Hochschulen

Anleitung zum Mittelmass

An Schweizer Universitäten gebe es zuwenig kreative Geister, ­behauptete die Weltwoche in der letzten Ausgabe. Dabei ist
es gerade das Schielen auf Rankings, das unkonventionelle Denker vertreibt und langweilige Vielpublizierer fördert.
Von Mathias Binswanger

Vor kurzem durfte die interessierte Öffentlichkeit wie jedes Jahr die neuesten Zahlen des QS-Rankings zur Kenntnis nehmen. Darin werden Universitäten weltweit anhand von verschiedenen Kriterien miteinander verglichen, und dann wird eine Rangliste erstellt. Die ETH in Zürich und die ETF in Lausanne schnitten dabei mit den Plätzen 9 und 14 sehr gut ab, aber die Schweizer Universitäten landeten mehrheitlich im Hintertreffen. Dies hat vor einer Woche bereits Philipp Gut in einem Artikel hier in der Weltwoche festgestellt und mit «Schweizer Mittelmass» betitelt. Ein wesentlicher Grund für dieses Mittelmass, so hiess es in dem Artikel, seien die hierzulande durch Lehrstühle dominierten Unis, wo Konformismus herrsche und «kreative Geister und produktive Unruhestifter die Exil-Option wählen würden». In angelsächsischen Top-
Universitäten sei das hingegen anders.

Dort sei «der Typus des schöpferischen Querdenkers weit verbreitet».

Das Glück der ETH

Schön wär’s. Auch an den meisten Top-Universitäten im angelsächsischen Sprachraum muss man lange suchen, bis man auf einen schöpferischen Querdenker stösst. Originelle Denker sind nicht der Grund für das grossartige Abschneiden von amerikanischen Elite-Unis beim QS-Ranking, bei dem der Inhalt der Forschung nicht die mindeste Rolle spielt. Häufig sind US-Unis gerade die eigentlichen Brutstätten von Monokulturen, die wir in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen beobachten können.

Schauen wir uns das QS-Ranking einmal genauer an. Den prozentmässig weitaus grössten Teil des QS-Rankings macht mit 40 Prozent die akademische Reputation aus. Diese wird ermittelt anhand von einer weltweit durchgeführten Umfrage unter Akademikern. Da ist schon einmal klar, dass an der Spitze immer die üblichen Verdächtigen stehen: MIT, Har­vard, Stanford, Cambridge, Oxford et cetera. Diese Universitäten sind dafür berühmt, berühmt zu sein, so wie das auch bei Paris Hilton oder, in der deutschen Version, bei Daniela Katzenberger der Fall ist. Wenn man deshalb Akademiker fragt, was eine Top-Uni ist, dann kommen ihnen verständlicherweise einfach die Namen von allgemein bekannten Top-Universitäten in den Sinn, ohne genau zu wissen, warum diese eigentlich top sind. Die ETH hat das grosse Glück, auch zu diesem illustren Kreis elitärer Universitäten zu gehören, und ist in Europa schon aus diesem Grund immer ganz vorne dabei.

Weitere wichtige Indikatoren mit einem Anteil von 20 Prozent am Ranking sind die Anzahl der an einer Universität beschäftigten Akademiker im Vergleich zur Anzahl der Studierenden und die Anzahl der Zitationen der in Fachzeitschriften veröffentlichten Artikel über einen bestimmten Zeitraum. Insgesamt beruhen 60 Prozent des Rankings (akademische Reputation, Anzahl der Zitationen) auf einer elfenbeinturminternen Beurteilung von Akademikern durch Akademiker. Andere Rankings von Universitäten wie etwa das bekannte Shanghai-Ranking stützen sich sogar noch stärker auf messbare bibliometrische Daten wie Publikationen und Zitationen in Top-Journals. Das Prinzip ist letztlich immer dasselbe: Man muss vor allem in der eigenen Wissenschaftsdisziplin ein Vielpublizierer und Vielzitierter sein, um einen Beitrag zum Ranking einer Universität zu leisten.

Wie kommt man aber zu Publikationen und Zitationen in angesehenen Journals des eigenen Fachbereichs? Die wichtigsten Prinzipien lauten: Anpassung an den Mainstream und keine etablierten Theorien oder Modelle in Frage stellen. Alle eingereichten Artikel durchlaufen in wissenschaftlichen Zeitschriften zunächst einmal ein Peer-Review-Verfahren, bei dem die Artikel durch Champions der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin evaluiert werden. Einem jungen Wissenschaftler bleibt unter diesen Umständen gar nichts anders übrig, als sich den in Top-Journals vertretenen Mainstreamtheorien anzuschliessen und sich der gerade in Mode befindenden empirischen Verfahren zu bedienen. Nur so hat er eine Chance, später genügend Publikationen vorzuweisen, um dann irgendwann als Professor wählbar zu sein. Durch diesen Anpassungsdruck wird gerade durch Top-Zeitschriften der wissenschaftliche Fortschritt häufig behindert statt gefördert. Publikationen und Zitationen in den Top-Zeitschriften sind aber wiederum entscheidend für das Ranking einer Universität.

Schlecht ist es auch, wenn man sich in der Forschung mit lokalen und für die Schweiz relevanten Themen beschäftigt. Dies trägt wenig zum internationalen Ansehen unter ausländischen Fachkollegen bei. Am besten, man behandelt auch in der Schweiz Themen, die an den amerikanischen Unis en vogue sind, denn bekanntlich sind die meisten Top-Journals dort beheimatet.

Gerade das immer stärkere Schielen auf Rankings vertreibt also originelle Querdenker und fördert stattdessen fleissige, technisch versierte, aber wenig originelle Vielpublizierer. In vielen wissenschaftlichen Artikeln, welche die Exzellenzrankings in die Höhe treiben, könnte auch das Gegenteil dessen «bewiesen» werden, was tatsächlich «bewiesen» wird, und niemand ausserhalb der Wissenschaftswelt würde davon je etwas merken. Es ist so oder so irrelevant.


Mathias Binswanger ist Ökonom und Professor 
für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule 
Nordwestschweiz in Olten sowie Privatdozent an der Universität St. Gallen.

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