Trump

Hat Amerika die Wahl zwischen Pest und Cholera?

Der US-Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump schleudert in die entscheidende Phase. Es ist ein Irrtum zu glauben, Trump habe – trotz peinlichen Aussetzern und Tiefschlägen – die erste TV-Debatte klar verloren. Hillary gab die Musterschülerin brillant. Jede ihrer Aussagen und Bewegungen wirkte locker und perfekt wie einstudiert. Trump war nicht so schlecht, wie die Medien schrieben, aber er stand öfters neben den Schuhen. Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Es war, wie wenn auf einer Bühne eine Geigerin gegen einen Boxer antritt. Die Geigerin spielte viel besser Geige als der Boxer, aber was nützt das, wenn die Leute keine Geigerin, sondern einen Boxer wollen?

Wer ist Trump? Was muss man von ihm halten? Die Hasstiraden der Medien gegen den aufschneiderischen Immobilienmogul sind amüsant. Die New York Times dreht seit Monaten durch, wenn sie sich mit Trump beschäftigt. Das ist keine Berichterstattung mehr, das sind publizistische Attentate. Sie zielen darauf ab, tagaus, tagein die politische Existenz des erstaunlich erfolgreichen Kandidaten zu vernichten. Bis jetzt vergeblich. Je mehr sie schiessen, desto stärker machen sie ihn.

Nimmt man die berserkernde Hochnäsigkeit dieser linken Medien- und Intellektuellen-Zitadelle in New York als eine Art Fiebermesser ernst, muss die Verzweiflung unter den Trump-Gegnern gewaltig sein. Sie wissen ­natürlich, dass sie ihm mit ihren virtuosen ­Beleidigungen laufend neue Sympathisanten zutreiben, doch diese Erkenntnis macht sie nur noch wütender, so dass sich ihr Hass auf Trump inzwischen fast gegenstandslos aus sich selbst heraus befeuert.

Dabei ist Trump für die Medien ein Geschenk des Himmels. Er ist ein fantastischer Kandidat. Sie müssten beten für seinen Erfolg im November. Seine Unberechenbarkeit verlangt nach permanenter Deutung und Einordnung. Als Präsident würde er sich wohl etwas zurücknehmen, aber seine aberwitzigen Tweets und Einsichten, zum Beispiel seine philosophische Beobachtung, dass nur Dicke Diät-Cola trinken, würden die Auflagen nach oben peitschen. Ob er die USA «great» machen könnte, ist unsicher, aber der Unterhaltungswert der Supermacht stiege garantiert.

Seine Kritiker sagen, Trump lüge und habe keine Ahnung von Politik. Wahrscheinlich ­haben sie recht. Nur klingen bei Trump selbst die Lügen ehrlicher als die hochgestochenen Pseudowahrheiten seiner Konkurrentin Clinton. Trump ist wie ein erwachsenes Kind. Er prahlt und blufft und bläht sich auf. Als er am Ende des Fernsehduells nicht mehr weiterwusste, plapperte er irgendetwas, um dann trotzig beim Eigenlob zu landen, er habe ein «viel besseres Temperament» als Hillary. Es war wie unter Primarschülern beim Weitpinkelwett­bewerb.

Das Interessante ist: Das alles scheint dem Kandidaten Trump nichts anzuhaben. Die Leute strömen ihm zu. Sie jubeln und lachen, wenn er auf Hillarys Vorwurf, er zahle kaum Steuern, dazwischenruft: «Ich bin eben smart!» Dass sie ihm jetzt einen Strick daraus drehen können, dass er wegen seines Fastbankrotts und hoher Schulden in den neunziger Jahren wie die Schweizer Grossbanken nach der Finanzkrise eine Zeitlang gar keine Steuern zahlte, halte ich für unwahrscheinlich. Selbst wenn es stimmt, hat Trump mehr Arbeitsplätze geschaffen als die lebenslange Berufspolitikerin Hillary, die auf dem freien Markt noch keinen Bleistift verkaufte. Boxer gegen Geigerin: Trump ist der Antipolitiker, der den Überdruss gegen das ­Establishment verkörpert.

Die Behauptung, Trump habe kein Programm, ist übrigens falsch. Es fällt zwar schwer, aus dem Knäuel seiner Äusserungen und Ausfälligkeiten einen widerspruchsfreien Plan zu fädeln, doch wesentliche Punkte kommen heraus. Trump will die Steuern senken. Er will den Staat deregulieren und ihn auf Kernfunktionen – «law and order» – herunterfahren. Die Armee soll gestärkt, aber nicht als Gratis-Weltpolizist für alle verheizt werden. Trump stellt die ­nationalen Interessen in den Mittelpunkt: «America First» statt ruinösen Internationalismus. Trump ist das amerikanische Gegenstück zum russischen Muskelprä­sidenten Putin. Die beiden mögen sich wie zwei Gladiatoren, die darauf lauern, dem andern in der Arena die Kehle durchzuschneiden.

