Editorial

Trump

Hat Amerika die Wahl 
zwischen Pest und Cholera?


Von Roger Köppel

Der US-Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump schleudert in die entscheidende Phase. Es ist ein Irrtum zu glauben, Trump habe – trotz peinlichen Aussetzern und Tiefschlägen – die erste TV-Debatte klar verloren. Hillary gab die Musterschülerin brillant. Jede ihrer Aussagen und Bewegungen wirkte locker und perfekt wie einstudiert. Trump war nicht so schlecht, wie die Medien schrieben, aber er stand öfters neben den Schuhen. Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Es war, wie wenn auf einer Bühne eine Geigerin gegen einen Boxer antritt. Die Geigerin spielte viel besser Geige als der Boxer, aber was nützt das, wenn die Leute keine Geigerin, sondern einen Boxer wollen?

Wer ist Trump? Was muss man von ihm halten? Die Hasstiraden der Medien gegen den aufschneiderischen Immobilienmogul sind amüsant. Die New York Times dreht seit Monaten durch, wenn sie sich mit Trump beschäftigt. Das ist keine Berichterstattung mehr, das sind publizistische Attentate. Sie zielen darauf ab, tagaus, tagein die politische Existenz des erstaunlich erfolgreichen Kandidaten zu vernichten. Bis jetzt vergeblich. Je mehr sie schiessen, desto stärker machen sie ihn.

Nimmt man die berserkernde Hochnäsigkeit dieser linken Medien- und Intellektuellen-Zitadelle in New York als eine Art Fiebermesser ernst, muss die Verzweiflung unter den Trump-Gegnern gewaltig sein. Sie wissen ­natürlich, dass sie ihm mit ihren virtuosen ­Beleidigungen laufend neue Sympathisanten zutreiben, doch diese Erkenntnis macht sie nur noch wütender, so dass sich ihr Hass auf Trump inzwischen fast gegenstandslos aus sich selbst heraus befeuert.

Dabei ist Trump für die Medien ein Geschenk des Himmels. Er ist ein fantastischer Kandidat. Sie müssten beten für seinen Erfolg im November. Seine Unberechenbarkeit verlangt nach permanenter Deutung und Einordnung. Als Präsident würde er sich wohl etwas zurücknehmen, aber seine aberwitzigen Tweets und Einsichten, zum Beispiel seine philosophische Beobachtung, dass nur Dicke Diät-Cola trinken, würden die Auflagen nach oben peitschen. Ob er die USA «great» machen könnte, ist unsicher, aber der Unterhaltungswert der Supermacht stiege garantiert.

Seine Kritiker sagen, Trump lüge und habe keine Ahnung von Politik. Wahrscheinlich ­haben sie recht. Nur klingen bei Trump selbst die Lügen ehrlicher als die hochgestochenen Pseudowahrheiten seiner Konkurrentin Clinton. Trump ist wie ein erwachsenes Kind. Er prahlt und blufft und bläht sich auf. Als er am Ende des Fernsehduells nicht mehr weiterwusste, plapperte er irgendetwas, um dann trotzig beim Eigenlob zu landen, er habe ein «viel besseres Temperament» als Hillary. Es war wie unter Primarschülern beim Weitpinkelwett­bewerb.

Das Interessante ist: Das alles scheint dem Kandidaten Trump nichts anzuhaben. Die Leute strömen ihm zu. Sie jubeln und lachen, wenn er auf Hillarys Vorwurf, er zahle kaum Steuern, dazwischenruft: «Ich bin eben smart!» Dass sie ihm jetzt einen Strick daraus drehen können, dass er wegen seines Fastbankrotts und hoher Schulden in den neunziger Jahren wie die Schweizer Grossbanken nach der Finanzkrise eine Zeitlang gar keine Steuern zahlte, halte ich für unwahrscheinlich. Selbst wenn es stimmt, hat Trump mehr Arbeitsplätze geschaffen als die lebenslange Berufspolitikerin Hillary, die auf dem freien Markt noch keinen Bleistift verkaufte. Boxer gegen Geigerin: Trump ist der Antipolitiker, der den Überdruss gegen das ­Establishment verkörpert.

Die Behauptung, Trump habe kein Programm, ist übrigens falsch. Es fällt zwar schwer, aus dem Knäuel seiner Äusserungen und Ausfälligkeiten einen widerspruchsfreien Plan zu fädeln, doch wesentliche Punkte kommen heraus. Trump will die Steuern senken. Er will den Staat deregulieren und ihn auf Kernfunktionen – «law and order» – herunterfahren. Die Armee soll gestärkt, aber nicht als Gratis-Weltpolizist für alle verheizt werden. Trump stellt die ­nationalen Interessen in den Mittelpunkt: «America First» statt ruinösen Internationalismus. Trump ist das amerikanische Gegenstück zum russischen Muskelprä­sidenten Putin. Die beiden mögen sich wie zwei Gladiatoren, die darauf lauern, dem andern in der Arena die Kehle durchzuschneiden.

Müsste uns ein Präsident Trump Sorgen ­machen? Aber sicher. Ebenso wie Hillary. Jeder Präsident einer waffenstarrenden Supermacht muss den Bürgern eines Kleinstaats wenn nicht Angst, so doch fundierte Skepsis bereiten. Wir Schweizer durchschauen, weltoffen und gschpürig, wie wir sind, dass gerade die Amerikaner, die sich so viele Verdienste um die Sicherung von Frieden, Wohlstand und Demokratie erworben haben – dass gerade diese Amerikaner wie alle Idealisten auch ein staunenswertes Talent für Heuchelei besitzen.

Es waren die Amerikaner, die unter gütiger Mithilfe einer früheren Bundesrätin unser Bankgeheimnis zertrümmerten, um jetzt ­ihrerseits als globale Schwarzgeldoase Kunden anzuwerben in der Schweiz. Der Übergang vom Saubermann zum Gauner ist fliessend. Ein Präsident Trump würde daran – «America First» – wohl kaum etwas ändern. Sein Nationalismus allerdings wäre ehrlicher. Hillary steht wie Obama für ein Amerika, das seine natürliche Selbstsucht hinter scheinheiligen ­Phrasen der Moral versteckt.

Für viele ist die Wahl zwischen Trump und Hillary eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Vielleicht sollte man es etwas tiefer hängen. Egal, wer das Rennen macht: Die USA sind eine gefestigte Demokratie. Clinton würde den Job kaum schlechter machen als Bush oder Obama. Der zählebige Geschäftsmann Trump, der auch schon untendurch musste, wäre nicht der Teufel, den die Medien aus ihm machen. ­Erfreulich ist, aber auch beunruhigend, dass ­einer, der den Politbetrieb derart zerzaust, überhaupt so weit nach vorne kommen konnte.

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe