Reformation

Ein Rebell nach Schweizer Art

Ulrich «Huldrych» Zwingli (1484–1531) war nicht nur ein grossartiger, kristallklar argumentierender Theologe. 
Er ­gehörte auch zu den ­führenden Schweizer Politikern, die über 
die Schweiz und ihre Zeit ­hinaus in die Welt wirkten.

Von Roger Köppel

Von unten nach oben: Disputation im alten Zürcher Rathaus, 1523. Bild: Schweizerisches Landesmuseum (zVg)

Am Anfang waren die neuen sozialen Medien. Die Erfindung des Buchdrucks 1450 durch­Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, zerstörte die Deutungsallmacht der alten Kirche, die seit über tausend Jahren fast unangefochten regierte.

Die «beweglichen Lettern» befreiten den Geist. Und bald stürzten die Hierarchien. Es war ein bisschen wie heute. Die neuen Guten- und Zuckerbergs von Facebook bis Twitter entmachten die alten Medien, die falschen Päpste und Autoritäten ihrer Zeit.

Leben wir in einer neuen Reformation, die mit Volksabstimmungen, Brexit und Trump die morsch gewordenen Tempel des Establishments wegblochert? Im Westen nichts Neues: Auch deshalb lohnt ein Blick zurück, als sich grosser Widerstand gegen die verknöcherte Macht, ähnlich wie heute, interessanterweise aus und in der Schweiz formierte.

Eine Hauptrolle spielte ein Bauernsohn aus dem Toggenburg. Er wurde zum Pfarrer und schliesslich zum geistigen Anführer einer politischen Weltbewegung. Dann starb er unter Hellebardenhieben auf dem Schlachtfeld. Zu früh oder gerade noch rechtzeitig, bevor ihm alles in den Kopf stieg?

Ulrich Zwingli war kein Schwärmer, kein Hetzer, kein Demagoge, kein Mensch, der nur aus Theorien und Gedanken lebte. Er wollte überzeugen, nicht Gott in die Menschen hineinprügeln. An Zwingli fasziniert das Organische, das natürlich Gewachsene, das sich zum zwingend wirkenden Ablauf fügt:

Wie hier der begabte Sohn aus angesehener Toggenburger Bauernfamilie, geboren am 1. Januar 1484, über Studien in Basel, Wien und dann wieder Basel zum frühreifen Pfarrer in Glarus und Einsiedeln wurde. Wie ihn die Begegnung mit dem Schweizer Soldwesen in der Katastrophe von Marignano 1515 zum Kämpfer für die eidgenössische Unabhängigkeit, zum Friedenspolitiker und vor allem zum entschiedenen Gegner des militärischen Menschenhandels machte.

Und wie er dann, ab 1519, als Seelsorger am Zürcher Grossmünster auch, aber nicht nur unter dem Einfluss des deutschen Kraftpredigers Martin Luther in die tektonischen Verschiebungen seiner Zeit geriet. Zwingli aber war kein Krieger des Worts wie der Wittenberger Reforma­tor, kein auf Kampf getrimmter Übermönch. Zwingli operierte lange mit Vorsicht und Zurückhaltung in den frührepublikanischen Machtstrukturen des Zürcher Stadtstaats. ­Seine Revolution kam nicht wie bei Luther von oben dank fürstlicher Gewalt ins Rollen. Zwingli arbeitete sich von unten hoch – dank Streitgesprächen, «Disputationen» und Volksbefragungen.

Unabhängigkeit statt Riesenzwerg

Zwingli war Ausdruck wie auch Vorantreiber der Demokratie, ein Wegbereiter des Sonderfalls. Dass ihn am Ende die schweizerische ­Politik der Machtzerstückelung zerfleischte, verbindet ihn mit anderen bedeutenden Eidgenossen. Man kämpft fürs Land, wächst an seinen Siegen und wird beseitigt, weil die schwererziehbaren Schweizer keine grossen Politiker wollen, aber ihre Freiheit über alles lieben.

Und noch etwas ist gleich am ­Anfang zu erwähnen. Zwingli wusste spätestens seit Marignano: Der Schweiz kann es nur gutgehen, wenn sie sich aus den Händeln der Grossmächte heraushält. Das kleine und verwundbare Geflecht stolzer Kantone darf nicht den Riesenzwerg markieren. Die Schweiz muss unabhängig bleiben, sonst geht sie unter.

