 eine entschiedene Abfuhr erteilte? In einer gar nicht mehr so schleichenden und von vielen Politikern geleugneten Islamisierung, nach dem Motto der Grünen Göring-Eckardt: «Uns werden Menschen geschenkt»? Oder ist es nicht doch eine Unverschämtheit, gegen die Identitären gleich die Nazikeule zu ziehen und den Verfassungsschutz zu mobilisieren? Angela Merkel, zumindest die von 2003, würde hier eindeutig bejahen.

Damals rief sie dem hingerissen applaudierenden Parteivolk zu: «Manche unserer Gegner können es sich nicht verkneifen, uns in der ­Zuwanderungsdiskussion in die rechtsex­treme Ecke zu rücken, nur weil wir im Zusammenhang mit Zuwanderung auf die Gefahr von Parallelgesellschaften aufmerksam machen.» Ach was?

Und sie fuhr fort: «Das, liebe Freunde, ist der Gipfel der Verlogenheit! Eine solche Scheinheiligkeit wird vor den Menschen wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Deshalb werden wir auch weiter eine gere­gelte Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung fordern!»

«Der Gipfel der Verlogenheit», der «Scheinheiligkeit»! Und nun? Die Drehung um 180 Grad ist wahrscheinlich die noch unverschämtere, weil arrogantere Haltung der Macht, ein willkürlicher politischer Scheinwerferschwenk, der es gar nicht mehr nötig hat, sich rational zu erklären, samt der Verdächtigungen und Schikanen gegen die Abtrünnigen von heute.

Aber immerhin: Die Identitären Wiens erinnern sich. Sie sind frei. Sie wildern. Sie sprengen Schablonen auf wie Eierschalen. Sie denken selbständig, ohne Angst vor der sozialen Ächtung als «rechts», das stets das «rechtspopulistisch» oder «rechtsradikal» oder eben den schlichten «Nazi» als Schatten mitführt und mittlerweile Berufsverbote und wirtschaftliche Erpressung und Boykottaufrufe gegen Anzeigenkunden nach sich ziehen kann nach dem Motto: «Kauft nicht bei Juden.»


Lesen Sie nächste Woche in Teil 2: Die wilden Identitären Wiens, die Land-Identitären Bayerns, die coolen Aktionisten Berlins – und die weise Einordnung der Szene bei einem ­Essen mit Romantik-Spezialist und Regierungskritiker ­Rüdiger Safranski.

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