Editorial

Blitzgeburt

Der neue SRG-Direktor, die 
Arroganz und die Einseitigkeit unserer Staatsjournalisten.


Von Roger Köppel

Die Papstwahl ist eine Castingshow der totalen Transparenz, wenn man sie mit dem klammheimlichen Verfahren zur Ernennung des neuen SRG-Generaldirektors vergleicht, an dessen Name ich mich leider bereits nicht mehr erinnern kann, weil die Personalie von den PR-Strategen des Hauses mit genialem Timing – oder war es Unfähigkeit? – unmittelbar nach der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten bekanntgegeben wurde.

Gilles wer? Es war so, als ob der Neue gleichsam durch göttliche Fügung direkt aus der Rippe seines Vorgängers geschnitten worden wäre, eine ansatzlose Blitzgeburt, die nicht zufällig biblische Anspielungen weckt. Spätere Generationen werden von einer Art Selbstbefruchtung des Apparats sprechen, die ohne sichtbare Ausmarchung unter mehreren Kandidaten wundersam zur Alternativlosigkeit des jetzt Gewählten führte.

Was die einen als bestaunenswerten Ausdruck von Understatement und sachbezogenem Verzicht auf jegliche Art von Personenkult empfinden, ist in den Augen anderer nur das jüngste Beispiel für die unschweizerische Arroganz dieser nationalen Rundfunkanstalt, die zusehends den Bezug zur Wirklichkeit verliert, seit sie, von steuerähnlichen Zwangsgebühren überfinanziert, in einem Nirwana der materiellen Sorglosigkeit herumflimmert.

Wandelnde Verkörperung und oberster Prediger dieser vorsätzlich an der Lebensrealität ­ihrer Zuschauer vorbeisendenden Selbstherrlichkeit ist der noch amtierende Direktor Roger de Weck. Seine Lieblingsbeschäftigung ist es neuerdings, den Leuten vorzurechnen, warum die privaten Medienbetriebe in wenigen Jahren angeblich untergehen oder vom Zürcher Finsterling Christoph Blocher aufgekauft werden.

Gegen diese für die SRG nach Trump wohl zweitgrösste Bedrohung der Menschheit verkauft sich der aus einer Freiburger CVP-Familie stammende de Weck in seiner von lauter CVPlern kontrollierten SRG als letzter Gralsritter der parteipolitischen Vielfalt, der Qualität und des «unabhängigen Journalismus».

Wie «unabhängig» der SRG-Journalismus wirklich ist, davon konnte man sich vor zwei Wochen in der US-Wahlnacht erschöpfend überzeugen, als sich das Senkblei einer suizidalen Niedergeschlagenheit auf den Bildschirm legte, nachdem die Hoffnungen des reportierenden Hillary-Clinton-Fanklubs im Leutschenbach-Studio am «Rattenfänger» Trump zerschellt waren. Das war kein Ausrutscher, sondern ein langer Moment der Ehrlichkeit. In dieser Wahlnacht wurde allen klar, dass zwischen Wirklichkeit und Selbstwahrnehmung der SRG als Bastion der Ausgewogenheit und Qualität ein gewaltiger Graben klafft.

Radiochefin Lis Borner zum Beispiel hat kürzlich der Weltwoche erklärt, man habe bei SRF entschieden, keine Schweizer Partei «populistisch» zu nennen. Ich habe vor kurzem ins «Echo der Zeit» hineingehört. Ein Hauptbeitrag trug den Titel: «Interne Machtkämpfe schwächen die Genfer Rechtspopulisten». Was war da bei dieser Sendung – laut Moritz Leuenberger das «Flaggschiff» des Service public – wörtlich zu hören?

– «Populisten sind auf dem Vormarsch, das war bei den letzten kantonalen Wahlen auch in Genf so.»

– «Das rechtspopulistische Mouvement Citoyens Genevois (MCG)» sei in eine Krise geraten . . .

– «Fakt ist, es gibt mit dem schwächelnden MCG und der erstarkenden SVP jetzt schon zwei rechtspopulistische Parteien.»

– «Es gibt in Genf schlicht zu wenig rechts­populistische Wähler für drei Parteien.»

– «Ende der achtziger Jahre beispielsweise erlebte die rechtspopulistische Vigilance einen fulminanten Aufstieg.»


Und Radiochefin Borner behauptet, man habe entschieden, keine Schweizer Partei «populistisch» zu nennen. Entweder ist ihre Aussage nicht wahr, und dann muss sie den Hut nehmen. Oder ihre Mitarbeiter scheren sich keinen Deut darum, was ihre Chefin anordnet. Dann muss sie zusammen mit ihren Unter­gebenen den Hut nehmen.

Hören und schauen wir mal, wie schnell ein Politiker bei SRF ein «Rechtsaussen» ist. Und wie oft vernehmen wir für dessen Pendant zur Linken bei SRF das Wort «Linksaussen»? Nie. Null. Zero. Wer vor Emigrantenströmen, Masseneinwanderung und EU-Debakel warnt, ist bei SRF ein «Angstmacher». Grundsätzlich nie hören wir das Wort «Angstmacher» bei jenen, die beim Brexit den Untergang Grossbritan­niens oder bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative den Zusammenbruch ­aller bilateralen Verträge und den wirtschaft­lichen Totalkollaps voraussagen.

Bei der SRF-Berichterstattung werden die Verlautbarungen und Hochglanzprospekte von Behörden und Nichtregierungsorganisa­tionen wörtlich und ungefiltert wie himmlische Wahrheiten verlesen.

Unmittelbar vor den Wahlen haben die Verantwortlichen unseres Staatsfernsehens im «Kassensturz» die Bürgerlichen als konsumentenfeindlich abqualifiziert, weil sie unter anderem gegen die staatlich aufgezwungene Verdoppelung der Garantiefrist gestimmt hatten. Befürworter dieser planwirtschaftlichen Idee wurden als konsumentenfreundlich bejubelt, statt als wirtschaftsfeindlich – und somit letztlich konsumentenfeindlich – entlarvt.

Vor einem Monat konnte sich SVP-Nationalrat Pirmin Schwander laut SRF hinter der ­Immunität «verstecken», wohingegen FDP-­Nationalrätin Christa Markwalder letztes Jahr durch die Immunität «geschützt» wurde.

Tatsache ist, dass solche Bezeichnungen wertend sind und somit gegen die in der Charta der SRG hochgehaltene Unvoreingenommenheit verstossen. Die SRG ist kein Bollwerk der ­Qualität, sondern das Propaganda-Organ einer Gruppe abgehobener, unehrlicher Ideologen, die vermutlich die vielen guten Journalisten, die es dort auch gibt, daran hindern, ihren ­Auftrag zu erfüllen.

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