Medien

Ein Spiegel der Kulturen

Roger Köppel als Coverboy: Wie der ­Journalismus in Deutschland verrottet und wie er in der Schweiz floriert.

Von Kurt W. Zimmermann

Ersatzkandidat: Spiegel-Titel. Bild: zVg

Nur wenige gebürtige Schweizer haben es aufs Titelbild des Spiegels geschafft. ­Früher waren es die Künstler, heute sind es die Schurken.

Die beiden Grossdichter Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt brachten es schon früh (1953 bzw. 1959) aufs Cover des Nachrichtenmagazins. Dasselbe gelang auch der Schauspielerin Maria Schell (1953) und der Astrologin Elizabeth Teissier (1981).

Dann war eine lange Pause, bis der Spiegel Helvetiens Bösewichter fürs Titelbild entdeckte.

Joe Ackermann (2012), Chef der Deutschen Bank, war der «Prototyp des arroganten Bankers». SVP-Politiker Christoph Blocher (2014) hat «Schockwellen durch Europa geschickt». ­Fifa-Präsident Sepp Blatter (2015) war «korrupt». Und SVP-Nationalrat und Weltwoche-­Verleger Roger Köppel (2016) ist ein «Geister­fahrer».

Bösewicht Köppel gelang der Sprung auf den Spiegel-Titel diese Woche. Allerdings, wie auch bei Blocher, wurde er nur in der Schweizer Split-Ausgabe des Magazins zum Coverboy. ­Deren Auflage ist mit etwa 20 000 Exemplaren eher unscheinbar. Aber die über vier Seiten zu Köppel hatten auch die 800 000 Käufer der ­Gesamtausgabe im Heft. Sie lernten, dass der Schweizer ein «Rechtspopulist» sei – diese Bezeichnung ist aus deutscher Sicht so ungeheuerlich, dass sie im Artikel gleich sechs Mal fällt.

Exotisches Wesen in Deutschland

Nun ist Köppel tatsächlich rechtskonservativ. Das macht ihn in Deutschland zu einem völlig exotischen Wesen. Es gibt dort keine Journalisten mit rechten Positionen zu Fragen wie Flüchtlingskrise oder Ausländerkriminalität. Von «Hart, aber fair» bis zum «Maischberger»-Talk fehlt Köppel darum in keiner Fernsehdiskussion.

Köppel braucht es im Spiegel und im TV als Surrogat. Er ist der Schweizer Ersatzkandidat für die Lücke der deutschen Publizistik. Er ist das Spiegelbild dafür, wie schlecht der Journalismus in Deutschland im Vergleich zur Schweiz geworden ist.

Die Medien in Deutschland sind heute praktisch gleichgeschaltet. Rund um die Massen­einwanderung gab es kein einziges Medium, das aus rechtsbürgerlicher Sicht die Folgen der Immigration und die Krise der EU bewertet hätte. Es gab allenfalls Nuancen bei der Zustimmung zur offiziellen Politik. Die ARD und

Die Zeit waren politisch hochkorrekt, Die Welt und die Frankfurter Allgemeine nur etwas weniger politisch korrekt. Mit leichten Variationen galt die linksnationalistische Devise, die der Spiegel im Herbst vorgegeben hatte: «Deutschland ist Vorbild geworden, es hat ­seine Partner in Europa beschämt.»

Bei uns gibt es eine solche Einheitsdoktrin nicht. Rund um die Durchsetzungsinitiative tobt derzeit ein Meinungsstreit in den Me­dien, wie er offener und kontroverser nicht sein könnte. Die Argumentationsbreite reicht vom Zerfall der Demokratie bis zum Landesverrat. Und, noch wichtiger, auch die unangenehmen Fakten zur Ausländerfrage kommen alle auf den Tisch. In Deutschland herrscht dagegen die Verschweigenskultur.

Geistiger Blütengarten

Die Schweiz ist im Vergleich zur deutschen Meinungswüste damit ein geistiger Blütengarten. Es gibt die Weltwoche, die Basler Zeitung und die NZZ, die rechts der Mitte argumentieren. Es gibt den Tages-Anzeiger, grössere Regionalblätter und die SRF-Kanäle, die eher linke Positionen einnehmen.

Dem sagt man Diskussionskultur. Es gibt in den Schweizer Medien keine Tabus. Wir brauchen keinen Journalisten aus Berlin, der uns sagt, was wir uns nicht zu sagen trauen.

Der mediale Vergleich mit Deutschland ergibt ein klares Fazit. Die direkte Demokratie macht nicht nur die Politik besser. Sie macht auch den Journalismus besser.

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