Die Leute, die heute bereit sind, diese harterkämpfte Unab­hängigkeit preiszugeben, ja die Schweiz wegen der Aussicht auf ein paar einträgliche Geschäfte ans Ausland zu verkaufen, sollten Zwinglis Tiraden gegen das militärische Söldnerwesen lesen. Ersetzt man die Worte «Söldner» und «Frankreich» durch die Begriffe «bilateral» und «Brüssel», sind wir in der Gegenwart.

Im Zentrum des Weltbebens

Was muss man wissen, um Zwingli zu verstehen?

Erstens: Er wurde in eine Zeitenwende hineingeboren. Das Mittelalter war zu Ende, eine neue Epoche brach an. Entscheidend war die Renaissance, die Wiederentdeckung antiker Quellen, alter Texte. Sie beflügelten, zeigten Alternativen auf, beleuchteten die Gegenwart mit ihren Fehlern neu. Der überragende Renaissancegelehrte war Erasmus von Rotterdam, ab 1516 ein grosser Anreger, dann Freund Zwinglis. Es war kein Zufall, dass Erasmus auch in Basel wirkte. Die freie Schweizer Stadtland-Luft zog an.

Zweitens: Die katholische Universalkirche steckte in der Krise. Die Sittenverluderung war kolossal. Die Päpste hurten, prassten und politisierten wie die Fürsten. Um ihren Geldhunger zu stillen, fingen sie an, das Seelenheil, die Erlösung des Menschen durch Ablassbriefe zu verhökern: «Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.» Gegen diese gotteslästerlichen Anmassungen nagelte der deutsche Augustinermönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine zornigen 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Es war der offizielle Beginn der Reformation.

Drittens: Es ging um Theologie, aber es ging immer auch um Politik und Gesellschaft. Theologie: Die Reformatoren kehrten zurück zur Bibel. Dort stand nichts von Päpsten und Ablass. Die Kirche wurde als Machtapparat zum Vorteil ihrer Angestellten auf Kosten aller anderen entlarvt, eine Art EU vor der EU. Die Reformatoren, geschmähte «Populisten» vor dem Herrn, hielten unkorrekt dagegen: Gott ist allen Menschen direkt und freundlich zugewandt. Es braucht keine Bürokratie dazwischen, die nur sich selber dient. Es war eine gewaltige spirituelle Befreiung.

Politik: Das Heilige Römische Reich ­Deutscher Nation mit Hauptsitz Wien, Stammhaus der Habsburger, war das politische Zentrum des Weltkatholizismus. Auf ­Augenhöhe, manchmal knapp darüber, stand der Vatikan als geistiges Hauptquartier. Die katholische Übermacht produzierte Gegenmacht. Immer mehr Fürsten sahen es gerne, wenn die Kirche zurückgebunden wurde. Man schielte auch auf die reichdotierten Klöster. So spitzte sich die theologische zur politischen Auseinandersetzung zu.

In der Schweiz ging der Riss quer durch. Die alten Innerschweizer Kantone blieben katholisch. Zürich, Bern, Basel und schliesslich Genf unter Calvin wurden reformiert. In einem wichtigen Punkt allerdings irrte Zwingli: Er glaubte, auch in der Innerschweiz dürstete es die Leute nach Erneuerung. Falsch: Sie waren ganz zufrieden, weil der katholische Glauben hier volkstümlicher und die Kirchen, gutschweizerisch, bodenständiger, also weniger korrupt waren.

Sein tragisches Ende

Erbarmungslos trieb der deutsche Religionskonflikt auch die Eidgenossen gegeneinander. 1529 konnte die militärische Konfrontation bei jener berühmt gewordenen Kappeler Milchsuppe gerade noch verhindert werden. Im Oktober 1531 aber kam es wieder bei Kappel zur unvermeidlichen Schlacht. Beide Seiten waren ihrem nicht unbegründeten Verfolgungswahn erlegen, die jeweils andere Glaubensrichtung wolle sie vernichten.

Zwingli spielte eine tragische Rolle. Er, der immer für die Unabhängigkeit gewesen war, sah sich angesichts der verdüsterten europäischen Gesamtlage plötzlich genötigt, Bündnisse mit fremden Mächten abzuschliessen. Er, der doch immer gegen den Krieg eingetreten war, glaubte auf einmal sich der Einsicht beugen zu müssen, ein Krieg sei notwendig, um die Reformation in der Schweiz zu retten.

Aus letztlich guten Motiven kam es zur Katastrophe. Die Zürcher wurden vernichtend geschlagen. Feldprediger Zwingli blieb liegen. Die siegreichen Innerschweizer schmähten und bespuckten den Leichnam, ehe sie ihn vierteilten und verbrannten. Hans Schönbrunner, ein ehemaliger Zürcher Chorherr, der aus Treue zum alten Glauben nach Zug ­geflohen war, brach beim Anblick von Zwinglis geschändeter Leiche in Tränen aus: «Wie du auch Glaubens halb gewesen, so weiss ich, dass du ein redlicher Eidgenosse gewesen bist. Gott vergebe Dir Deine Sünden.»

Was bleibt, was beeindruckt an diesem Schweizer Rebellen, der nie ein Rebell sein wollte? Eben dies: Zwingli hatte nicht den Ehrgeiz, jemand sein, eine bedeutende Rolle spielen zu wollen. Aber wie alle wirklich guten Männer folgte er dem, was er als seinen Auftrag empfand, unterwarf er sich den Aufgaben, die ihm das Leben stellte. Nicht Selbstverwirklichung, aber ein Gefühl der Notwendigkeit schien sein Handeln zu lenken.

Es ist bezeichnend, dass der grosse Basler Theologe Karl Barth mit Zwingli Mühe hatte. Barth war ein genialer, unerbittlicher Systematiker. Zwingli war ein Mann der Praxis, ein entscheidungsfreudiger, kühner Pastor und Politiker, der auch aus dem Leben schöpfte. Es fehlte die kühle, intellektuelle Geschlossenheit des Denkens, dafür gab es Brüche, Tragik, viel Wirklichkeit.

Zwinglis bedeutende Leistungen zum Schluss:

Als Theologe befreite er die Menschen von der Tyrannei einer Kirche, die ihren Auftrag vergessen hatte. Seine Reformation war vor ­allem ein Angriff gegen die scheinkorrekten Heuchler und Gutmenschen, die Gott und die Moral für weltliche Machtinteressen missbrauchten. Viele Reformierte haben heute vergessen, dass es mit der Reformation nie aufhört. Zwinglis Kampf gegen die «Frommen» und «Netten» muss unter neuen Vorzeichen immer wieder neu gekämpft werden.

Man kann den Theologen nicht vom Politiker trennen. Der Toggenburger brachte Zürich eine neue Kirchenverfassung auf der Grundlage der Selbstverwaltung. Er machte den Stadtstaat demokratischer, ohne die Ordnung im Chaos aufzulösen. Indem er das Söldnerwesen verbieten liess, förderte er die aussenpolitische Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft.

Und am wichtigsten: Es war Zwingli, der in Bern der Reformation zum Durchbruch verhalf, und es waren ­sodann die Berner, die den Genfern unter ­Calvin gegen die Franzosen halfen. Dieses fruchtbare polit-spirituelle Joint Venture zwischen Zürich und Bern wirkte in die Welt hinaus: ohne Zwingli kein Calvin, ohne Calvin kein Weltcalvinismus und ohne Weltcal­vinismus kein Holland, kein Preussen, kein Grossbritannien und keine Vereinigten Staaten von Amerika.

Stammvater des westlichen Erfolgsmodells

Man kann darüber streiten, wie sehr der reformierte Glaube überhaupt am Ursprung der modernen Marktwirtschaft und der indu­striellen Revolution stand. Der bedeutende Zwingli-Kenner Peter Opitz sieht es genau so: Indem die Reformatoren die Menschen vom «bitteren Joch», aus den Klauen der Kirche, befreit hätten, seien sie erst wirklich frei geworden, eigenverantwortlich unter dem «süssen Joch» Gottes ihr irdisches Glück zu suchen.

Zwingli wäre demnach auch eine Art Stammvater des angelsächsischen «pursuit of happiness», einer mächtigen Säule unseres westlichen Erfolgsmodells.

Kommentare

+ Kommentar schreiben
 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe