Schweiz

Freudloser Glücksweltmeister

In Ranglisten der zufriedensten Menschen belegen die Schweizer regelmässig Spitzenplätze. Als besonders fröhlich gelten wir ­indes nicht. Wie kommen dann die ­Glücksforscher zu ihren ­Resultaten?


Von Mathias Binswanger

Vergleicht man das Glück oder die Zufriedenheit der Menschen in verschiedenen Ländern, dann weist die Schweiz stets Spitzenresultate auf. Gemäss empirischen Untersuchungen gehören Schweizerinnen und Schweizer zu den weltweit glücklichsten ­Menschen. Auch im jüngsten, vor ein paar ­Wochen publizierten «World Happiness ­Report» des Jahres 2016 liegt die Schweiz knapp hinter Dänemark an zweiter Stelle.

Aufgrund solcher Zahlen könnte man schliessen, dass die Schweiz ein von besonders fröhlichen Menschen bewohntes Land sei. Doch wenn Ausländer zu Besuch kommen, ­beginnen sie bald an den hohen Glückswerten der Schweizer Männer und Frauen zu zweifeln. Begibt man sich nämlich an neuralgische Stellen wie etwa den Bahnhof von Zürich, dann muss man sich schon Mühe geben, um irgendwo ein fröhliches oder glückliches Gesicht zu entdecken.

Die Gesichter erinnern viel eher an Menschen, die gerade von der Beerdigung eines Verwandten kommen und dabei noch erfahren haben, dass sie nichts geerbt ­haben. Wo befinden sich also all die glücklichen Menschen in der Schweiz, wenn man ­ihnen nie begegnet? Oder sind die Schweizer einfach besonders geschickt darin, ihr Glück in der Öffentlichkeit zu verbergen?

Um dieses Paradox erklären zu können, muss man sich zunächst die Frage stellen, wie Glück überhaupt gemessen wird. Ideal wäre es, wenn dafür ein technisches Messgerät existierte, welches den Glückszustand eines Menschen objektiv feststellte. Ein solches Messgerät würde dann zum Beispiel die elektrische ­Hirnaktivität, die Konzentration gewisser Substanzen im Gehirn, den Pulsschlag und die Hautfeuchtigkeit messen und daraus mittels eines Algorithmus einen objektiven Glückswert berechnen. Der britische Ökonom ­Francis Edgeworth beschrieb bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein solches Gerät und nannte es Hedonometer. Doch leider hat uns der technische Fortschritt in dieser Hinsicht im Stich ­gelassen – bis heute gibt es keine Hedonometer. Also bleibt den Glücksforschern nichts anderes ­übrig, als die Menschen nach ihrem jeweiligen Glückszustand zu befragen.

Befragungen haben aber stets auch ihre ­Tücken. So weiss man, dass Menschen bei Fragen nach ihrem persönlichen Glück im Allgemeinen zu positive Antworten geben. Diese Tat­sache hat sogar einen wissenschaftlichen Namen: social desirability bias. Menschen sagen, dass sie glücklich sind, weil sie das Gefühl haben, es sein zu müssen. Denn häufig hat man ja alles, was es zu einem angeblich glücklichen Leben braucht: einen guten Job, ein ansprechendes Einfamilienhaus, zwei Autos der oberen Mittelklasse, Kinder ohne Lernschwierigkeiten in der Schule und eine einigermassen funktionierende Ehe. Also sollte man doch zufrieden sein. Und dies erst recht in einer Gesellschaft, die zunehmend nur noch aus erfolgreichen, souveränen, selbstbestimmten und demzufolge natürlich auch glücklichen Männern und Frauen zu bestehen scheint.

Besonders in der Deutschschweiz ist der ­social desirability bias stark ausgeprägt. Umfragen zum Thema Glück ergeben mit schöner Regelmässigkeit, dass die Deutschschweizer die glücklicheren oder zufriedeneren Menschen sind als die Romands oder die Tessiner. Das dürfte aber weniger daran liegen, dass die Deutschschweizer tatsächlich die glücklicheren Menschen sind, sondern an einer anderen Einstellung. In den westlichen und südlichen Teilen der Schweiz ist das Gefühl, «zufrieden sein zu müssen», kulturell weniger verankert. Vielmehr sind diese Landesteile schon von der mediterranen Mentalität angesteckt, in der es üblich ist, sich zunächst einmal zu beklagen. Dies erklärt dann auch, weshalb Frankreich und vor allem Italien bei internationalen Glücksvergleichen immer ziemlich schlecht abschneiden. So liegt Italien im neuesten ­«World Happiness Report» nur auf Platz 50. Und diese schlechte Rangierung kann nicht mit der gegenwärtig desolaten wirtschaft­lichen Lage erklärt werden, da Italiener auch schon viel früher durch tiefe Glückswerte ­auffielen.

Ärger über Kleinigkeiten

Mentalitätsunterschiede beeinflussen also die Ergebnisse von Glücksumfragen in verschiedenen Ländern. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass Deutschschweizer eher freudlose Menschen sind, die sich aber verpflichtet fühlen, glücklich zu sein. Und bei den Italienern, und in abgeschwächter Form auch bei den Tessinern, handelt es sich um eigentlich fröhliche Menschen, die aber eine Neigung haben, sich über alles zu beklagen. Aus diesem Grund müssen Umfrageergebnisse zu Glück oder Zufriedenheit mit Vorsicht interpretiert werden. Nicht in jedem Menschen, der sich als glücklich bezeichnet, wohnt tatsächlich das Glück.

Wenn es um Leistung und Arbeit geht, ­haben wir in der Schweiz mittlerweile sogar ­einen eigentlichen Unzufriedenheitskult entwickelt. Wir sind darauf getrimmt, das Glas nicht zu neun Zehnteln voll, sondern zu einem Zehntel leer zu sehen. Wir ignorieren geflissentlich, auf welch hohem Niveau wir leben und welche Möglichkeiten das Leben den meisten Bewohnern der Schweiz bietet. Stattdessen vermiesen wir uns das Leben, indem wir uns über nichtfunktionierende Kleinigkeiten aufregen und auf Probleme fokussieren, die uns im Alltag gar nicht betreffen. Wir sollten deshalb versuchen, unsere bei Glücksumfragen geäusserten hohen Glückswerte vermehrt auch in die Praxis umzusetzen.


Mathias Binswanger ist Ökonom und Professor 
für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule
Nordwestschweiz in Olten sowie Privatdozent an der Universität St. Gallen.

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