Müsste uns ein Präsident Trump Sorgen ­machen? Aber sicher. Ebenso wie Hillary. Jeder Präsident einer waffenstarrenden Supermacht muss den Bürgern eines Kleinstaats wenn nicht Angst, so doch fundierte Skepsis bereiten. Wir Schweizer durchschauen, weltoffen und gschpürig, wie wir sind, dass gerade die Amerikaner, die sich so viele Verdienste um die Sicherung von Frieden, Wohlstand und Demokratie erworben haben – dass gerade diese Amerikaner wie alle Idealisten auch ein staunenswertes Talent für Heuchelei besitzen.

Es waren die Amerikaner, die unter gütiger Mithilfe einer früheren Bundesrätin unser Bankgeheimnis zertrümmerten, um jetzt ­ihrerseits als globale Schwarzgeldoase Kunden anzuwerben in der Schweiz. Der Übergang vom Saubermann zum Gauner ist fliessend. Ein Präsident Trump würde daran – «America First» – wohl kaum etwas ändern. Sein Nationalismus allerdings wäre ehrlicher. Hillary steht wie Obama für ein Amerika, das seine natürliche Selbstsucht hinter scheinheiligen ­Phrasen der Moral versteckt.

Für viele ist die Wahl zwischen Trump und Hillary eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Vielleicht sollte man es etwas tiefer hängen. Egal, wer das Rennen macht: Die USA sind eine gefestigte Demokratie. Clinton würde den Job kaum schlechter machen als Bush oder Obama. Der zählebige Geschäftsmann Trump, der auch schon untendurch musste, wäre nicht der Teufel, den die Medien aus ihm machen. ­Erfreulich ist, aber auch beunruhigend, dass ­einer, der den Politbetrieb derart zerzaust, überhaupt so weit nach vorne kommen konnte.

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Kommentare

Marianne Levron

12.10.2016|08:18 Uhr

57,6 % von 960 WW-Lesern würden laut Umfrage auf der Startseite also Trump wählen. Gottlob ist diese Zahl nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung; es ist auch ein Unterschied, ob man bloss eine Umfrage beantwortet oder "richtig" wählt. Trotzdem ist es bemühend, festzustellen, dass so viele Leute einen grossmäuligen Vielleicht-Milliardär (wie viele Schulden hat er?) einer kompetenten, erfahreren Kandidatin vorziehen, nur eben , weil sie eine KandidatIN ist.Das einzige, was nie ausstirbt, sind die Machos...

Michael Wäckerlin

11.10.2016|19:58 Uhr

@ George Lips: Sehr richtig. Das ganze Wahltheater geht mir auch auf den Geist. Die USA und ihre Vasallen werden von den Geld- und Kreditschöpfern und ihren Primary Dealer Banken beherrscht. Der Rest ist panem et circenses.

Werner Sieber

10.10.2016|14:54 Uhr

Ich lese und höre jeden Tag was für ein Mensch der Kandidat Trump ist. Ich höre es von SRF bis zum Mitteilungsblatt der Gemeinde. Ich lese es bei den Schweizer Einheitsbrei Medien von WOZ bis Der Kirchenbote. Mit Jubel wird verkündet, dass Trump wieder in ein Fettnapf getreten ist. Jeder Atemzug wird kommentiert. Der Mann kann nur des Teufels sein.Wir werden Trump nicht wählen. Wir wollen keinen Trump. Ach in meiner Euphorie habe ich vergessen, wir haben da ja gar nicht zu melden. Aber zumindest habe ich dem Trump Anständig den Marsch geblasen. Was bin ich doch für ein anständig Unanständiger

Hans Baiker

09.10.2016|21:02 Uhr

Stefan Müller: wir wissen, HollywodStars neigen zu unbedarften Äusserungen, sobald das Drehbuch nichts mehrvorgibt. Powell hat ein ganz persönliches Motiv, darineinzustimmen. Vergleichen wir Trumps "sexistische" Sprüche,die in einer geschlossenen Männerunde überall auf der Weltvorkommen, nur mit dem Vorleben von Clinton und Kennedy,so ist er immer noch hoch moralisch.

Frowin Würmli

09.10.2016|15:53 Uhr

Trump ist ein Geschenk Gottes: Ein Genuss, wie Donald "Muschigrapscher" Trump nicht nur seine Reputation, sondern nun zusehends die der Republikaner zertrümmert. Am Ende beschert er Hillary gar noch eine Demokraten-Mehrheit in Senat & Repräsentantenhaus.Trump zeigt, wohin sich der selbstge-rechte Pöbel-Populismus bewegt hat: Laut rülpsen, aber nichts dahinter ausser Egomanie & Niedertracht; Hauptsache gegen das Establishment und politisch möglichst unkorrekt. Trump repräsentiert just auch jene imaginäre Wohlfühl-Figur, welche Köppel, Blocher & Co. seit Jahren anstreben versuchen & anhimmeln.

WEF: Jahrmarkt der Eitelkeiten?

No Billag: Die NZZ und die SRG.

Deutschland: Die ungeliebte Regierung in Berlin.

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